Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIEMKE LT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23\^ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 2. November 1906 p-nr6 hWn \wn "t No. 44. „MOSSE UND ULLSTEIN" Unter diesem Titel haben die Zentrumsblätter, an der Spitze die „Kölnische Volkszeitung", eine interessante, sehr charakteristische Diskussion eröffnet. Mosse und Ullstein, die jüdischen Herausgeber liberaler Blätter in Berlin, sind für das Zentrum das Symbol der „Judenpresse", des jüdischen „Liberalismus", der jüdischen Politik in Deutschland. Es ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, daß im selben Moment, wo jüdischerseits in Deutschland die Bestrebung zum Vorschein kommt, eine Revision der politischen Beziehungen zu unternehmen, auch katholischerseits diese Frage gelüftet wird. Die Wortführer der katholischen Zentrumspartei werfen den Juden mangelhaftes Verständnis für die Politik des Zentrums und ihre nachbeterische kritiklose Haltung gegenüber den liberalen und radikalen Parteien vor. Die Liberalen, meinen die Korrespondenten der „Köln. Volkszeitung", seien intolerant, wogegen das Zentrum ja die Toleranz zur Grundlage habe. Das Zentrum habe in den Juden bisher nur Gegner gefunden, es könnte nun der Fall eintreten — droht das Zentrum —, wo die Juden auch als Gegner behandelt werden müßten. . In aller Eile fand sich auch ein Kölner „Israelit", der in der „Köln. Volkszeitung" sich den Ausführungen der Zentrumsmänner anschloß. Die Frage, die hier aufgerollt wird, hat für uns eigentlich nur insofern Interesse, inwiefern sie negativ-kritisch ist. Unsere ganze Stellung bedingt es. Wir als Zionisten haben zwar kraft unserer Theorie kein positives, innerpolitisches Programm aufzustellen. Es ist aber im Wesen unserer Idee gelegen, die „konventionellen Lügen" des jüdischen Lebens aufzudecken, überall anzuklopfen, wo es hohl und morsch ist. Und von Tag zu Tag wird die Hohlheit der deutsch-jüdischen Politik vergrößert. — Es ist etwas faul im Staate Dänemark. Vor Jahr und Tag wäre der Gedanke, daß die Juden sich von . der liberalen Politik abwenden sollten, wie ein Wahnsinn verschrieen worden. Nicht mit Unrecht. Abgesehen von allen ideellen Werten, von den Idealen der Kulturmenschheit, die im Liberalismus „an sich" ausgedrückt sind, war es auch das vitale Interesse der Juden, mit den Liberalen durch Dick und Dünn zu gehen. Denn diese konnten ihnen immer sagen: 4 „Vostra res agitur". Gegen den Ansturm der Junker und der Pfaffen konnte nur der Liberalismus die Judenrechte retten. Aber was für ein Liberalismus war es denn? Es war der Liberalismus der badensischen Achtundvierziger, es war der Liberalismus der großen Revolutionäre, des Königsberger Arztes Jacoby, des Dichters Herwegh, Gottfried Kinkels, Bambergers. Das war ein echter Liberalismus. Sie, deren Wille im Frankfurter Parlament zum Ausdruck kam, wollten ein freies Deutschland schaffen. Und darum konnten, mußten die Juden mit ihnen gehen. Was ist nun aus dem Liberalismus geworden? Es ist ihm ergangen, wie dem deutschen Geiste überhaupt, der, wie Nietzsche sagte, auf dem besten Wege war, die Welt zu erobern, durch den Sieg von 1870 aber zurückgedrängt wurde. Der Liberalismus von heute ist ein schlechter Abklatsch des wahren Liberalismus eines Barnberger. Er ist eine phonographische Reproduktion einer Symphonie aber von den näselnden Tönen des Phonographen begleitet. Der Liberalismus von heute hat zwei merkwürdige Eigenschaften — entweder existiert er überhaupt nicht, oder er ist nicht liberal. Die erste Eigenschaft besitzen in hohem Maße der „Freisinn", die „demokratische Partei", die zweite ist das Erbstück der „Nationalliberalen". Warum diese letztere Partei das Wort „national" durch das überflüssige und von ihr mit keinem Inhalt versehene Wörtchen „liberal" belastet, ist unverständlich, jedenfalls ein Mißverständnis. Ob Jung- oder Alt-Nationalliberal, ob Bassermann oder Falk — „ist ganz egal — man wird doch gegerbt". Für reaktionäre Maßregeln wird die nationalliberale Partei doch immer zu gewinnen sein. Welche Partei soll nun die Interessen der Juden vertreten? Welcher sollen sie ihr Vertrauen und ihre Stimme schenken? Den Freisinnigen — aber diese haben vielleicht gute Absichten, aber gar keine Macht! _Was haben wir von schönen Perorationen, wenn dabei "doch nichts herauskommt! Den Nationalliberalen? — Wofür? Warum nicht gar den offenen Reaktionären? Antisemiten sind sie doch alle! Nun gibt es zwei Parteien im Lande, die um die