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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dieser Organisation „der deutschen Juden zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen?" Eine rein wirtschaftliche Zusammenfassung der deutschen Juden käme viel weniger in Betracht, als die Aufgabe, in unserem Sinne, soweit es möglich ist, auf die maßgebenden politischen Faktoren einzuwirken, vorzugsweise also auf die Wahlen zum deutschen Reichstag. Da die Regierungsparteien mehr oder weniger antisemitisch sind, so wäre es die Aufgabe des Verbandes, die politische Opposition von der sozialdemokratischen Partei bis zum linken Flügel der nationalliberalen Partei zu unterstützen. Um dieses zu erreichen, müßte allen Juden die Erkenntnis beigebracht werden, daß die Sache der Opposition auch die ihrige ist, daß mit der Opposition ihre Gleichberechtigung steht und fällt, was sie von der Zukunft zu erwarten haben, wenn es der Reaktion gelänge, ihren sehnlichsten Wunsch, die Abänderung des Reichstagswahlrechts, durchzusetzen und dem Reichstag etwa das Aussehen des heutigen preußischen Landtags zu geben. Diese politische Aufklärungsarbeit wäre sogar eine dringende Aufgabe des Verbandes. Noch heute gibt es Juden, die in der Stichwahl zwischen einem Sozialdemokraten und einem Konservativen oder Antisemiten diesen judenfeindlichen Kandidaten ihre Stimme geben. Diese Leute von ihrem selbstmörderischen, charakterlosen Tun abzubringen, wäre eine im besten Sinne nationale Fat. Damit wäre aber immer noch nicht die Existenzberechtigung jines jüdisch-politischen Verbandes bewiesen, wenn nicht auch die Möglichkeit für uns bestände, einen bestimmenden Einfluß auf die Zusammensetzung des Reichstags auszuüben. Dr. Mühsam hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daß die meisten Wahlen, besonders die Stichwahlen, mit ganz knappen Majoritäten zustande kommen. In vielen Wahlkreisen könnten die iuden bei-guter Organisation das Zünglein an der Wage bilden. )amit hätte die Wahltaktik der Organisation zu rechnen. In den Wahlkreisen z. B., in denen die Sozialdemokraten, die Freisinnigen nid irgend eine reaktionäre Gruppe mit ungefähr gleichen Kräften i den Wahlkampf ziehen, was häufig der Fall ist, wo ein paar Dutzend Stimmen entscheiden, welche Partei in die Stichwahl kommt, könnten die Hunderte von jüdischen Stimmen der freisinnigen Partei zugesagt werden für den Fall, daß sie sich verpflichtet, in einem Nachbarkreis, wo sie keine Aussicht hat, in die Stichwahl zu kommen, den sozialdemokratischen Kandidaten zu wählen oder wenigstens dem reaktionären Kandidaten gegenüber Wahlenthaltung zu üben. Dies ist eine von vielen Möglichkeiten, in oppositionellem Sinne die Wahlen zu beeinflussen. Bei geschickter Ausnützung der vorliegenden Verhältnisse könnte nach meiner Überzeugung viel erreicht werden. Es ist einmal ausgerechnet worden, daß bei gemeinsamem Vorgehen aller oppositionellen Elemente der Reichstag in kurzem ein ganz anderes Bild erhalten würde. Leider hat in den letzten Jahren die freisinnige Volkspartei unter Eugen Richters unglückseligem Einfluß ihre Frontstellung nach rechts aufgegeben, so daß nunmehr Konservative und Antisemiten, wie in Eschwege- Schmalkalden und Potsdam-Spandau, mit freisinniger Hilfe in den Reichstag ziehen. In erfreulichem Gegensatz hierzu findet der Gedanke einer oppositionellen Blockpolitik nach französischem Muster immer mehr Anhänger unter den einsichtigen Liberalen. Daß uns die volle Gleichberechtigung gewährt werden würde oder die Verschlechterung unserer Lage uns nie drohen könnte, wenn die Opposition einmal den Sieg davontragen sollte, ist wohl zweifellos. Propagieren wir aber einen solchen Gedanken unter den Juden, so dienen wir nicht zum wenigsten dem ganzen deutschen Volke, indem wir mitarbeiten an der freiheitlichen Gestaltung seiner Zukunft. Ich wiederhole noch einmal: Der offizielle Zionismus darf mit einer solchen Gründung direkt nichts zu tun haben. Die Organisation sollte ja nicht nur Zionisten, sondern möglichst alle Juden umfassen. Wir Zionisten aber wären die berufenen Führer und Organisatoren in dieser Sache. Hoffentlich geben meine Ausführungen Anlaß, daß noch mehr Anhänger der Mühsamschen Idee in der „Welt" sich zur Diskussion melden. Über das „Wie" wird erst eine gründliche Aussprache Aufschluß geben können. SPEZIALBERICHT UBER DEN III. PARTEITAG DER POALE-ZION ÖSTERREICHS i. Tag: Donnerstag den n. Oktober Der für den IL, 12. und 13. Oktober nach Lemberg einberufene ritte Parteitag der österreichischen Poale-Zion überragte schon irch die Zahl seiner Teilnehmer die zwei vorhergegangenen rakauer Tagungen. Im schönen Saale „Jad Charuzim" vermimelten sich 92 Delegierte aus 39 Städten Österreichs, 9 Mitiieder der Verbandsleitung, 6 Vertreter der Kreiskomitees und je, n Delegierter des Zentralkomitees der Poale-Zion Rußlands und :s P.-Z.-Verbandes Polens. Die gesamte polnische Presse Lemjrgs und viele auswärtige jüdische Zeitungen entsendeten Berichtstatter. Die Sitzung begann um 10 Uhr vormittags. S. Herz begrüßt den Parteitag im Namen der Lemberger -rteigenossen, die stolz sind, die Vertreter der mächtig empor- -wachsenen Organisation in ihrer Mitte begrüßen zu können, edner hebt hervor, daß einer der Vorkämpfer des proletarischen -ionismus, Schorr, in Lemberg gewirkt hat und verweist auf die i'folge des Poale-Zionismus in dieser Stadt. L. Schußheim (mit Beifall begrüßt) eröffnet den Parteitag Namen der Parteiexekutive und heißt die Vertreter der Bruder- ■'ganisationen in Rußland und Polen, sowie das Mitglied des :>ßen A. C, Herrn Adolf Stand, herzlich willkommen. Der; »ale-Zionismus, führt Redner aus, entwickelte sich zu einer Massen- ■wegung in allen Ländern des Golus. Der Gedanke gewinnt 11 iiier mehr an Boden in der Arbeiterschaft und Intelligenz. Wir -iien einmal ein von Gegnern verhöhntes und verleumdetes -iuflein, aber das von uns aufgestellte Problem wurde nicht ge-;t und unsere Gedanken und Ideen erobern sich allmählich ein -h'gerrecht in der sozialistischen Literatur. Wichtige organisatorische ^R'en harren ihrer Lösung auf dem Parteitage: die Trennung von Partei und Gewerkschaft, Feststellung der Kompetenzen von Partei- und Verbandsleitung und die Organisation der jugendlichen Arbeiter. Letztere Frage ist eine kulturell-erzieherische Notwendigkeit: wir wollen der verwahrlosten jüdischen proletarischen Jugend beistehen und bewußte jüdische Arbeiter erziehen. — Die auf die Tagesordnung gesetzten Fragen des Programms und der Taktik sind eine Fortsetzung der auf den früheren Parteitagen eingeleiteten Diskussionen. Wir werden sie auch heute nicht zum Abschluß bringen, wir wollen bloß die Richtung unserer weiteren Tätigkeit festsetzen und einen freien Meinungsaustausch herbeiführen. Ein großer historischer Moment ist es, in dem wir zusammentreten. In Rußland wankt alles, und der jüdisch-proletarische Gedanke schafft stets neue, nicht immer berechtigte Formen. Unsere Aufgabe und unsere Pflicht ist es, stark und einig nach innen zu sein. (Beifall.) Witebsky: Ich begrüße Sie im Namen der neuentstandenen jüdischen soz.-dem. Arbeiterpartei Rußlands. Der neuentstandenen Partei, sage ich, denn unser Gedanke entwickelte sich stufenweise und allmählich, manchmal widerspruchsvoll. Die S.-S. (Soz.-Territor.) haben ihrer territorialistischen Theorie die territorialistische Praxis geopfert. (Sehr gut!) Die „Seimisten" haben auf der Suche nach territorialistisch-proietarischer Praxis die Theorie eingebüßt. Wir wollen beiden Aufgaben gerecht werden. Das letzte Wort des jüdischen Proletariats ist noch nicht gesagt worden, aber das neue Wort wurde in unseren Reihen verkündet. Es ist für uns die Zeit des Zusammenschlusses aller Kräfte gekommen. Ihnen, Parteigenossen, fällt die Kristallisierung der Gedanken leichter. Sie haben nicht unsere Zweifel und unsere Schwierigkeiten. Dieser Parteitag möge uns einander näher bringen. (Stürmischer Beifall.) A.Stand (Mitglied des A. C.) begrüßt den Parteitag. Der Zionismus hat den

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