Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DI EKELT No. 44 sich ergebenden Machtmittel, wobei diese Machtmittel in Palästina eine bedeutende Vermehrung erfahren durch die Möglichkeit, die werdende Wirtschaftseinheit durch genossenschaftliche Maßregeln, insbesondere auf agrarischem Gebiete, der Verwirklichung des Sozialismus näher zu bringen. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erklärt die „Jüdische sozialistische Arbeiterpartei Poale-Zion" Österreichs: I. Wir stehen auf dem Boden der sozialistischen Lehre und erstreben die Vergesellschaftlichung aller Produktionsmittel und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion. II. Der wichtigste Punkt des in allen anderen Forderungen mit den sozialdemokratischen Parteiprogrammen übereinstimmenden Minimumprogramms der Partei Poale-Zion ist die territoriale Lösung der Judenfrage in Palästina. III. Bis zur Verwirklichung dieses Programmpunktes erstrebt die Partei in Nationalitätenstaaten die volle Gleichberechtigung des jüdischen Volkes aufGrund der nationalen Autonomie, ohne in der Erreichung von jüdischen, in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen autonomen Nationalkammern für die in den Golusländern lebenden Teile des jüdischen Volkes eine Lösung oder Vorbedingung zur territorialen Lösung der Judenfrage zu erblicken. S. Kaplansky-Kaplan. Die Grundsätze und Gedanken des Programmentwurfes, den ich die Ehre habe, Ihnen vorzulegen, sind das Resultat einer Entwicklung, die sich in zwei sich gegenseitig beeinflussenden Lagern vollzog: aus sozialdemokratischen Juden, die allen möglichen fremdnationalen sozialistischen Parteien angehörten, wurden jüdische Sozialdemokraten, und die zionistischen Proletarier entwickelten sich zum proletarischen Zionismus. Das sozialistische Ideal, die jüdischen Massen ergreifend, wird von ihnen beeinflußt, nimmt immer mehr Elemente des nationalen Lebens auf — es entsteht der jüdische Sozialismus. Die Judenfrage, einmal aufgerollt, schwindet nicht von der Tagesordnung der jüdischen Arbeiterparteien, das jüdische Proletariat schreckt vor den entschiedensten, radikalsten Konsequenzen nicht zurück. Und es hat diese Konsequenzen gezogen! Eine Begründung und Zusammenfassung der aus dem objektiven Studium der Judenfrage des jüdischen Proletariats gewonnenen Resultate soll dieser Entwurf liefern. - Der Grundzug des Entwurfes ist die von ökonomischen Gesichtspunkten geleitete Analyse der jüdischen Wirklichkeit. Ob geschichtliche Materialisten oder nicht, wir alle stimmen darin überein, daß die ökonomischen Lebensbedingungen bei allen sozialen Umgestaltungen den Ausschlag geben. Die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung unseres Volkes steht im Zeichen des Kapitalismus. Seine Wirkungen auf das Judentum *) sind aber nicht nach einem Schema zu beurteilen, denn wir müssen hier mit Erscheinungen unseres wirtschaftlichen Lebens rechnen, deren Eigentümlichkeit unverkennbar ist. Die Juden bilden kein geschlossenes, in sich normal gegliedertes wirtschaftliches Ganzes, sie sind seit dem Verluste ihres Bodens immer nur ein Teil anderer Wirtschaftseinheiten. — Wie Sie wissen, stehen wir auf dem Standpunkte, daß Nationen und Völker auch wirtschaftlich selbständige (nicht isolierte!) Erscheinungen sind. Unsere Gegner lächeln darüber. Sie haben in den Lehrbüchern von Volks-, richtiger Staatswirtschaften, und von einer Weltwirtschaft gelesen. Aber von einer nationalen Wirtschaft! Nun, sie begehen einen kleinen Denkfehler. Indem sie behaupten, die wirtschaftliche Entwicklung der Juden gehe ebenso vor sich, wie bei allen bodenständigen Völkern, sind sie es, die das jüdische Volk als eine ökonomische Einheit betrachten. Sie sind es eigentlich, die von einer jüdischen Nationalwirtschaft sprechen. Wir dagegen sprechen von dem Mangel einer jüdischen Nationalwirtschaft. Denn unsere Entwicklung wird bestimmt von der Entwicklung des Ganzen, dem wir uns angliedern. Das ist die Ursache unserer Wanderung aus Ländern, wo wir eine wirtschaftliche Funktion hatten und schließlich abgewirtschaftet haben, nach Ländern, die unser bedurften und in denen wir eine ökonomische Funktion noch übernehmen konnten. Das ist aber auch die Ursache unserer eigenen wirtschaftlichen Verstümmelung und Verkrüppelung. Wir haben im Laufe der Goluszeit das Bauerntum verloren, d. h. diejenige Schicht, aus der die wichtigsten Klassen, wie das industrielle Proletariat hervorgehen, und die Majorität unseres Volkes gehört zu denjenigen Mittelschichten, die verurteilt sind, vom Kapitalismus erdrückt zu werden. Diese wirtschaftliche Abnormität ist es auch, die eine vollständige Anpassung der Juden an die Völker, deren „Gastfreundschaft" sie genossen, unmöglich machte. Die Eigentümlichkeiten unserer wirtschaftlichen Lage und Entwickelung hielten auch die nationale Eigenart aufrecht. Der ökonomische Anschluß hätte sicherlich auch ') Das Wort wird hier immer als gleichbedeutend mit „jüdisches Volk"t gebraucht. geistige Auflösung nach sich gezogen. Diese Erscheinung beobachten wir in der Entwickelung der jüdischen Großbourgeoisie, die sieb, nicht bloß ökonomisch den herrschenden Klassen angeschlossen hat, sondern bestrebt ist, in diesen auch kulturell aufzugehen. - Der ökonomische Prozeß, der zur Bildung dieser Bourgeoisie führte, vollzog sich nicht innerhalb des jüdischen Wirtschaftslebens, die jüdische Bourgeoisie ist ein Resultat der kapitalistischen Entwickelung des betreffenden Landes; ihre Entstehung und Entwicklung übt keinen anderen Einfluß auf die Gestaltung der ökonomischen Verhältnisse im Judentum, als das Wachstum des Kapitalismus und die Erstarkung der Bourgeoisie des Landes überhaupt, deren Bestandteil die jüdischen Kapitalisten sind. Ich fasse es kurz zusammen, indem ich sage: die Entstehung der jüdischen Großbourgeoisie bedingt kein ihr gleichwertiges, ebenbürtiges jüdisches Industrieproletariat. Der von der Industrie herangezogene Teil der jüdischen Arbeiterschaft gehört, wie Sie wissen, zu den zwerghaft entwickelten Klassen unseres Volkes, er hält in seiner Entwicklung keineswegs Schritt mit dem raschen Wachstum des Proletariats unserer Wohnländer, und sei es auch ein zurückgebliebenes Land wie Galizien. Quantitativ schwach, ist das jüdische Proletariat an die technisch unentwickelte, mit Handmaschinen betriebene Industrie gefesselt und findet keinen Zutritt zum modernen Großbetrieb. Aber dieses Industrieproletariat, es bildet einen unbedeutenden Teil der jüdischen Arbeiterschaft, deren erdrückende Mehrheit noch gar im Kleinhandwerk und in der Hausindustrie in technisch rückständigsten Zwergbetrieben, in welchen die Zahl der Meister die der Gesellen übersteigt, der niedrigsten Ausbeutung ausgeliefert ist. Es ist auch ein Charakteristikum des jüdischen Proletariats, daß es nur in einer beschränkten Anzahl von Produktionszweigen zusammengepfercht ist. Ich will Sie durch statistische Tabellen nicht ermüden und führe nur die Tatsache an, daß mehr als 66° o (also 8;a) aller in der Industrie (richtiger im Handwerk! beschäftigten Juden in den drei Industriezweigen — der Bekleidungs-, Nahrungsmittel- und Getränke- und Genußmittelindustrie konzentriert sind, während diese Industrien in Österreich überhaupt blos 29% aller Proletarier umfassen. Ich führe absichtlich Österreich an, weil in diesem Lande der auf Rußland lastende politische Druck fehlt, dessen unheilvollen Wirkungen unsere Gegner alle Eigentümlichkeiten unserer ökonomischen Entwicklung gern zuschreiben möchten. Die Tatsache, daß das jüdische Proletariat von der Großindustrie, von dem modernen Großbetriebe ferngehalten wird, wird jetzt übrigens allgemein zugegeben. Nur glauben unsere Gegner, diese Erscheinung von ungeheurer Tragweite auf vorübergehende Ursachen, wie die politischen Zustände in Rußland, zurückführen: zu müssen. Es _\vird dabei vergessen, daß die Tatsache für das konstitutionelle Österreich ebenso gilt, wie für das absolutistische Rußland. Diejenigen, die unsere Zukunft an die Golusländer ge bunden wissen möchten, vergessen dabei auch noch, daß unsere ökonomische Entwicklung von den wirtschaftlichen Umgestaltungen dieser Länder gebieterisch bestimmt wird. Und diese kommt zunächst den expropreierten, vom Boden losgerissenen Massen zugute; es ist eine im Wesen der kapitalistischen Entwicklung unserer Wohnländer . begründete Erscheinung daß diese proletarisierten Massen der Landbevölkerung, -der modernen Produktionsweise zugeführt werden und die erreichten ökonomischen Positionen zu sichern und zu behaupten bestrebt sind. So werden unsere proletarisierten, besitz-und arbeitslos gewordenen Massen, auch wenn keine Reihe von ungünstigen Momenten sekundärer Natur hinzukäme, beiseite geschoben. Gewiß, auch die nichtjüdischen Mittelschichten werden von dieser Entwicklung schwer betroffen, aber nur wir zählen etwa 80% unseres Volkes zu diesen versinkenden, der Verelendung und Deklassierung freigegebenen Mittelklassen. — Ist diese abnorme ökonomische Gliederung und Entwicklung, die auch für das jüdische Proletariat ihre Wirkung nicht verfehlt, belanglos für den Klassenkampf unseres Proletariats und die Aufgaben der jüdischen Arbeiterparteien, die diesen Klassenkampf leiten wollen V Ein bundistischer Wortführer hat freilich die Eigenartigkeit der sozialen Verhältnisse im Judentum und die einzigartige Klassendifferenzierung als Beweis für die Notwendigkeit einer selbständigen jüdisch-proletarischen Organisation angeführt. *) Aber wird denn durch eine Änderung des Organisationsstatutes die Judenfrage für das jüdische Proletariat aus der Welt geschafft? Wir behaupten, daß eine jüdische sozialistische Partei auch ganz besondere Aufgaben zu erfüllen und zu vollbringen hat. Verweilen wir etwas länger dabei: Man hat das Märchen in die Welt ausposaunt, wir, Poale-Zion, leugnen die Existenz eines jüdischen „Proletariats". Das ist eben ein Märchen. Es wäre töricln zu behaupten, daß die Hunderttausende ausgebeuteter, Mehrwer schaffender jüdischer Arbeiter kein Proletariat bilden. Sie bilden l) Uber am 2. Parteitage der russischen Sozialdemokratie.