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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No.44 DIE^ aber kein modernes, seiner geschichtlichen Aufgabe gewachsenes Proletariat. Ich habe einmal von einem separatistischen Führer gehört, auch die jüdischen Handwerksmeister haben eine proletarische Lebenshaltung, unser gesamter Mittelstand sei — ein Industrieproletariat, wir seien auf einer Höhe der industriellen Entwicklung, wie ... die Engländer! (Heiterkeit.) Unsere Gegner verwechseln offenbar die Begriffe — armer Mann und Proletarier. Unsere Opponenten, die sich so gern ein maxistisches Mäntelchen anhängen, sollten das, was Kautsky über die Kennzeichen des modernen Proletariats sagt, nachlesen (Agrarfrage, S. 306). „Das charakteristische Merkmal des modernen Proletariats ist keineswegs sein Elend . . Das eine Kennzeichen des modernen Proletariats ist die wichtige Rolle, die er im modernen Produktionsprozeß spielt. Auf ihm beruht die heute entscheidende kapitalisfsche Produktionsweise." Nachdem Kautsky das zweite Merkmal — den Mangel der Produktionsmittel — erläutert, weist er auf ein drittes wichtiges Kennzeichen des modernen Proletariers hin. „Er ist Arbeiter nicht an individualistischen, sondern an gesellschaftlichen Produktionsmitteln" . . . Das sind die objektiven Bedingungen, die das moderne Proletariat dazu bestimmen, die geschichtliche Aufgabe zu erfüllen, die Menschheit über das kapitalistische Stadium hinaus zu erheben. Nun, trifft das Gesagte für das jüdische Proletariat zu? Beruht auf ihm die kapitalistische Produktion in der jüdischen Gesellschaft? Ist er ein unentbehrlicher Faktor im modernen Produktionsprozeß? Kann denn ernstlich vom gesellschaftlichen Charakter der Produktion die Rede sein, an der das jüdische Proletariat beteiligt ist? Hält man nun .die Kautskysche Definition des Proletariats fest, so wird auch das früher hervorgehobene dahin verstanden werden können, daß die jüdische Bourgeoisie kein jüdisches Industrieproletariat bedingt. Man wird uns auch verstehen, wenn wir sagen, daß unsere Arbeiterklasse kein modernes, seiner geschichtlichen Aufgabe gewachsenes Proletariat ist, das die Klassenkampfsposition der jüdischen Arbeiterschaft durch die erwähnten Abnormitäten eine Schwächung erfährt, daß unserem Klassenkampfe Schranken gesetzt werden. Unsere kurze, mehr andeutungsweise geführte Untersuchung hat uns zu dem Ergebnisse gebracht, daß die Judenfrage das jüdische Proletariat vor die Aufgabe stellt, die freie ungehinderte Entwicklung der Produktivkräfte des Judenvolkes durch eine durchgreifende Änderung seiner Lebensbedingungen zu ermöglichen. Die Triebkräfte zur höheren Entwicklung, die Tendenzen der radikalen Umgestaltung unseres Volkslebens sehen wir in der Emigration. Redner führt Statistisches über die Auswanderung an und beweist, daß die Zahl der jüdischen Emigranten aus Österreich-Galizien relativ größer ist, als die aus Rußland, woraus ersichtlich sei, daß die Auswanderung eine Folge ökonomischen und nicht politischen Druckes ist. Die weiteren Ausführungen des Referenten sind eine Erläuterung des auf die nationale Kolonisation bezugnehmenden Teiles des Programmentwurfes. Die Schaffung einer Wirtschaftseinheit ist das Ziel der nationalen Kolonisation. Daran ist nicht bloß das Proletariat, sondern auch das Kleinbürgertum und ein Teil der mittleren Bourgeoisie interessiert. „Die Interessengemeinschaft kann zeitweise stärker werden, als der Interessengegensatz... Der Verbündete von heute kann der Gegner von morgen sein" . . Und unsere heutigen Verbündeten, sie sind unsere Gegner von morgen. Den Satz, daß die Richtung der nationalen Kolonisation nur Palästina sein kann, begründet der Redner durch ökonomische und ideelle Momente. Sich gegen die S.-S. wendend, meint Redner, sie haben.wissenschaftliche Erkenntnis und geschichtliche Notwendigkeit fatalistisch aufgefaßt. Ein Eingreifen im Sinne der EntgELT~ 11 wicklung widerspreche nicht der Wissenschaft. Geschichtliche Aufgaben können aber nur auf geschichtlichem Boden gelöst werden. Im weiteren Verlaufe seiner Rede meint Redner: Für uns ist der Zionismus eine Hebung der Arbeiterklasse bei den gegebenen Produktionsverhältnissen; er ist die Lösung der Judenfrage, nicht aber der sozialen Frage. Ebenso wie es für uns klar ist, daß der jetzige Zustand der Ohnmacht nicht das letzte Wort der jüdischen Geschichte ist, ebenso fest sind wir überzeugt, daß die kapitalistische Gesellschaftsordnung nicht das letzte Wort der Menschheitsgeschichte sein kann. Sie ist ebenso ewig, wie die vielen Stadien der menschlichen Geschichte, die hinter uns in Trümmern liegen. — Redner erläutert den sich auf das genossenschaftliche Prinzip der Kolonisation beziehenden Absatz und begründet die Wahl des Namens. Der Poale-Zionismus ist der jüdische Sozialismus; die Bezeichnung „Poale-Zion" ist bloß ein Symbol, eine Tradition; sie soll beibehalten werden, weil „Poale-Zion" ein Ehrenname in der Geschichte des jüdischen Proletariats geworden ist. (Stürmischer Beifall.) Redner bittet um Annahme des Entwurfes, als Leitfaden und Grundlage der Programmdiskussion in der Partei. (Langanhaltender Beifall.) Der ganze 2. Tag wird von der Programmdiskussion ausgefüllt. Witebsky stellt dem Programmentwurfe den der P.-Z. Rußlands gegenüber, wenn er auch zugibt, daß keine praktischen Differenzen zwischen den österreichischen und russischen P.-Z. vorhanden sind. Redner begründet seinen historisch-materialistischen Standpunkt in einer 2l/* stündigen Rede. Er kritisiert abfällig den Vorgang des Referenten, der einer alten Methode folgend, die Fragen der Notwendigkeit und der Erlangung Palästinas getrennt behandelte. Der Territorialismus ist kein positives Ideal, wenn das Land nicht vorhanden, das besiedelt werden muß, das besiedelt wird. Eine territorialistische Ideologie kann nicht existieren, wenn sich kein Territorialisierungsprozeß vollzieht. Nicht in der Emigration soll die Tendenz zur territorialen Lösung der Judenfrage gesucht werden, sondern in der Immigration. Wir wollen kein Territorium, sondern die territoriale Autonomie. Die politische Form, zu der wir streben, muß das leitende Moment sein. Redner wendet sich gegen die Behauptung Kaplanskys, daß der russische Programmentwurf unwissenschaftlich sei und begründet den letzteren. (Stürmischer Beifall.) Frostig (Lemberg) spricht polnisch. Konstatiert, daß sich der Referent unter dem Einflüsse des Herzlismus befindet. Die Territorialisierung Palästinas ist als Tatsache zu betrachten. Schließt sich dem Vorredner an. Horowitz (Tarnopol) und Rosenfeld (Drohobycz) polemisieren gegen Witebsky und erklären sich mit dem Programmentwurf einverstanden. Ben-Zwi (Tarnow) meint, der Entwurf sei nicht einheitlich; im ersten Teile ist er rein ökonomisch, dann dualistisch; zuerst induktiv, dann deduktiv. Herz (Lemberg), Zypkin (Wien), Schneider (Lemberg) wenden sich hauptsächlich gegen die Kritiker des Entwurfes. Szymanski stimmt der Anordnung des Stoffes zu; erblickt einen Fehler darin, daß der Referent nicht nur mit Faktoren, sondern auch mit Momenten sekundärer Natur rechnet. Der springende Punkt des Entwurfes ist der Satz: „Nur die Ablenkung etc." Sollen wir, können wir etwas ablenken? .Verteidigt den über den Klassenkampf handelnden Abschnitt des russischen Programmentwurfes. Der Klassenkampf bedeute eine Verschärfung der Judenfrage. Die Debatte wird nun abgebrochen und deren Fortsetzung dem Programmausschusse überlassen. (Schluß folgt.) VOM SCHADEN UND DEM HILFSWERK Vom Hilfsverein der deutschen Juden wird uns geschrieben: Der 30. Oktober, der Jahrestag des freiheitsverheißenden Zarenmanifestes, war auch der Jahrestag der furchtbaren Massenpogrome in Rußland. Die Wunden, die durch diese Metzeleien den russischen Juden geschlagen wurden, sind noch lange nicht vernarbt. Jahrzehnte noch wird die ganze russische Judenheit unter dem schweren Schlag, der sie getroffen hat, zu leiden haben. Haben doch in 640 Ortschaften des weiten Rußlands von jenem Tag bis heute grausame Judenmetzeleien stattgefunden mit all den verheerenden Wirkungen für Leben und für Eigentum und all dem Schrecken, die uns durch die Häufigkeit der Pogrome nur zu sehr bekannt sind. Die Größe des Jammers, der in einem einzigen Jahr gestiftet wurde, drückt sich grell in folgenden Zahlen aus: Ausgeplündert oder sonstwie in ihrem Vermögen geschädigt wurden (einschließlich Siedice) 38225 Familien mit 162700 Personen. Der gesamte Vermögensschaden, der entstanden ist, beträgt 52119705 Rubel. Erschlagen wurden 985 Personen. Die Zahl der Verwundeten beträgt viele, viele Tausende, die Zahl derjenigen, die durch ihre Verwundung einen dauernden Schaden an ihrer Gesundheit genommen haben allein ist 1492. 380 Frauen wurden Witwen, 211 Kinder sind voll- und 328 halbverwaist. Solchen Schäden gegenüber muß naturgemäß jede Hilfsaktion unzureichend bleiben. Aber doch war auch die Größe der Opferwilligkeit im höchsten Grade erfreulich; sie betätigte sich auf die Schreckensnachricht aus Rußland hin bei den Juden aller Länder, und auch viele nichtjüdische Kreise haben sich in hochherziger Weise betätigt. Es war, wie der folgende kurze Rückblick zeigen mag, ein schweres Werk, die gesammelten Hilfsgelder in geordneter Weise

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