Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 44 diei|k geklagten sprechen vor Gericht „Jüdisch", so daß man ihnen einen Dolmetsch beigeben mußte. Der Hauptschuldige Schapira ist ein abgefeimter, in allen Künsten seines Gewerbes bewanderter Gauner. Es ist ein trauriger Prozeß, sagten wir. Nicht wegen der Tatsache selbst. Wir gehören wahrlich nicht zu den Verhimmlern des jüdischen Volkes, zu den Lobhudlern unserer Nation. Wir kennen die Vorzüge und die Schwächen unseres Volkes. Die Tatsache, daß auch unter Juden Verbrecher und Gauner vorkommen, ist natürlich — sind Juden doch auch Menschen wie alle anderen. Hier stehen wir auf dem Boden der menschlichen Schwächen und Gebrechen, des sozialen Elends, der verzweigten und tiefen Folgen der Verbrechen. Solange die Gesellschaftsordnung so ist, wie sie ist, werden Menschen mit schwachen Hemmungszentren, mit geringer Einschätzung der Lebenswerte, mit Lust zu leichtem und abenteuerlichem Leben immer zu Taten sich hingedrängt fühlen, die die Gesellschaft für strafwürdig hält. Ob sie Juden sind oder Christen. Der Prozeß in Wien würde uns somit gar keinen Anlaß bieten, ihn zum Ausgangspunkte einer Betrachtung zu machen, wenn er nicht, wie es immer dei Fall ist, von den Feinden des jüdischen Volkes zu antisemitischen Zwecken verallgemeinert würde. Es ist ja immer dieselbe Geschichte. Tut ein Jude etwas Gutes, dann heißt es höchstens: „Ausnahmsweise hat ein Jude sich ein Verdienst erworben." Hat aber ein Jude etwas Schlechtes getan — dann wird das ganze Volk mitverantwortlich gemacht. Aus der mindesten Affäre sind die Antisemiten bereit, den Juden einen Strick zu drehen. Aber auch das läßt uns kalt. C'est leur metier — wovon sollen denn Vergani, Lueger und Stöcker leben, wenn sie nicht in Lügen machten? Ärgerlich, ja unverzeihlich ist es aber, wenn die Vertreter der radikalsten Gesellschaftslehre, die Dränger und Stürmer, die Rufer nach der neuen Ordnung, die Sozialisten, sich auf ähnliche Kunstgriffe werfen, um ihren Parteistandpunkt durchzusetzen. Die Wiener „Arbeiterzeitung", ein journalistich gut redigiertes Blatt, an dessen Spitze ein so grundgescheiter Mann wie Dr. Viktor Adler steht, hat eine merkwürdige Eigenschaft— sie antisemitelt sehr gerne. Es ist natürlich nur eine Art Sport. Renegaten oder ganz entfremdete Juden gehen in ihrer Selbstverneinung oft so weit, daß sie die giftigsten Pfeile gegen ihr eigenes Volk schleudern. Juden sind einmal zum Extrem geneigt. Der fanatische Chassid, der die Juden iir die Achse hält, um die sich die ganze Welt dreht und der fanatische Assimilant und Sozialist, der das Judentum am liebsten ausgerottet sehen möchte — beide bewegen sie sich in derselben Stiminungslinie. Die „Arbeiterzeitung" hat auch anläßlich des Faslchmünzerprozesses sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, am jüdischen Volke ihr Mütchen zu kühlen. Sie schreibt: „Die Verhandlung zeigt wieder, daß die abgrundtiefste Verworfenheit und die unglaublichste Verschlagenheit mit der „Reügiositä't" vereinigt sein können, wie sie heute noch die meisten Menschen auffassen und wie sie insbesondere (!) in den Ghettos J.er galizischen Juden geübt wird; mit sinnlosem Formelkram, mit Zeremonien und alten Gebräuchen sonder Zahl, ohne daß die von olchem Fanatismus erfüllten Menschen auch nur eine Spur von Redlichkeit besitzen." Das „insbesondere" ist ein antisemitisches Stückchen. Man nag über den Wert der „Religiosität" denken wie man will — niemand wird behaupten können, daß Religion uud Immoralität in iner ursächlichen Verbindung stehen. Insbesondere bei den •luden, wo es keine Hierarchie, keine „Kirche", keinen Religionswang gibt. Und die „A.-Z." geht noch weiter. Sie schiebt auf -as jüdische Ghetto die Verantwortung für die sittlichen Gebreste einzelner jüdischer Individien. Sie sagt ferner: „Von allgemeiner Bedeutung ist es aber, daß das Ghetto immer ■vieder solche „fromme" Menschen erzeugt, und daß dieses Ghetto ELT — 5 ein Gegenstand der Liebe aller „patriotischen Konservativen" des Ostens ist. Die Verderbtheit östlicher Juden ist die notwendige Ergänzung der Schandwirtschaft in den Ländern des Ghettos. Eines bedingt das andere." Wenn „Ghetto" als der Inbegriff der anormalen, künstlichen, uuhaltbaren Stellung der Juden aufgefaßt wird, dann mag die Erklärung der „A.-Z." gewissermaßen richtig sein. Und wir werden wohl die letzten sein, die für das Ghetto Partei ergreifen werden. Ist ja unser ganzes Ziel die Überwindung des Ghettos durch die Freiheit des jüdischen Volkes. Aber die „A.Z." scheint unter Ghetto auch die ganze jüdische, nicht-sozialistische Gesellschaft zu verstehen. Für sie sind die Juden ä priori schuldig, — wenn sie keine Sozialdemokraten sind, ja sogar, wenn sie Poale-Zion oder Separatisten sind. Der Haß der Sozialdemokratie ist nicht gegen das „Ghetto", sondern gegen das jüdische Volk gerichtet. Warum? Welche Hindernisse stellen denn die Juden der Sozialdemokratie in den Weg? Sind denn nicht die Juden immer die Ersten in den Reihen der Kämpfer für die Freiheit? Haben die Juden je prinzipiell gegen die Sozialdemokratie als solche Feindschaft bewiesen? Daß die Juden nicht der Theorie zuliebe sich samt und sonders „proletarisieren" wollen — das wird ihnen doch Herr Austerlitz oder Dr. Adler nicht verargen. Dafür sorgt schon das Leben selbst. Woher nun der Haß? Und was tun die Sozialdemokraten, um die Schäden des Ghettos zu beseitigen? Wie antworten sie auf den Schrei der jüdischen Seele? Hören sie ihn denn überhaupt? Warum beschäftigen sie sich mit jüdischen Angelegenheiten nur, wenn es gilt, der Ehre des jüdischen Volkes zu schaden, und gehen achselzuckend und verächtlich vorüber, wenn das jüdische Volk in Qualen liegt, Hilfe suchend? Wir verstehen die theoretischen Gründe, die orthodoxe Marxisten gegen die jüdische Nationalität vorbringen — obwohl wir sie für falsch halten. Wir verstehen nicht die feindselige Stimmung der Sozialdemokratie gegen ein armes, von allen gehaßtes und verfolgtes Volk. Flectere si nequeo superos — Acheronta movebo, ■— wenn die Sozialdemokratie dadurch ihre Macht beweisen will, daß sie am „Acheron", an der Hölle des jüdischen Lebens rüttelt, indem sie noch mehr Öl in das Feuer gießt — so ist das kein Beweis großer Gesinnung. Wir aber lächeln darüber. Das jüdische Volk hat die Angriffe Pfefferkorns und anderer Renegaten überstanden — es wird auch an den Flegeleien des Herrn Austerlitz nicht zugrunde gehen. Herr Austerlitz aber macht sich lächerlich. Rußland Bei verriegelten Fenstern, hinter verschlossenen Türen, so schlecht und so gut es geht sich verbarrikadierend vor dem drohenden Schrecken blutiger Pogrome --so feierten wohl an vielen Orten die russischen Juden den Jahrestag der Konstitution. Auf den Regierungshäusern Flaggen, in den Straßen Kosaken mit blinkender Waffe, in den Stadtwinkeln Hooligans, in den Schenken dunkles Gesindel, das Proklamationen und Waffen verteilt — und in den jüdischen Häusern die Menschen zusammengedrängt in furchtbarer nervöser Anspannung, von Angst gepeinigt oder fatalistisch oder kampfbereit, das große Unglück erwartend oder das große Glück. Das große Unglück, das bei irgend einer gewollten oder ungewollten Veranlassung ausbrechen kann, wenn ein Kosak sich einen Rausch angetrunken oder wenn ein Hooligan seine Raubgier nicht mehr zurückzuhalten vermag, wenn ein Revolutionär.'eine Bombe schleudert oder einProvokator seinen Revolver abschießt. Oder das große Glück: daß dieser Jahrestag der Konstitution „ruhig" vorübergehe, daß diesmal und an diesem Orte kein jüdisches Blut fließe. . . Und wissen dabei, daß, wenn dieser Tag auch glücklich zu Ende ist, der nächste nicht leichter und ungefährlicher sein wird. Und als Hohn darauf der Segen von oben: die zum Zwecke der ausländischen Anleihen pompös angekündigten Reformen in der Judengesetzgebung, indes zur selben Zeit Regierung 2