Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 44 dieIqE ELT 13 sie Erfolg hätten. Derselbe Aufruf wurde in Tausenden von Exemplaren dem nach Kursk abkommandierten Agenten der Geheimpolizei Michailow gesandt, der gleichfalls eine zweite Partie forderte- In Petersburg verbreitete das Polizeidepartement Aufrufe durch Dubrowin und den „Verband des russischen Volkes". In Moskau durch den Redakteur der „Moskowskija Wedomosti", Gringmuth, in andern Städten durch die Polizei und die Gendarmen. Alle diese Tatsachen und Exemplare des Aufrufes übergab ich dem Grafen Witte, der Kommissarow zu sich berief, der alles von mir Mitgeteilte bestätigte und erklärte: Er habe gehandelt auf Befehl Ratschkowskys und die Aufrufe nur dann in Druck gegeben, wenn sie vom Direktor des Polizeidepartements, Wuitsch, selbst bestätigt wurden. Abgesehen von allem, fährt Lopuchin fort, hat man Eurer Exzellenz auch nicht mitgeteilt, daß Ratschkowsky an der Spitze der politischen Abteilung des Departements bis Ende April verblieb, daß er offiziell dieser Stellung durch schriftlichen Befehl zwar enthoben, tatsächlich aber wieder an die Spitze der genannten Geheimpolizei gestellt und beauftragt wurde, im Regierungsinteresse die konservativen Organisationen auszunutzen. Eurer Exzellenz ist ferner fälschlich mitgeteilt, daß Rittmeister Budogoßkij, der Pogrom - Organisator in Alexandrowsk, nach Petersburg berufen wurde, und zwar sofort nach Entdeckung seiner Pogrom Vorbereitungen, und es sei ihm ein Verweis erteilt worden. Ferner wurde fälschlich behauptet, daß das Polizeidepartement sofort nach Entdeckung der Pogromvorbereitungen auf eigene Initiative an die Lokalbehörden telegraphiert habe und Maßregeln gegen die Pogrome forderte. Dieses alles behauptete Eure Exzellenz in der Dumarede. Budogoßkij ist aber nach Petersburg nicht im Dezember berufen worden, als er vom Erfolge seiner Pogrompropaganda an das Polizeidepartement berichtete, sondern erst im Februar oder März, auf die ausdrückliche Forderung des Grafen Witte hin, daß die Tätigkeit solcher offiziellen Pogromorganisatoren einzustellen sei." Im weiteren führt Lopuchin aus, es befänden sich bei der bestehenden Organisation der Geheimpolizei die Minister und die Zentralbehörden vollständig in den Händen von Polizisten, Gendarmen und Geheimagenten, die damit unkontrollierbare Herren über das Schicksal des ganzen Landes werden und offen ihre eigene Politik treiben, gegen die das Ministerium machtlos sei. Diese Lage sei diesmal dadurch verschlimmert, daß das Vorhandensein zweier Regierungsgewalten keinem Zweifel unterliege. Trepow, zum Palastkommandanten erhoben, bekam spezielle Mittel zur Unterhaltung einer speziellen Spitzelagentur; er bekam aus der Polizeiagentur alle wichtigen, nicht nur einlaufenden, sondern auch auslaufenden Dokumente bei vollständiger Ignorierung des Ministeriums des Inneren. „Nach allgemeiner Überzeugung ist diese zweite geheime Regierung viel mächtiger als das Ministerium," so schließt Lopuchin. Wie oben erwähnt, ist dieses Schreiben vom Gerichtshof nicht zu den Prozeßakten zugelassen worden. Hierauf erklärte die Verteidigung, sie habe sich die Aufgabe gestellt, über die Organisation der Pogrome und der Gegenrevolution durch die Verwaltung Licht zu verschaffen. Der Kampf gegen das „Schwarze Hundert" und gegen die Gegenrevolution sei die Aufgabe des Arbeiterdeputiertenrats gewesen. Die Feststellung dieser Tatsache bilde einen wesentlichen Teil der Verteidigung, zusammen mit dem von den Angeklagten ausgearbeiteten Verteidigungsplane. Daher entstehe nach der Ablehnung des Antrages des Verteidigers Grusenberg die Frage, ob die Verteidigung ihrer Aufgabe, die Wahrheit über Pogrome und Gegenrevolution aufzudecken, gerecht werden könne. Die Verteidigung suchte deshalb die Unterbrechung der Verhandlung nach, um zusammen mit den Angeklagten über die Sachlage zu beraten. Das Ergebnis dieser Beratung war die Erklärung der Verteidiger, daß sie die Verteidigung niederlegen, weil sich das Gericht weigere, Lopuchin als Zeugen vorzuladen. Die Verteidiger verließen demonstrativ den Saal, und die Angeklagten erklärten, sie erachteten es für zwecklos, der Verhandlung beizuwohnen; sie baten darum, ins Gefängnis zurückgeführt zu werden. Das Gericht beschloß, diesem Ersuchen nachzukommen und die Verhandlung in Abwesenheit der Angeklagten fortzusetzen. PALASTINA-NOTIZEN Bezalel Am 8. v. M. fand eine Sitzung des „Bezalel"-Komitees statt, in der folgende Komiteemitglieder teilgenommen haben: Julius >odenstein, S. Hepner, Berthold Israel, Direktor Levy, James Million, Dr. Paul Nathan, Dr. Schottländer, Dr. S. Soskin, Iermann Struck und Prof. Warburg. Den Bericht über die bisherige Entwicklung der Kunstgewerbechule in Jerusalem, aus dem sich ergab, daß die Schüler bereits in ersten Semester recht erfreuliche Fortschritte gemacht haben, iahen die Anwesenden mit großer Genugtuung zur Kenntnis gekommen. Besonderes Interesse erweckten die von Prof. Schatz ingesandten Photographien, die die höhere und niedere Klasse, die iuzelnen Ateliers, die Abendschule, die Spinnerei, Gipsgießerei usw. ■Sarstellen. Die Abbildungen der Schülerarbeiten ließen ersehen, vie weit besonders die Schüler der höheren Klasse im Modellieren lach der Natur 'bereits vorwärtsgekommen sind und zeigten originelle und recht gelungene Versuche, hebräische Buchstaben zu sterilisieren, wie überhaupt für Teppiche Muster zu entwerfen, die -ine spezifisch jüdische Note haben. Erwünschte Ausdehnung wird die Schule erfahren können durch die Ausführung des von der Zionistischen Jahreskonferenz n Köln gefaßten Beschlusses, ein den Zwecken des Bezalel entsprechendes Schulgebäude in Jerusalem zu errichten, da jetzt infolge der engen Räume eine ganze Menge von Handwerkern, die an den Abendkursen teilnehmen wollten, zurückgewiesen werden mußte. Es sind sodann die für einen vorteilhaften Absatz der Teppiche, deren Produktion in Palästina bereits diesen Winter beginnen soll erforderlichen Vorbereitungen in Beratung gezogen worden. Vorliegende fachmännische Urteile stimmten darin überein, daß angesichts des fast unbeschränkten Absatzgebietes der Teppichwaren die palästinensische Teppichindustrie, richtig eingeleitet, Tausenden von Familien einen einträglichen Erwerb schaffen wird. Um dem Bezalel eine breitere Basis zu schaffen und seinen vielen Gönnern die Möglichkeit zu geben, in dauernden und engeren Beziehungen zu demselben zu verbleiben, hat das Komitee beschlossen, den Bezalel als Verein zu begründen und durch Eintragung ins Vereinsregister Korporationsrechte für ihn zu erwerben. Zur Änderung der Satzungen in diesem Sinne ist eine Kommission, die aus den Herren Dr. Paul Nathan, James Simon und Prof. War bürg besteht, gewählt worden. Mitgliederanmeldungen nimmt der Vorsitzende des „Bezalel", Prof. Warburg, Berlin W. 15, Uhlandstr. 175, entgegen. Tätigkeit des n Hilfsvereinsu in Palästina Zum Studium der Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung in Palästina bezüglich Errichtung neuer Kindergärten und Schulen oder der weiteren Ausgestaltung bestehender Institute hat der Hilfsverein der Deutschen Juden eine kompetente pädagogische Kraft entsandt. Der Bericht des betreffenden Herrn liegt nunmehr vor, und auf Grund desselben werden im gegebenen Falle neue Grün-