Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Auge. Nur verdamme er die Widerwärtigkeiten und das gehässige Parteigezänke. Es war sehr schön. Ich dachte -an einen der Spielmanschen Finger: den Diplomaten. Ein Diplomat ist doch im Grunde ein Scholaum-Stifter. Man ist Botschafter, um die Gegensätze auszugleichen, um die goldenen Brücken zu finden und das Gleichgewicht zu erhalten. Was in der Parteien Tiefen rauscht, muß dem Diplomaten fremd sein, und nie ist ein Botschafter Parteimann. Für ihn ist alles Peripherie, der Kernpunkt ist sein Staat mit all den Parteien zusammen. Er stützt sich nicht auf eine Partei, er ist ein in seiner stillen, trotzigen, gesunden Kraft sich selbst genügender Einzelgänger, in. seinem Staarte nur festgewurzelt. Diesen Eindruck machte Oscar Strauß' Programmrede. Von parteilicher Seite war man davon nicht ganz erbaut. Man berichtigte sofort auf der Stelle: ja, er gehört in ein Komitee. Es war richtig, und Herr Oscar Strauß gehört tatsächlich in ein Komitee. Aber zugleich gehört er überall hin. Es sind Worte. Es ist keine Weltanschauung, es ist keine bindende, festgesetzte Norm — ein Versuch, ein guter Wille, ein „Warum nicht"?, ein „Vielleicht." Es soll nicht durch Reklame und Claque aufgebauscht werden. Und dies sage ich nicht von irgend einem Parteistandpunkte — dies sage ich vom Standpunkte der psychologischen Wahrheit. Alle Gedanken und Anregungen, Erfahrungen und Wünsche, wenn sie nur nicht das Unmögliche, das Abenteuerliche und Überschwängliche erstreben, sollen unterstützt werden. Im Zentrum dieser Strömungen steht ein Gefühl: die Humanität. Es ist ein großes und tiefes Mitleid mit den verfolgten Glaubensbrüdern — und ein Eklektizismus bezüglich der Mittel und der Methoden. Kurz darauf sah ich ihn im Shelter. Neue Ankömmlinge waren da, blasse Menschen, die mit bangem Herzklopfen die Entscheidung erwarteten, wie lange sie bleiben dürfen. Einige Bjelostoker waren da, noch zitternd vor Furcht und Schrecken, als ob sie noch von unbarmherzigen Furien verfolgt wären. 'Man konnte die Geschichte ihrer Leiden und Kämpfe auf ihren Gesichtern lesen. Nun war es wie ein stummes Nachgeben, wie eine dumpfe Resignation den strengen Regeln gegenüber. Denn die Regeln sind streng — sie müssen streng sein — und die Unglücklichen wissen nicht, was man von ihnen eigentlich verlangt. Es sind Goluthakrobaten, die gegen alle Ordnung ihr Leben gerettet haben — und man verlangt von ihnen eine Darstellung geregelter Verhältnisse. Sie kommen aus einem Wirrwarr, ihre Gedanken sind sprunghaft, ihre Begriffe verdunkelt, ihre Lebensenergie hastig und fieberhaft, ihre Geistesrichtung grüblerisch, ihre Seele, ihre eigentliche Seele außerordentlich diskret — und sie sollen nach einer Schablone, scheu und wirr, nervös und mißtrauisch, wie sie sind, nach der mechanisch-kurzen, messerscharfen englischen Art in katechetischer V/eise, wie die Ollendorf sehen Sätze, antworten! Eine qualvolle Todesnot ist es für sie, und sie werden gereizt, oder sie verfallen in einen Stumpfsinn. Eine alte Jüdin verlangte, man soll sie nach Argentinien schicken. Dort wird sie keine Sorgen haben, dort hat sie Kinder. Aber es steht nicht in den Statuten des Shelters, daß man Leute nach Argentinien schicken soll. Man erklärt es ihr zehnmal, man sucht ihr die Sache mundgerecht zu machen, aber sie begreift es nicht. Ein dumpfer, schwerer Seufzer quillt aus ihrer Brust. Es schien mir, als ob ich hörte einen stillen Ausruf: die R 'schoim! Ein älterer •Jude sitzt in einem Winkel. Er schaut mit einem geistesabwesenden Blick vor sich hin. Ein Aufseher prüft seine Dokumente mit geflissentlicher Sorgfalt. Der Arme profitiert schon zu lange von den Wohltaten des Shelter. Er muß andern den Platz räumen. So steht es geschrieben in den Statuten. Aber der Jude ist Schmied, und für Juden ist in London nichts zu schmieden da. „Dann schickt mich nach Amerika!" Aber die Unterstützung für Auswanderung gehört nicht zu den Aufgaben des Shelter. So steht es geschrieben in den Statuten. In der anderen Ecke sitzt eine junge Frau mit einem Kinde im Schoß; das blondlockige Kind streckt mir die Händchen entgegen. Ich befrage die Frau, woher sie kommt und was ihr passiert sei. Sie weint und antwortet kein Wort. Es überlief mich kalt vom Kopf bis zu den Füßen — dieses Stillschweigen. Die Anstalt ist gut, die Ordnung musterhaft, doch empfinde ich tief das Mangelhafte, das Unzulängliche, das Fatale des Palliativs — und es schneidet mir tief ins Herz. Und in einer dieser Gruppen begegne ich Herrn Oskar Straus, der mit der sanften Würde eines alten Baal-Bais die Leute ausfragt. In Amerika — sagt er mir — ist es noch viel schlimmer. Ist doch schon diese Straße ein Paradies gegen unsere Schlupfwinkel. Es ist tatsächlich kein Platz mehr. Aber er ist erbarmungsvoll und spricht mit pietätvoller Rührung von jüdischen Leiden. Einer der Aufseher sagt, in gewissen Fällen müsse man nach Amerika schicken, und er erwidert, man müsse vorsichtig sein. In dieser beklemmenden Atmosphäre, vor der Unlösbarkeit der Frage, beim Anblick der Frau, die nach Argentinien will, und des blondlockigen Kindes, welches die Händchen ausstreckt, wird man eben alles: Russo-Jewish, Committee, Alliance, Zionismus, Ito, Ica — und am Ende steckt man die Hand in die Tasche, und man gibt etwas abseits — von den Statuten. Ich sehne mich in die Höhe, in die Freiheit von der Not des Augenblicks, nicht vom Volke heraus, sondern in das Volk hinein, in das Geheimnis seiner Geschicke. Edel sind die Sympathien für diese und jene Richtungen, und lobenswert — vom menschlichen Standpunkte — ist auch die allgemeine Sympathie. Aber seien wir doch nicht wie die Kinder, die von Tag zu Tag, ohne Gedächtnis und Erfahrung leben. Die Juden, richtiger die Bekenner des jüdischen Glaubens — seien wir doch ehrlich und täuschen wir uns doch nicht über diesen Unterschied hinweg —, die hohe Stellungen einnehmen, machen uns viel Ehre. Es ist eine alte Erscheinung. Die Foulds und Godfroys, die Raynals, die Luigi Luzattis und Oltölenghis und Wollembergs waren Minister. Adolf Cremieux war einer der Ersten in seinem Lande und nährte in seiner tiefen Seele eine glühende Liebe für das Judentum, in seiner damaligen verwegensten Organisation der Welt-Allianz, die er erschaffen hat. Wo sind sie und wo ist ihre Nachkommenschaft? Auch sie waren gut und sie würden mit verfolgten Glaubensbrüdern mitleiden und mitwirken. Und sie haben mitgelitten und mitgewirkt mit all den Hilfsmitteln. Im Shelter, in der Emigration, in den Pogroms kann man eben nichts mehr tun. Der nationale Gedanke ist nicht ein Zurückgehen zu den Goluth-Formen und nicht ein Herumoperieren an den Erscheinungen, sondern eine grundlegende Anschauung. Juden als Staatsmänner gab es viele, aber es gab nur einen Judenstaatsmann. Juden, die in schweren Zeiten ihren Glaubensbrüdern helfen möchten, gibt es viele, aber das jüdische Volk offen und unumwunden als eigenes Volk anerkennen und seine historische Tradition zu betätigen, dazu genügt nicht, den Blick auf vorübergehende Zufälle zu richten. Dazu muß man tiefe Augen haben, feine Nuancen der Dinge sehen und der Nation ins Herz sehen. Denn nicht derjenige geht den Weg einer geschichtlichen Entwicklung, der immer wieder an den Stacheln und Häkchen des Wegzaunes hängen bleibt, sondern der die Linie des Weges innehält und mit freier Umschau dessen Ziel als Erkennender gewinnt. Daß die Juden, die hohe Stellungen erlangen, Erkennende werden, ist zu wünschen. Es handelt sich nicht um Persönlichkeiten, aber Erscheinungen soll man richtig werten. N. S.