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Die Welt · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 16)
Language
German
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sich in vielem von den Privatinformationen. Deswegen sei es ihm unmöglich, vor der Beendigung der Untersuchung etwas Endgültiges über die Ereignisse in Siedice zu sagen. Nichtsdestoweniger könne er schon jetzt mit Sicherheit behaupten, daß das Militär in manchen Fällen seine Waffenkräfte mißbraucht hat; auch findet er, daß die Verhaftung der Deputation, Welche sich zum Generalgouverneur Engelke begab, durch nichts gerechtfertigt werden kann. Alle, die sich irgendwelchen Vergehens schuldig gemacht haben, sollen bestraft werden. Was das Plündern und Rauben, welche im Memorial erwähnt werden, betrifft, so hat Stolypin aus offiziellen Mitteilungen die Überzeugung gewonnen, daß die Nachrichten von den privaten Quellen übertrieben sind. Die offiziellen Berichte konstatieren, daß sich das Rauben und Plündern nur auf Zueignung ganz unbedeutender Gegenstände, wie Seife, Zigaretten, Tabak etc., beschränkte. Die feindliche Stellung des Militärs gegenüber der Bevölkerung erklärt der Minister durch unaufhörliche "terroristische Akte, welche von den Revolutionären verübt wurden, und auch durch andere Symptome der revolutionären Tätigkeit. Denn es unterliege das keinem Zweifel, daß in Siedice, wie auch im ganzen Königreiche Polen, zahlreiche revolutionäre Organisationen existieren. Die offiziellen Mitteilungen geben die Zahl der Revolverschüsse, welche von den Revolutionären in das Militär abgefeuert wurden, mit 1000 an. Der Umstand, daß keiner von den Revolutionären gefangen genommen wurde, sei durch die Geschicklichkeit zu erklären, mit welcher sich die Revolutionäre vor der Polizei zu verstecken wissen. Die Angaben über verschiedene ernste Vorbereitungen zum Pogrom betrachtet Stolypin als unmotiviert. Die angeführten Beweise gehören zu den Mitteln, welche während des Kriegszustandes überall angewendet werden, wo es sich um energische Unterdrückung der revolutionären Ausbrüche handelt, sogar in Petersburg. Trotzdem Stolypin Klagen der friedlichen Bürger, die unter der Last des Kriegszustandes leiden, vollständig begreift, kann dieser nicht eher aufgehoben werden, bis die Tätigkeit der revolutionären Organisation ganz aufhören und die Ruhe im ganzen Lande wiederhergestellt werden wird. Stolypin wird sich aber bemühen, die schweren Bedingungen des Kriegszustandes etwas zu erleichtern, indem die Kontrolle über die Soldaten seitens der Offiziere verstärkt werden wird. Ferner hat Stolypin ganz entschieden erklärt, daß man in der Zukunft keine Pogrome zu befürchten brauche, sie werden sich niemals wiederholen. In einem Kulturlande dürften solche Sachen nicht vorkommen. Während der Audienz lagen auf dem Schreibtische des Ministers, außer dem Memorial der Deputation, noch die Memoriale des Warschauer Generalgduverneurs, des Vereins zur Erlangung der jüdischen Gleichberechtigung, das Telegramm des Warschauer Generalgouverneurs über die Demission von Tichanowski, das Memorial der Ministerialkornmission unter der Leitung des Generals Nowosilcew und noch einige andere Dokumente über den Pogrom in Siedice. Rückerstattung von Pogromraub Siedice. Vorige Woche fand die vom Rabbiner und dem Polizeimeister angekündigte Rückerstattung der geraubten Gegenstände an ihre Eigentümer statt, welche sich zu diesem Zwecke auf einem großen Platze in der Nähe der Warschauerstraße versammeln sollten. Doch wie groß war ihre Enttäuschung, als sie Valien, daß auf dem Platze einige Paar alter Schuhe, abgetragene Kleidungsstücke, zerrissene Wäsche etc. lagen. Keiner von ihnen wollte sich zu den Gegenständen bekennen, und diese wurden unter militärischer Eskorte zum Rabbiner gebracht. Ein Echo des Bjelostoker Pogroms Die offiziellen Mitteilungen über den Pogrom in Bjelostok und die Auflösung der Duma schienen der Untersuchung ein Ende gemacht zu haben. Die offizielle Presse erklärte die Berichte der Dumakommission für tendenziös und „der Wirklichkeit widersprechend". Es vergingen vier Monate, und nun (wie bereits gemeldet wurde) ergab die Untersuchung, daß die Berichte der Dumakommission die vollständige Wahrheit dargestellt haben. Der Staatsanwalt des Wilnaer Gerichtes erklärte, daß der Pogrom durch die Agitation einer der reaktionären Parteien hervorgerufen wurde. Es wurden 26 Personen zur Verantwortung gezogen, unter anderen auch der Chef der Station Bjelostok, der auf die Bitten eines von Hooligans verfolgten Juden ihn anschrie: „Geh zum Teufel!" Die Kommission konstatierte entsprechend den Berichten der Deputierten Schtschepkin, Arakanzew und Jakobsohn, daß zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung von Bjelostok keine besondere Feindseligkeit existiert hätten, daß der Pogrom vorbereitet und sowohl von der Bevölkerung wie auch von den Behörden erwartet wurde. Wird es aber dem Gerichte gelingen, die Schuldigen zu demaskieren? Wie es auch kommen mag, die Resultate der Untersuchung, die die Berichte der Dumakommission bestätigten, haben sowohl den Berichterstattern, wie auch der öffentlichen Meinung, die vor vier Monaten durch die Ereignisse in Bjelostok so tief erschüttert war, eine große Genugtuung gewährt. Die echt russischen Leute triumphieren! .; . . . Das dunkle Rußland kann seinen Sieg feiern. Es ließ seine mächtige Stimme ertönen, welche den „Erbfeind aus dem grausamen Albion" zum Zurücktreten zwang. Die englische Deputation hat ihre Ankunft nach Rußland abgesagt. Aber, wie bekannt, kennt die Strategie Siege, welche einer Niederlage gleichkommen. Und auch in diesem Falle glauben wir, daß diese Organisationen und Verbände, deren Stimme in diesem Falle entscheidend waren, einen Pyrrhussieg davongetragen haben. Als der Verband des russischen Volkes und andere dunkle Elemente es unternahmen, die Ankunft der englischen Deputation zu verhindern, so konnten sie es tun entweder durch Beeinflussung der öffentlichen Meinung in England oder durch ganz mechanische Mittel, Die Gegner der englisch-russischen Manifestation haben selbstverständlich den zweiten leichteren Weg gewählt. Der Charakter dieser Mittel wurde von der englischen Seite sehr gut erkannt. Die Angst vor brutalen Gewalttaten seitens der echt-russischen Männer haben die Deputation bewogen, ihre Reise nach Rußland aufzugeben. Der Verband des russischen Volkes hat gesiegt, hat aber gleichzeitig seine eigene Zukunft verspielt. In der Kriegsbegeisterung zeigte er seine wahre Gestalt........ Aus der schwarzen Presse In „Russkoje Snamja" wurden veröffentlicht folgende Telegramme, gesandt durch die Vermittlung des Verbandes des russischen Volkes von den einzelnen Abteilungen dieses Verbandes an den Kaiser: Von der Saratower Abteilung: „In Gottes Namen bitten wir Dich, allmächtiger Kaiser, das unglückliche Heilige Rußland von der nahenden Gefahr zu retten, welche ihm von der großen, die ganze Welt umfassenden freimaurerischen Judenliga droht Sie bedroht Deine unbeschränkte Macht, weiche Dir von Gott verliehen wurde. Die Liga besticht die Führer des russischen Volkes, welche von Dir als Volksvertreter auserwählt waren. Auf den Knien flehen wir Dich an, verjage die Liga aus Rußland und entlasse alle Beamte, welche sich an die Liga verkauft haben. Verbiete den Juden den Eintritt in die russischen Schulen, sonst wird die russische Jugend von den Juden verdorben und geknechtet werden." Unterschrift: Für den Vorsitzenden: Garder. Von der Abteilung des Verbandes des russischen Volkes in Tula: „Wii ersuchen Dich, Großer Kaiser, daß man keine Juden in die Schulen aufnehmen soll und daß die Allweltliche jüdische Liga aus Rußland vertrieben werden soll." Unterschrift: Der Vorsitzende Below. Von der Abteilung in Orscha: „Wir ersuchen Dich, allmächtiger Kaiser, um Abschaffung der großen, revolutionären Judenliga und um Entlassung aller Beamten, welche dieser Liga augehören. Verordne dem Kriegsminister, daß er keine Juden in die Kriegsakademie aufnehmen soll." Unterschrift: Im Namen der Komitees Alfajew. Außer diesen Telegrammen wurde im „Russkoje Snamja'4 eine ganze Reihe von Telegrammen von Verbänden des russischen Volkes an den Premierminister abgedruckt mit der Bitte, daß man den Juden keine Gleichberechtigung gewähren soll. Der Saratower Verband des russischen Volkes sandte ein Telegramm an Baron Kaulbars mit dem Dank für seine segensreiche patriotische Tätigkeit in Odessa. Pogromgefahren Romny. Am 10. Oktober fand das Begräbnis des von Anarchisten getöteten Polizisten Izop statt. Schon von früh morgens zirkulierten hartnäckige Pogromgerüchte. Infolgedessen begab sich eine jüdische Deputation zum Isprawnik mit der Bitte um Annahme nötiger Vorsichtsmaßregel zur Vermeidung des Unglücks. Der Isprawnik beruhigte die Deputation, versprach, alle Vorsichtsmaßregeln zu treffen, schlug aber vor, daß die Juden die Anarchisten ausliefern sollen. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde überzeugten den Isprawnik, daß diese Forderung ganz absurd sei, weil ja die Juden am meisten von den Anarchisten leiden und immerwährend anonyme Drohbriefe von ihnen bekommen, und daß sie mit den Anarchisten nichts gemein haben.

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