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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 44 DIE^ELT 9 Rechenschaftsbericht gewidmet. Der Bericht des Kassierers Lorie wurde dem Budget-Ausschuß überwiesen. — Herr Krakauer referierte über die Fachorganisation, worauf die finanzielle und technische Trennung des gewerkschaftlichen (Allgemeinen jüdischen Arbeiter-)Verbandes von der Partei Poale-Zion beschlossen wurde. In der Schekelfrage wurde folgende Resolution gefaßt: Der Parteitag billigt das Vorgehen der Parteileitung in der Schekelangelegenheit und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß die mit den D.-K.'s getroffenen Übereinkommen durch einen einheitlichen Vertrag mit dem Landeskomitee der zionistischen Organisation Österreichs ersetzt werden. Herr Jakob Kenner (Krakau) referierte über die Organisation der jugendlichen Arbeiter und begründete den Antrag auf Schaffung eines dem Parteigetriebe fernstehenden, ausschließlich erzieherischen und wirtschaftlichen Fragen der arbeitenden jüdischen lugend dienenden Verbandes. Redner gibt ein ergreifendes Bild der Lage der jüdischen Jugend, die schon mit 4—10 Jahren zur Arbeit gezwungen wird, und weist auf die wirtschaftlichen Aufgaben einer Organisation der Jugendlichen, wie Ausdehnung des Kinderschutzes auf Handwerkerlehrlinge, Rechtschutz gegen Übergriffe der Meister etc., hin. Das Referat wurde zum Gegenstande einer Nachtsitzung, die die ganze Nacht dauerte. Es wurde die Gründung einer dem Vorstande des „Allgemeinen jüdischen Arbeiterverbandes" unterstehenden Sektion von jugendlichen Arbeitervereinen beschlossen. Am Schlüsse der anstrengenden Organisationsberatungen des ersten Tages wurden die Wahlen in den Verbandsvorstand vorgenommen. Zum Obmanne wurde Herr Sil biger, zum Sekretär Herr Dr. Feldblum (Krakau) gewählt. Zweiter Tag: Es werden eine Reihe von Telegrammen und Begrüßungsschreiben verlesen, die aus allen Teilen Österreichs, sowie aus Rußland und Amerika eingelaufen sind. Das Zentralkomitee der P.-Z. Amerikas und Canadas sendete ein in herzlichen Worten gehaltenes Schreiben und ein Kabeltelegramm. Iis begrüßten den Parteitag: das Zentralkomitee des P.-Z. Polens, die Lodzer PoaleLZion, die Redaktion der „Jewrejskaja Schisn" Petersburg), Dr. Schalit im Namen des zion. Landeskomitees u. v. a. Zur Beratung gelangt der vom Wiener Preßkomitee vorgelegte i'rogranimentwurf. Er lautet: PROQRAMMENTWURF der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei „Poale-Zion" Österreichs. Kapitalismus und Judenfrage Die ökonomische Entwicklung der Juden der Gegenwart wird leherrscht von den kapitalistischen Entwicklungstendenzen der .ander, in welchen sie in merklicher Zahl wohnen. Der fortschreitende Kapitaiismus stößt im Judentum auf Erscheinungen, velche in ihrer Gesamtheit das Wesen der Judenfrage ausmachen, iie durch wirtschaftliche Verstümmelung, politische Ohnmacht und Uiflösung aller kulturellen Zusammenhänge der jüdischen Nation ^kennzeichnet wird. Ökonomische Struktur und Mangel einer nationalen Wirtschaft Die wirtschaftliche Entwicklung der Juden, als einer landlosen Nation, jeder Selbständigkeit entbehrend, wird bestimmt von der mtwicklung der Produktivkräfte ihrer Wirtsvölker; daher die Ablormität der ökonomischen Schichtung und Gliederung innerhalb 'es Judentums: das Fehlen eines Bauernstandes^ die verkümmerte Entwicklung ganzer Volksschichten und das Überwuchern der om Kapitalismus und der nationalen Konkurrenz arg bedrängten, ersinkenden Schichten des Kleinhandels und Kleinhandwerks, die He große Majorität des jüdischen Volkes bilden. Das jüdische Proletariat Das Emporwachsen einer jüdischen Großbourgeoisie bedingt ein ihr ebenbürtiges jüdisches Industrieproletariat. Der über- A'iegende Teil des jüdischen Proletariats ist in einer beschränkten Vnzahl von technisch rückständigen Produktionszweigen konzentriert, He einen Kleinhandwerks- oder hausindustriellen Charakter tragen, )er Übergang zum Großbetriebe führt zur Verdrängung dieser von ier Entwicklung überholten Kleinbetriebe und somit zur Verelendung nid Deklassierung breiter Schichten des jüdischen Volkes, indem!'e vom Boden losgelösten und proletarisierten Massen der einheimischen Bevölkerung von der modernen Produktion herangezogen werden und die errungenen ökonomischen Positionen festhalten, ^ie Rolle des jüd. Proletariats in der Gesamtproduktion und die Schranken seines Klassenkampfes Durch diese von reaktionären Vorurteilen begünstigte nationale Konkurrenz bleibt dem jüdischen Proletarier der Zutritt zur modernen Großindustrie fast gänzlich verschlossen, er wird von allen auf höherer ökonomischer Stufenleiter befindlichen Produktionszweigen, — die das Proletariat zur Grundlage der kapitalistischen Produktion machen und ihm die wichtigsten Fäden des nationalen Wirtschafts¬ und Verkehrsleben in die Hände geben, -- ferngehalten. Dem Klassenkampfe der jüdischen Arbeiterschaft werden durch die abnorme ökonomische Differenzierung des Judentums und die nationale Konkurrenz Schranken gesetzt, indem er den Untergang der jüdischen Mittelschichten beschleunigt, jedoch des schöpferischen und gesellschaftlich neubildenden Charakters entbehrt. Die Aufgabe des jüdischen Proletariats Das jüdische Proletariat, an die der Großindustrie erliegenden Zwergbetriebe gefesselt und einer um so größeren Ausbeutung preisgegeben, wird sich seiner Lage und Aufgabe bewußt, der freien Entfaltung der Produktivkräfte des jüdischen Volkes durch eine radikale Umgestaltung seiner Lebensbedingungen eine Bahn zu brechen. Die Triebkräfte der Entwicklung zum Judenstaat Die Tendenzen dieser Umgestaltung offenbaren sich in allen Tatsachen des jüdischen Volkslebens, am krassesten in der riesigen, zur geschichtlichen Erscheinung gewordenen Auswanderung, die Millionen besitz- und arbeitslos werdender jüdischer Proletarier übers Meer schleudert. Diese Emigration aus den Ghettos Osteuropas nach Ländern höherer Kultur enthält in ihrer jetzigen Gestalt keine Triebkräfte zur höheren Entwicklung, vielmehr verfallen die Einwanderer dem elendesten Sweating-System und rufen bei der einheimischen Arbeiterbevölkerung energische Abwchrmaßregeln, wie Immigrationsverbote, hervor. Die territoriale Lösung der Judenfrage Nur die Ablenkung des Emigrationsstromes nach einem unentwickelten Lande, die Konzentration und Organisierung jüdischer Arbeit auf diesem und die Besitzergreifung aller wichtigen ökonomischen Positionen im Lande durch die jüdischen arbeitenden Massen kann die Grundlagen für eine jüdische Wirtschaftseinheit schaffen, die ungehinderte Entwicklung der Produktivkräfte und der nationalen Eigenart des Judenvolkes sichern und die geknechtete jüdische Nation zu einer über ihre Geschicke frei entscheidenden erheben. Im Streben zur territorialen Lösung der Judenfrage trifft sich das jüdische Pioletariat mit anderen an dieser Lösung-interessierten Schichten des jüdischen Volkes, mit denen es an der Verwirklichung der nationalen Sache arbeitet, ohne die Verschiedenheit der Beweggründe und Interessen der einzelnen Volksklassen, zunächst seine eigenen Klasseninteressen, außer acht zu lassen. Die Richtung der nationalen Kolonisation Palästinas Die nationale Kolonisation darf weder mit kapitalistischen, auf Ausbeutung eines Landes und Schaffung neuer Absatzgebiete gerichteten Kolonialunternehmungen, noch mit philanthropischen Siedlungsprojekten verwechselt werden. Sie ist ein historischer Prozeß, dessen Richtung durch die ökonomische Struktur der zu kolonisierenden Volksmassen und die jahrtausendlange Geschichte der jüdischen Nation gegeben ist. Angesichts der Schwierigkeiten des Überganges von größeren jüdischen Massen, die seit Jahrhunderten ausschließlich eine Städterbevölkerimg bilden,zum Ackerbau, ist eine Besiedelung von Territorien, die jungfräulich oder für absehbare Zeit nur einer breiten landwirtschaftlichen Kolonisation zugänglich sind, ungeeignet, den Zweck der nationalen Kolonisation zu erreichen. Die jüdische Auswanderung muß nach einem Lande gelenkt werden, dessen geographische und wirtschaftliche Lage eine großangelegte industriell-kommerzielle Kolonisation ermöglicht, und welches die Attraktionskraft besitzt, die jüdischen Massen an den Boden zu fesseln und die Schwierigkeiten der Schaffung einer landwirtschaftlichen Basis für das jüdische Gemeinwesen durch die Anhänglichkeit an die Scholle überwindet. Diesen Voraussetzungen entspricht nur das historische Vaterland der Juden — Palästina —, das den Teil eines noch in der Naturalwirtschaft befindlichen Reiches bildet, am Kreuzweg großer Handelsstraßen und in der Nähe entwicklungsfähiger Absatzgebiete liegt und durch Jahrtausende im Bewußtsein des jüdischen Volkes das unveräußerliche Land seiner Zukunft und Freiheil geblieben ist. Zum Bewußtsein seiner aus dem Golusleben sich ergebenden anormalen Lage gelangt, erkennt das jüdische Proletariat nicht nur die Notwendigkeit des Kampfes für die Hebung der Arbeiterklasse bei den gegebenen Produktionsverhältnissen, sondern auch die Notwendigkeit der endgiltigcn Beseitigung der ihn bedrückenden, aus der kapitalistischen Gesellschaftsordnung resultierenden Ausbeutung im Wege des solidarischen wirtschaftlichen und politischen Klassenkampfes des internationalen Proletariats. Zur Erreichung dieses Zieles bedient sich das jüdische Proletariat, sowohl in den Golusländern wie auch im Judenlande, aller aus dem Klassenkampfe

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