Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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dem gesteckten Zwecke dienstbar zu machen, zumal eine Zeit lang und gerade in der Zeit, als die Hilfe am dringendsten notwendig war, jeder Verkehr in Rußland unterbunden war. Auf eine Anregung des Hilfsvereins der deutschen Juden, die von Lord Rothschild und Jacob H. Schiff, New-York, aufs wärmste unterstützt wurde, vereinigten sich auf einer Konferenz in London am 14. November 1905 sämtliche jüdischen Hilfsorganisationen zu gemeinsamer Arbeit. Eine Kommission, bestehend aus den Herren Dr. Nathan vom Hilfsverein der deutschen Juden, Berlin, C. Stettauer vom Russe Jewish Comittee, und Herrn Feinberg von der Ica in Petersburg, bereiste unter den schwierigsten Verhältnissen während des großen Eisenbahn- und Poststreikes die geschädigten Ortschaften und sorgte für zuverlässige Nachrichten, für schnelle Hilfe und für eine zweckmäßige Organisation. Sämtliche geschädigten Orte wurden in eine Reihe von Bezirken eingeteilt, die dem russischen Zentralkomitee in Petersburg unterstanden. Dieses wiederum arbeitete in Gemeinschaft mit dem beim Hilfsverein der deutschen Juden von den Organisationen eigens errichteten Zentralberichtbureau und dem Russe Jewish Comittee in London unter Sir Samuel Montagu. (Es folgt nunmehr die von uns bereits in der vorigen Nummer veröffentlichte Aufstellung der Schadensumme und der geleisteten Unterstützungen.) Es konnten durchschnittlich nicht mehr als 10°.o des festgestellten Schadens ersetzt werden. Natürlich wurde nicht schematisch vorgegangen, sondern je nach Lage der Umstände mehr oder weniger als 10" o bewilligt. Die Geldmittel sämtlicher Organisationen flössen in eine gemeinsame Kasse, die unter der Verwaltung von Lord Rothschild in London stand. Aus dieser Zentralkasse wurden nach den Vorschlägen des Petersburger Komitees und des Zentralberichtbureaus des Hilfsvereins der deutschen Juden die Unterstützungsgelder für Rußland gewährt. Eine Zeit lang schien es, als wollten die russischen Behörden der Hilfsaktion Schwierigkeiten bereiten. Nachdem aber die russische Regierung sich überzeugt hatte, namentlich durch die vielfachen Unterredungen, die Herr Baron Horace v. Günzburg, Petersburg, und Herr Dr. Paul Nathan, Berlin, mit den leitenden Staatsmännern hatten, daß die Hilfsgelder streng bestimmungsgemäß verwandt wurden, konnte das philanthropische Werk ohne weitere Schwierigkeiten beendet werden. Zu den Zentralfonds in London trugen die amerikanischen Organisationen 51°/o und die europäischen 49% bei. In einzelnen kamen von den Geldern neben den 51°o aus Amerika 12"/o aus England und den Kolonien 2 P/o aus Deutschland, und zwar vom Hilfsverein der deutschen Juden 14"/o und vom Frankfurter Hilfskomitee für osteuropäische Juden unter dem Vorsitzenden Charles 1. Hallgarten 7% 7°o von der Alliance IsraeJite Universelle, Paris 4% von der Wiener Allianz. Natürlich haben sich auch Belgien, Holland und die Schweiz, die nordischen Länder, Ungarn und Italien, sowie die Balkanstaaten in reger Weise an den Sammlungen beteiligt. Die Gelder dieser Sammlungen sind der einen oder der anderen der eben genannten Organisation zur Verfügung gestellt worden. Eine nicht geringe Summe wurde schließlich in Rußland selbst aufgebracht. Mit besonderer Sorgfalt wurde die Versorgung der unglücklichen Waisenkinder in die Wege geleitet. 115 Kinder konnten namentlich durch die aufopfernde Mitwirkung der Groß-Loge für Deutschland in westeuropäischen und überseeischen Ländern in gute Pflege und in Erziehung gegeben werden. So erhebend auch die Großartigkeit des Hilfswerkes bei diesem ungeheuren jüdischen Unglück wirken muß, so hat doch eine Besserung der Lage der russischen Juden bedauerlicherweise dadurch nicht herbeigeführt werden können. Denn nach wie vor drohen unseren Glaubensgenossen in Rußland die schwersten Gefahren. Die Nachrichten, die der Hilfsverein der deutschen Juden aus Bjelostok, Siedice und Warschau erhält, lauten noch immer sehr traurig. Noch trauriger aber sind die Zustände im Süden Rußlands, hauptsächlich in Odessa und Kischinew. Jeden Augenblick können neue Pogrome ausbrechen. Darum bleibt es Pflicht der jüdischen Organisationen, sich stets gerüstet zu halten. LOPUCHINS ENTHÜLLUNGEN In dem Prozesse gegen den Arbeiterdeputiertenrai hat der Rechtsanwalt Grusenberg auf einen Bericht des früheren Direktors des Polizeidepartements und späteren Gouverneurs von Esthland, Lopuchin, vom 27. Juni 1906 hingewiesen, in dem dieser Stolypin auf die Organisation der Pogrome gegen Juden und Intelligenz im Oktober 1905 aufmerksam macht. Der Gerichtspräsident lehnte die Verlesung des betreffenden Schreibens ab, weil es angeblich von keinerlei Bedeutung für die gegenwärtige Prozeßverhandlung sei; auch der Antrag, Lopuchin als Zeugen zu laden, wurde abgelehnt. Die „Russ. Korr." ist in der Lage, den Gedankengang und wesentlichen Inhalt jenes Lopuchinschen Schreibens, aus dem zur Evidenz hervorgeht, daß die russische Regierung über die Genesis der Pogrome unterrichtet war und die Metzeleien durch ihre Schergen und ihre Untätigkeit guthieß, mitzuteilen. Es lautet: „Durch mein Schreiben vom 26. Mai teilte ich Ihnen mit, daß der Bericht des Beamten des Polizeidepartements, Makarow, der auch die Pogromorganisation durch Beamte seines Departements aufdeckte, der Zeitung „Rjetsch" von mir übergeben worden ist. Ich tat diesen Schritt da ich überzeugt war, daß nur die Reichsduma, wenn sie von der Presse gut unterrichtet sei, eine systematische Pogrom Vorbereitung unmöglich machen werde. Ich teilte Ihnen dieses mit, damit diese Indiskretion nicht anderen zur Schuld gelegt werde. Ich dachte nicht, daß nach der Veröffentlichung Makarows die Wahrheit über die Pogromorganisation Eurer Exzellenz verborgen bleiben werde. Nach der Dumasitzung vom 21. Juni sah ich aber, daß von Ihren Untergebenen die Wahrheit über die Sachlage entstellt ist. Die Tatsachen sind die folgenden: Im Januar wurde ich durch Bekannte auf die Vorbereitung zu Pogromen aufmerksam gemacht und um Hilfe gebeten. Angestellte Nachforschungen überzeugten mich, daß die Administrativbehörden wirklich an der Pogromorganisation beteiligt waren. Ich kam auf die Spur einer Druckerei im Polizeidepartement. In einem Gespräch am 2. Februar über die Lage der Juden bestätigte Graf Witte mir die Existenz der Provokation seitens der Regierungsbehörden. Graf Witte beauftragte mich als Beamten des Ministeriums des Inneren mit Nachforschungen in dieser Sache. Ich konstatierte folgendes: Nach dem 30. Oktober unternahm der Chef der politischen Abteilung des Polizeidepartements, Ratschkowsky, um die reaktionären Stimmungen in der Gesellschaft zu unterstützen, die Verbreitung der betreffenden aufreizenden Aufrufe, die von einem Gendarmerieoffizier auf einer Druckmaschine im Lokale der Petersburger Gendarmerieverwaltung gedruckt wurden. Ich hatte in Händen einen hier gedruckten Aufruf an die Arbeiter, der Mißtrauen gegen die Arbeiterführer zu schaffen suchte durch die Behauptung, daß die Führer Arbeitergelder veruntreuen. Die den Revolutionären abgenommene Druckpresse erwies sich bald als ungenügend, und es wurde aus Mitteln des Polizeidepartements eine neue ausgezeichnete Maschine angeschafft. Sie war im Polizeidepartement untergebracht und befand sich unter der Aufsicht des Gendarmerierittmeisters Kommissarow. Hier wurde im Dezember 1905 und im Januar 1906 eine große Anzahl Aufrufe gedruckt, in denen Andersgläubige, hauptsächlich Juden, revolutionärer Bewegung beschuldigt und zum Kampf gegen sie aufgefordert wurde. In meinen Händen waren vier solcher Aufrufe, von diesen einer besonders verbrecherisch, der sich an Soldaten wandte und sie gegen Polen, Armenier und Juden anstachelte. Solcher Aufrufe wurden Tausende gedruckt. 5000 wurden durch Beamte zum Wilnaer Generalgouverneur Schcott nach Wilna gebracht, der sie teils selbst verbreitete, teils dem Polizeimeister übergab. Gegen den 28. Januar telegraphierte der Polizei meiste r an das Polizeidepartement und erbat eine neue Partie Aufrufe, da