Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WELT No. 44 V <r v- %■$ I* ¥ hp€ 1: m, K> ^'ifäU't ■ r-.'-m, h-Mä; ■'«tl:- J h H :Ml * * , * t x Mittelstand und die Intelligenz längst herangezogen, aber das arbeitende Volk blieb uns fern. Wir freuten uns daher, als der Poale-Zionismus kam und die Arbeiterschaft eroberte. Der Zionismus kann nicht ohne das produktive Proletariat verwirklicht werden. Der Parteitag soll manifestieren, daß das ganze jüdische Volk im Zionismus steht. Finden Sie die Synthese zwischen Marx und Herzl, wir empfinden das nicht als Widerspruch. Ich begrüße Sie von ganzem Herzen, denn als modern denkende Menschen wollen wir, daß die radikale Demokratie mit uns ist. Die Synthese von Zionismus und Sozialismus ist auch ein nationales Werk, denn sie alle (auf die Bilder von Herzl, Marx und Lassalle zeigend) waren Juden. (Anhaltender Beifall.) Schimanski begrüßt den Parteitag im Namen der Poale-Zion Polens und gibt dem Wunsche Ausdruck, die Vereinigung der Poale-Zion aller Länder möge ehestens zur Tatsache werden. (Beifall.) Ins Bureau werden gewählt: Herz (Lemberg), Rosenfeld (Dreliobycz) zu Vorsitzenden mit gleichen Rechten; als Beisitzer: Feuer mann (Stanislau), Fett (Rzeszow); zu Schriftführern: Fantl (Prag), Steinmetz (Czernowitz), Horowitz f Tarnopol) und Frl. Welczer (Rzeszow). J. Kenner bringt eine Resolution ein, die den Revolutionären Rußlands aller Parteien und Nationen die warme Sympathie des Parteitages zum Ausdruck bringt und zu Sammlungen für die Selbstwehr der Poale-Zion Rußlands auffordert. Die Resolution wird unter stürmischen Beifallskundgebungen angenommen. Nach Genehmigung der Geschäftsordnung erstattet den Tätigkeitsbericht Dr. Marguli es (Krakau). Im Laufe des letzten Jahres sind wir im raschen Tempo vorwärtsgeschritten. Die Anhänger des proletarisch-zionistischen Gedankens zählen nach Zehntausenden. In Rußland, Polen, England, Amerika und Österreich bestehen zahlreiche Organisationen der Partei Poale-Zion. Wir bemühten uns mit den zerstreuten Parteizentralen in Berührung zu treten. Bereits am VII. Kongresse haben unsere Delegierten in Basel in dieser Richtung vorgearbeitet. Die Annäherung in programmatischen Fragen schreitet immer fort. Redner verweist auf die Rolle der Poale-Zion in der Organisierung der Selbstwehr. Die Poale-Zion Österreichs haben die russischen Parteigenossen materiell unterstützt. Der Kampf um das allgemeine, gleiche Wahlrecht in Österreich hat viel Kraft und Energie erfordert. Es genügt hervorzuheben, daß wir nicht weniger als 270 Wahlrechtsversammlungen veranstaltet haben. Dabei kämpften wir nach zwei Richtungen. Wir gingen Hand in Hand mit der Sozialdemokratie im Kampfe um das gleiche" Recht, zugleich aber erhoben wir, — ohne bei den Sozialdemokraten Anklang gefunden zu haben, ja im Gegensatze zu ihnen, — die Forderung nach einer nationalen Vertretung des jüdischen Volkes im Parlamente. Es war unsere Pflicht timsomehr, als Schlachta und Kanal auch weiterhin die „Vertreter" des Judentums spielen wollten. Am 28. November feierten wir und demonstrierten für das allgemeine Wahlrecht in manchen Orten (wie in Rzeszow) gemeinsam mit den Sozialdemokraten, oder auch getrennt von diesen. Die Maifeier in diesem Jahre war ebenfalls eine Kundgebung für das gleiche Wahlrecht. Überall marschierten wir als geschlossene Gruppe zur Demonstration. Die Parteiexekutive ließ ein Mai-Flugblatt in vielen Tausenden verbreiten. Als anläßlich der Aufnahme der russischen Anleihe das Ungeheuerliche geschah und ein israelitischer Kultusrat, R. S. Taussig (stürmische Pfui- und Hanba-Rufe) sich der Aufgabe unterzog, diese Anleihe in Österreich zu vermitteln, veranstalteten unsere"Wiener Parteigenossen eine Reihe von Demonstrationen vor der Kultusstube und zwangen den Herrn Taussig, seine Demission zu geben. Unser Kampf für die nationale Gleichberechtigung der Juden Österreichs führte naturgemäß zu einem scharfen Konflikte mit der herrschenden Kahalclique. Als der Abg. Dr. Byk seine intimen Kahalfreunde aus einigen Städten Galiziens nach Lemberg berief, um eine Kundgebung der „Judenheit Galiziens" gegen die Bestrebungen der Zionisten zu inszenieren und den Polenklub der „Ergebenheit'k zu versichern, störten unsere Leniburger Parteigenossen die geheime Zusammenkunft in der unsanftesten Weise: sie erzwangen sich den Eintritt in die Kultusstube, und die unberufenen Vertreter des Judentums stoben einfach auseinander. (Beifall.) Zu gleicher Zeit veranlaßten wir die Absendung von telegraphischen Protesten an Dr. Byk aus zahlreichen Orten Galiziens. Eine damals zusammengetretene Konferenz unseres Verbandes „Poale-Zion" sagte ebenfalls dem Dr. Byk telegraphisch ihre Meinung. Dr. Byk, der unpolitische Kultusgemeinden zu einer politischen Beratung einberufen hat, übermittelte alle Telegramme der Statthalterei, die darin eine Überschreitung der Kompetenz einer gewerkschaftlichen Organisation erblickte und die Suspendierung des Verbandes anordnete. Und es gab die bekannten Maßregeln: Lokale würden versiegelt, Vereinsgelder konfisziert, Protokollbücher abgenommen, die Ausschußmitglieder chikaniert. Von einer Unterbrechung unserer Tätigkeit konnte aber keine Rede sein. Nach vier Wochen bewilligte uns das Ministerium einen neuen Verband, und das Wachstuni unserer Organisation wird durch Zahlen in beredter Weise dokumentiert. Zur Zeit des 2. Parteitages hatten wir 20 Vereins- und 15 Ortsgruppen mit zusammen 2100 Mitgliedern, jetzt umfaßt die Organisation 31 Vereine und 50 Ortsgruppen und Vertrauensmänner mit ca. 4000 (viertausend) organisierten Parteigenossen. Dabei ist auch eine Verschiebung in der Zusammensetzung der Mitglieder eingetreten. Die Handelsangestellten, die einmal in der Majorität waren, stehen jetzt ihrer Zahl nach hinter den Arbeitern. Das Verhältnis zu andern Parteien gestaltete sich verschiedenartig. Innerhalb der zionistischen Organisation hatten wir die Versuche der Distriktskomitees, auf unsere Vereine Einfluß zu üben, zu bekämpfen. Zwei Angelegenheiten gaben zu Konflikten Anlaß: die Kongreßwahlen und der Schekel. Bei den Wahlen zum VII. Kongreß haben manche D.-K.'s Versuche unternommen, die Wahl von poalezionistischen Kandidaten zu verhindern. Ein Kampf wurde heraufbeschworen, aus dem wir zum großen Teil siegreich hervorgingen. Wir unterstützten den Dr. Waldmann in Tarnopol und setzten eigene Kandidaten in Wien, Krakau und Lemberg durch. Unsere Verhandlungen mit dem Landeskomitee bezüglich der Zuweisung von 2000 Schekeln an den Verband zum Verkaufe an die Parteigenossen, wurden durch Mißhelligkeiten durchkreuzt, die die Sache bis Mitte Mai mit Erfolg verschleppten. Erst dann erhielten wir die Schekel von den D.-K.'s mit dem Rechte, 35% unserer Sammlung zu behalten, und verkauften im Laufe der wenigen Wochen, die uns zur Verfügung gestanden, 1700 Schekel, und zwar nur an Parteigenossen, die unsere Deklaration unterzeichneten. (Beifall.) Die Abrechnung ist noch nicht abgeschlossen. Zu den Konferenzen, die zur Bildung der politischen Organisation der Zionisten führten, haben wir Vertreter entsendet, die sich, der Programmberatung enthielten und unsern Standpunkt dahin präzisierten, daß zwischen uns und den bürgerlichen Zionisten in der politischen Aktion nur ein Block Verhältnis denkbar ist, wie etwa zwischen Radikalen und Sozialisten in Frankreich, wiewohl wir in der Frage der nationalen Autonomie ein Zusammengehen für notwendig halten. In diesem Sinne gab unser Redner auch am Krakauer Zionistentage eine Erklärung ab. Die reale Arbeit in Palästina fand in den Palästina pionieren ihren konkreten Ausdruck. Uns ist die ehrenvolle Aufgabe zugefallen, die durch Krakau und Wien reisenden Pioniere zu empfangen, ihnen die Reise zu erleichtern, ja zu ermöglichen. Aus Österreich reisten vorläufig 6 Parteigenossen nach Palästina. Redner gibt zu, daß die Agitation noch vielfach litt, umso großartiger sind die erzielten Erfolge. Solange wir keine Berufsagitatoren haben, wird die Parteileitung den Anforderungen der Provinz nicht entsprechen können. Von großer Bedeutung war die Agitationsreise des Dr. Pasmanik. — Die Parteileitung widmete ihre-Aufmerksamkeit der Literatur und gab einige Broschüren heraus. Als Versuche einer Einleitung in die poalezionistische Theorie leistete das kleine Werk von Dr. Pasmanik ausgezeichnete Dienste. — Unsere Presse machte schöne Fortschritte: „Der jüdische Arbeiter" wurde aus einer Halbmonatsschrift in ein Wochenblatt verwandelt, dessen vorzügliche Redaktion allgemeine Anerkennung findet. Die materielle Unterstützung seitens der Parteigenossen läßt noch viel zu wünschen übrig. Der Kampf um die Acht-Uhr-Sperre und Lohnerhöhungen wurde energisch geleitet, und führte zu Streiks und Boykotts in einigen Fällen, die durchweg günstig ausgefallen sind. So der Tapeziererstreik in Czernowitz, der Schneiderstreik in Stanislau, der 20 °/o Lohnerhöhung erzielte; in Krakau wurde ein eigenartiger Streik der „Behelfer" durchgeführt und Besserung der Arbeitsbedingungen bei einzelnen Konfektionsfirmen in Krakau und Lemberg und in Rzeszow und Czortköw im Tischlerfach erzielt. Der Arbeitslosenfonds hat gegen 1000 jüdische Arbeiter herangezogen, der „Eiserne Fonds" hat schon 1182 Kronen, die durch die Beiträge aufgebracht sind und in der Postsparkasse einhegen. Die Leitung der gewerkschaftlichen Organisation bereitet der überbürdeten Parteiexekutive große Schwierigkeiten. So konnten nicht alle Mitgliedsbücher verschickt werden (bis jetzt sind bloß 700 ausgefolgt), woraus unsere Gegner unwahre Schlüsse bez. der Zahl unserer Mitglieder ziehen. Arbeitsteilung und Trennung von Partei und Fachorganisation tut not. — Redner glaubt das Rech: zu haben, im Namen der Parteileitung um die Erteilung des Ab solutoriums zu bitten. (Lebhafter Beifall.) Die Nachmittagssitzung wurde der Debatte über den