Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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düngen seitens des Hilfsvereins erfolgen, resp. Maßnahmen, die zur Entwicklung der bereits unterstützten Anstalten notwendig sind. Aus dem Bericht sei ein Abschnitt wiedergegeben, der sich auf den vom Hilfsverein der Deutschen Juden subventionierten Kindergarten in Safed bezieht und der weitere Kreise interessieren dürfte. „Mein erster Besuch in Safed galt dem Kindergarten. Wie überall in Palästina, hat diese Institution auch hier gute Resultate gezeitigt. Mit ca. 60 Zöglingen eröffnet, zählt der Kindergarten gegenwärtig 84 Zöglinge (75 Mädchen und 9 Knaben), und das Komitee erwartet das nächste Semester eine weitere bedeutende Steigerung der Frequenz. Vom Beginn an hat sich hier keinerlei Feindseligkeiten gegen die Anstalt bemerkbar gemacht. Bei einem Besuch des Kindergartens glaubt man sich außerhalb Safeds versetzt. Die Zöglinge halten sich sauber, sind munter und frisch, weichen nicht scheu den Blicken des Besuchers aus, antworten auf alle Fragen laut und präzise und unterhalten sich miteinander im Schulhofe nur in hebräischer Sprache. Der Kindergarten hat drei Klassen, von denen die obere mehr eine Schulvorklasse ist in welcher die 6- bis 8 jährigen Zöglinge von der tüchtigen ersten Lehrerin, Frl. L. Lewin, auch im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden. Das Lokal befindet sich in guter Lage und besteht aus fünf Zimmern, die einen gepflasterten Hof einschließen." Die Schiffsflagge von Jerusalem In Konsiliarberichten levantinischer Häfen begegnet man öfters unter den aufgezählten Handelsflaggen der von Jerusalem, — meist als „Hierosolymitain" oder „Terra Santa". Groß an Bedeutung ist dieser Schiffsverkehr nicht, aber wohl interessant genug, um einige Notizen zu rechtfertigen. Nach „Verney et Dambmann^ Les Puissances fitrangeres dans leLevant, en Syrie et en Palestine" (Paris 19O0) stehen die kleinen - Segelbarken, die unter samiotischer und Jerusalemer Flagge fahren, seit langem unter französischem Schutze. In den Berichten über Jaffa ist die Jerusalemer Flagge nicht vertreten, da Jaffa der ■ Ausgangspunkt dieses Seeverkehrs ist, und nur die fremden Fahrtzeuge erwähnt werden. — Die genannte Quelle gibt folgende Ziffern an: (die Jerusalemer Segler haben meist etwa 35 Tons im Durchschnitt, woraus sich auch die Tonnage ungefähr bestimmen läßt, doch ist unterhalb der Gesamtanzahl der Fahrzeuge auch die Gesamttonnage angegeben.) Jahr ________________ Akka ________ Alexandrette Beirut Gaza Haifa Mersina Saida Tripoli 1885 1887 1888 1889 1890 1891 1892 1893 1894 1805 1896 ~~ 2 2 1 1 ~ | i 38; —; — 22 j — — 8 l -! - 13; — | — i! 10! 2 2 8 1 i — 8 i 1 | 2 6 1 - | 1 3; i j — 16 15 13 9 8 1 2 10 5 5 1 3 2 1 Total 4 2! 123 i 5 5 74 | 5 12 Gesamtj tonnage! 132 | 50 j 4575 175 j 189 2406 331 1055 Aus meinem Notizbuch Der Mut steigt ein wenig. Der Judenhaß ist tot. Beweis: ein jüdischer Handelsminister in Amerika. Die unsinnigen Ekstaseausbrüche mancher Leute rauben einem das bischen Zufriedenheit, das man eigentlich bei dieser Ernennung empfinden könnte. Gott! Wie hat man ein so kurzes Gedächtnis! In Spanien, kurz vor der Austreibung, unter Ferdinand und lsabella, bekleidete ein Jude das Amt eines Finanzministers. Er hieß Isaac Abravanel. Und schon vor ihm waren manche jüdische Finanzminister. Aber lassen wir die alten Geschichten. Erst vor einigen Jahren war ein Jude, Ottolenghi, Kriegsminister in Italien. Zwar ist Italien sehr liberal, aber schließlich ist es doch eine alte Monarchie und katholisch. Nun, wenn in einer alten katholischen Monarchie ein Jude Kriegsminister sein konnte — das Finanz-Portefeuille ist doch dort seit vielen Jahren in jüdischen Händen — ist es nicht naiv, daß man die Ernennung eines Juden zum Handelsminister in einer modernen, protestantischen Republik mit einem Schwall von Begeisterungsfragen überschüttet? Es ist eigentlich eine Anarchie, daß bis jetzt keine jüdischen Minister dort waren — in einem Lande, wo doch jeder Bürger, jeder Arbeiter Präsident werden kann. Der kleine Harry, der mit meinen Kindern spielte, war viel nüchterner. Er pflegte zu sagen: ich kann alles werden, sogar Staatssekretär wie Mr. Hay — Mr. Hay lebte damals noch —, nur kann ich nicht Präsident werden. Harry war ein Kind jüdischer Eltern aus Warschau, geboren in New-York und nach dem Tode seines Vaters im Jewish Orphans Azylum erzogen. Ich bin sicher, daß Harry gar nicht aus der Haut fahren wird, wenn er hört, daß ein Jude Handelsminister geworden ist. Auch wird Harry wissen, daß Handelsminister und Staatssekretär zwei verschiedene Ämter sind, was leider ntcht alle Zeitungsmenschen zu wissen scheinen. Das Jewish Orphans Azylum ist eine tüchtige Schule. Für die Harry'sche Theorie, daß ein Jude nicht Präsident der Vereinigten Staaten werden kann, mache ich dieses Azylum verantwortlich. Vergebens stritt ich mit dem kleinen, kraftkühnen Draufgänger, der auf den Präsidentenposten verzichtete, vergebens reizte ich seinen Ehrgeiz, indem ich ihm auseinandersetzte, welch ein schreiendes Unrecht, welch eine Tyrannei, Unmenschlichkeit und Barbarei es ist, einem Juden das natürliche, angeborene Recht zu rauben, Präsident zu werden. Er blieb bei seiner Behauptung. Im Azylum hatte man es ihm gesagt, und das Azylum weiß alles genau. Herrn Oscar Strauß habe ich letztens zweimal gesehen; bei dem von den „Maccabeans" zu seinen Ehren veranstalteten „Dinner" und bei der Shelter-Einweihung in London. Beim „Dinner" feierte Herr Marian Spielman den würdigen Gast in einer großen Rede, wobei er an den fünf Fingern seiner Hand fünf Eigenschaften des Herrn Strauß verherrlichte: Amerikaner, Jurist, Diplomat, Philanthrop, Jude. Der Jude also hing am letzten Finger. Hätte Herr Spielman jetzt die Aufgabe, Herrn Strauß zu feiern, so müßte er sich einen sechsten Finger wachsen lassen: Minister. Die Antwort des Herrn Strauß auf diese geistreiche, fünffingerige Apotheose war schlicht und gradlinig. Er bombardierte nicht mit seinen Komplimenten und Lobsprüche — er sprach bescheiden über Scholaum; ich möchte fast sagen wie ein gutherziger Prediger. Keine Stimmungen, keine Nuancen, kein Grübeln und keine Effekthascherei — gut und rechtschaffen sprach er, wie Komperts Bobie. Ein Intellektueller würde sagen: gleichgültiges, alltägliches Zeug. Allen Organisationen sprach er sein Wohlwollen aus: dem Russo-Jewish Committee, de Alliance," dem Zionismus, der Ito, der Ica. Er sei, sagte er, keii* Parteimann und es sei ihm gleichgültig, wie man helfen will. wolle sich nicht in Einzelheiten verlieren, er behalte das Ganze im