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Die Welt · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Stimmen der Juden streiten könnten: Das Zentrum und die sozialdemokratische Partei. Was nun die letztere anbetrifft, so ist sie wohl die einzige, die eine wirklich freiheitliche Politik betreibt. Es wäre aber der Theorie und den Prinzipien des Sozialismus ganz zuwiderlaufend, wenn eine bürgerliche kapitalistische Qesellschaftsklasse ohne weiteres einer Partei sich anschlösse, deren Grundlagen sie negiert. Intellektuelle Mitläufer liefern die Juden der Sozialdemokratie zur Genüge. Diese Halbheit zu einem politischen System zu erheben — ist ein Unding, übrigens gefällt sich die deutsche Sozialdemokratie oft in antisemitisch angehauchten Auslassungen. Ob die Rosa Luxemburg oder der Abg. Heine, oder die Stimmung der deutschen Arbeiter daran schuld sind, wollen wir nicht untersuchen. Die Tatsache ist leider unwiderleglich. Wir können an die verschiedentlichen Bemerkungen des „Vorwärts" erinnern, der seinerzeit behauptet hat, in Bjelostok sei „bourgeoises" Blut geflossen. Die streng marxistische Sozialdemokratie steht in der Judenfrage noch immer auf dem Standpunkte Marx', d. h., einer grundsätzlichen Verneinung der Existenzberechtigung der Juden als solcher. Sie hat auch kein Verständnis für die jüdischen Fragen der Gegenwart. Bleibt also das Zentrum. Das Zentrum ist eine konfessionelle Partei. Ihr Grundsatz ist Toleranz. Sie müßte auch füglich nicht judenfeindlich sein. Wie steht es nun in der Wirklichkeit damit? Das Zentrum hat zwei Strömungen — die eine will nur eine katholische Partei sein, die andere will eine sozialpolitische Tätigkeit entfalten. Die Partei soll somit im Interesse des Katholizismus eine Schutz- und Trutztruppe bilden — die Defensive, aber auch die Offensive ergreifen. Von dieser Richtung können Juden nichts erwarten. Jede religiöse Partei ist exklusiv, intolerant. Solange sie nicht am Ruder steht, verspricht sie alles, .ist sie radikal. Sobald sie aber das Heft in die Hände bekommt — zeigt sie ihre wahre, intransigeante Natur. Wir sehen es an Östereich, wir sehen es an Bayern, an Spanien. Was für die Juden schädlicher ist, die Herrschaft der junkerlich-protestantischen Partei oder der Katholiken — ist schwer zu sagen. Atnbo meliores. . . . Was aber die „sozialpolitische" Richtung anbetrifft, so wird es wohl kein wirksameres Schreckgespenst geben, als diese. Wir wissen ganz genau, was diese „christlich-soziale" Richtung will und kann. Wien sei ein Beispiel. Wie können nun die Juden mit einer Partei zusammengehen, die in ihren Grundsätzen intransigent, in ihrer sozialen Tätigkeit antisemitisch ist? Hieße es dann nicht, sich selbst eine Falle bereiten? Auf Dankbarkeit des Zentrums dürften die Juden kaum rechnen. Parteien kennen gewöhnlich diese Tugend nicht — umsomehr, wenn es sich um Juden handelt, die schließlich keine so gefährlichen Gegner sind. Wie wir sehen, kann den Juden ihr Anschluß an irgend eine bestimmte, maßgebende Partei gar nichts helfen, kann die Schäden des jüdischen Lebens nicht sanieren. Quum nihil sanat — quid sanat? Eine eigene jüdische Partei gründen, eigene jüdische Vertreter ins Parlament schicken? Aber daran ist ja nicht zu denken. Und zwar aus praktischen und theoretischen Gründen. Die Juden Deutschlands bilden keine so kompakte Gruppe, wie in Rußland, und werden kraft der bestehenden Verhältnisse nie dazu kommen, einen eigenen Kandidaten durchzusetzen. Aber auch aus theoretischen Motiven kann man für die Bildung einer national-jüdischen Partei, die eine politische Bedeutung im deutschen Reiche erlangen, die die Vertreterschaft der Juden bilden würde, nicht eintreten. Denn die Möglichkeit auch zugegeben, würde es die Gesamtstellungder Juden nur schwächen. Staatsrechtlich bilden die Juden im Deutschen keine Nation, wie die Polen. Sie sind eine Konfession. Sie können somit auch nicht Rechte beanspruchen, die einer Nation zustehen. Wären auch vielleicht in Verlegenheit, wenn es dazu käme. Die Juden in Deutschland können ja nicht, im Gegensatz zu den Juden in Rußland, die eine staatlich anerkannte Natron, eine eigene Sprache, ein eigenes Milieu haben, eine Selbstverwaltung verlangen. Ihre Forderungen sind vor allem defensiver Natur. Damit wird die Frage von Wichtigkeit, ob sie auch aus eigenen Kräften die Defensive erfolgreich führen können — was sehr zweifelhaft ist. Eine eigene jüdische politische Partei wäre vielleicht eine ganze Lösung, ein großes Mittel. Aber es gibt Situationen, wo große Mittel nicht helfen, wo nur Teil lösungen möglich sind. Eine solche Teillösung der aktuell gewordenen Frage wäre eine egoistische Politik der Juden, d. h. eine reale Interessenpolitik. Nicht?um Namen und Theorien soll es sich den Juden handeln, nicht für die schönen Augen der Müller-Meiningen oder Mugdan sollen sie sich begeistern, sondern für praktische Zwecke. Verspricht ein Kandidat jüdische Interessen zu unterstützen — dann, aber nur dann — darf er auf die Stimmen der Juden rechnen. Ein positives Programm soll die Garantie seiner Aufrichtigkeit sein. Die „Köln. Volksztg." hat in einer Beziehung recht. Die Juden lassen sich von „Mosse und Ullstein" im Schlepptau nehmen, werden chauvinistisch, laden am sich unverdienterweise den Haß der Polen, beteiligen sich an der Hetze gegen das Ausland — zu ihrem Schaden und wohl auch nicht zum Nutzen des Reiches. Nicht sie sollen sich von den Professionspolitikern leiten lassei — sondern sie sollen die Vertreter, die sie wählen oder zu wählen haben, etwas kritischer ansehen. Die Juden in Deutschland haben nie „Realpolitik" getrieben. Sic haben sich immer von Motiven verleiten lassen, die jenseits der politischen Wirklichkeit lagen. Daher aucl die Unnatürlichkeit und die Unklarheit ihrer Situation. Aber alles drängt zur Klärung. A. Cor. %^ POLITISCHE REVUE Die Sozialdemokratie und das „Ghetto" Vor dem Schwurgericht in Wien spielte sich ein unerquicklicher Prozeß ab. Eine Falschmünzerbande österreichischer Provenienz, die österreichisches Geld fabrizierte, ist in London abgefaßt worden und steht jetzt vor dem Wiera*■. Schwurgericht. Leider sind die Angeklagten lauter Juden und zwar galizische Juden. Nuchim Schapira, Butterweich, Piepes usw. heiße: die Falschmünzer. Der Prozeß ist ein sehr eigenartiger. Die Ai -

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