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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 — ■ DIE| und „echtrussisches" Volk, frere et cochon, offen und einträchtig mit einander arbeiten. Allmählich beginnen auch Nichtjuden, erweckt durch die gewaltige Sprache der Tatsachen, die Tiefe, die unausschöpfliche Tragik dieses jüdischen Jammerlebens zu erfassen: „Solange man den Juden als Paria des Landes behandeln wird, ... wird man sich nicht darüber wundern können, daß er bei uns alle Tugenden eher erlernen kann als die Liebe zum Vaterland, das man ihm immer wieder entreißt und aus dem man ihn vertreibt.... Während der Wahlen in der Reichsduma ruft man ihm zu: „Hinaus mit dir, Landstreicher! Wir sind die Herren des Landes!" Wenn aber der Jude da bleibt und darüber nachdenkt, welche Staatsform für ihn die beste wäre, was ist selbstverständlicher, als daß er eine solche möchte, die allen Klassengeist, alle religiösen und Klassenkämpfe ausmerzt und allen Völkerelementen die vollste Gleichberechtigung gewähren könnte.. . Der Jude hat Angst vordem „Patriotismus". Denn die „Patrioten" sind es, die sich in loderndem Fanatismus auf ihn stürzen. Soll er sich für die „Geschichte des Landes", für „Volkstraditionen "begeistern? Sie sind für ihn nichts anderes als eine Reihe von Epochen, in denen er etwas mehr oder minder hart bedrückt wurde. . . . Man wirft dem Juden vor, daß er die nationale Kultur verderbe und die Gesellschaft dem Abgrunde zuführt. Von welcher „Kultur" ist hier die Rede? Von der, die ihn niederwirft? Ein kleiner Schade! Von welcher „Gesellschaft"? Dem Klerus oder der Schlachta? Mögen sie zugrundegehen! . . . So denkt unser Jude, nichtder assimilierte oder im Schöße des polnischen „Buddha" ruhende, sondern der wirkliche Jude, der seine nationale Eigenart bewahrt hat, der seine eigenen Heiligtümer besitzt. Er kämpft mit allen Mitteln für die Demokratie, für unsere Freiheit.. . . Seine Lage aber wird unverändert bleiben. . . Es unterliegt keinem Zweifel, daß im Feuer der Revolution der Antisemitismus neue Waffen für sich schmieden wird. Nach der sozialen Wiedergeburt des Landes wird der Hooligan keine Geschäfte plündern und keine Menschen morden. An die Stelle des Hooligans tritt dann die Feder, es kommen die Insinuationen, — kurz, es folgt die Intoleranz. . . ." So schreibt das progressiv-demokratische Blatt „Prawda" zur gE LT No.44 Judenfrage in Polen. Aber das hat selbstverständlich Geltung, soweit die russische Grenze reicht. Der radikale „Towarischtsch" veröffentlichte in Eine Einladung sejner leMen Nummer folgenden offenen Brief des bekannten liberalen Schriftstellers Pantelejew an den Grafen Pückler : „Eure Durchlaucht! Schon zum zweiten Mal leiden Sie für die Standhaftigkeit Ihrer Überzeugungen. Es ist sehr traurig, aber verständlich: Niemand ist Prophet in seinem Lande! Aber es existiert in Europa ein Land, wo Sie trotz der im 20. Jahrhunderte so mächtigen Judenherrschaft sich so wohl wie der Fisch im Wasser fühlen könnten. In diesem Lande versteht man die Verdienste der großen Antisemiten zu würdigen. Ziehen Sie nach diesem Lande! Da können Sie Ihre Titel behalten und eine große Stellung in der Regierung bekleiden, was ja für Sie in Deutschland ganz unerreichbar wäre. In diesem gesegneten Lande könnten Sie nicht nur schreien, daß jeder ordentliche Antisemit einige Steine in der Tasche haben muß, sondern auch ganz unbestraft diese Steine auf die Juden werfen, und würden noch das große Vergnügen haben, dieselben Juden auf der Anklagebank zu sehen. In diesem gesegneten Lande wird dieses verfluchte Volk nicht mit Knuten, sondern mit Flintenkugeln nach allen vier Weltgegenden vertrieben. Graf, in Ihrem undankbaren Vaterlande werden Sie bestraft und ins Gefängnis gesteckt; im neuen Vaterlande werden Sie eine einflußreiche Partei für sich haben, die der Regierung Vorschriften macht. Diese Partei wird Sie mit Jubel in ihre Arme schließen und zu ihrem Führer machen. Und Juden gibt es in diesem Lande nicht nur zu Tausenden, sondern zu Millionen. Denken Sie nur: welch ein Gebiet für Ihre Tätigkeit! Und mit welchem Ruhme Sie Ihren Namen für ewige Zeiten bedecken werden, wenn Sie meinem Rate Folge leisten! Über näheres kann Sie Fürst Schtscherbatow sehr gut informieren. L. Pantelejew." So satirisch das scheint, es ist nicht einmal absurd. Man muß sich nur daran erinnern, daß die Helden des russischen Antisemitismus Gringmut, Kaulbars, v. Wahl e tutti quanti deutscher Abstammung sind. Einige Bemerkungen zu dem Vorschlag einer nationaljüdischen Partei in Deutschland Von Dr. Q. WITKOWSKY (Charlottenburg) In der Nummer 43 der Welt hat Dr. A. Friedemann gegen den Mühsanischen Antrag mit Gründen Stellung genommen, die eine entschiedene Antwort verlangen. Vor allem glaubte er, vom zionistischen Standpunkt prinzipi eile Verwahrung gegen Mühsams Vorschlag einlegen zu müssen. Zweifelsohne hat der offizielle Zionismus mit einer solchen Gründung direkt nichts zu tun. Wenn aber von der Tribüne des letzten Kongresses herab die Beteiligung der russischen Juden mit ihren national-jüdischen Organisationsplänen an dem Befreiungskämpfe ihres Vaterlandes von offiziell-zionistischer Seite gutgeheißen wurde, so ist es nicht recht verständlich, weshalb die zionistische Bewegung in Deutschland einer jüdischen Partei, die die Abwendung wirtschaftlicher Gefahren von den deutschen Juden bezweckt, im Prinzip ablehnend gegenüber stehen soll. Eine solche Stellungnahme dürfte nur aus opportunistischen Gründen erfolgen. Es ist auch grundfalsch, zu behaupten, wir Juden in unserer Gesamtheit hätten nur eine gemeinsame Zukunft, aber keine gemeinsame Gegenwart. Gewiß sind die wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, unter denen wir Juden leben, in den einzelnen Ländern verschieden, gemeinsam aber ist uns allen — und darauf kommt es in erster Reihe an — die wirtschaftliche Bedrückung; und selbst wenn man die Lage der deutschen Juden in so rosigem Lichte sieht, wie es Herr Dr. Friedemann tut, wird man doch nicht unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Gefahr einer Verschlimmerung unserer Lage leugnen können. Damit wird auch die Behauptung des Herrn Dr. Friedemann hinfällig, zwischen den süddeutschen und den ostdeutschen Juden gebe es keine Interessengemeinschaft. Gewiß, jene handeln mit Wein, diese mit Vieh. Die einen sind an dem Ausfall der Ernten, die andern am Viehbestand des Landerinteressiert. Auf diese Verschiedenheit des Handelsobjektes kommt es aber auch gar nicht an. Gemeinsam ist allen Juden, welchen Berufen sie sich auch widmen mögen, die Gefahr wirtschaftlich boykottiert zu werden; daß aber der Handel tatsächlich in Deutschland eine nationale Eigenart hat, beweisen das christliche Schuh - Warengeschäft, der christliche Gasthof usw., deren Existenz Herrn Dr. Friedemann wohl bekannt sein dürften. Wenn also eine Oiganisation die wirtschaftliche Lage der Juden in günstigem Sinn* beeinflussen will, so kann man vom zionistischen Standpunkt nich; nur nichts dagegen einwenden, sondern müßte ihr die möglichste Förderung angedeihen lassen. Welcher Art wäre nun die Aufgabe

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