Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Mo. 43 DIE^ELT 10 Saratow. Die „echt-russischen Männer" versuchten am 18. Oktober, eine patriotische Manifestation zu veranstalten. Alles war schon vorbereitet. Ein panischer Schrecken bemächtigte sich der jüdischen Bevölkerung. Im letzten Momente wurde die Manifestation von der Polizei verboten. Pogrompanik herrschte auch in Ekaterinoslaw und Elisawetgrad. Odessa. Das Odessaer Komitee der „Partei der friedlichen Erneuerung" wandte sich durch den Grafen Heyden an den Ministerpräsidenten mit der Bitte um Annahme energischer Mittel gegen die Schwarzen Organisationen, welche die friedliche Bevölkerung terrorisieren und einen Judenpogrom oder ernste studentische Unruhen hervorrufen können. Stolypin antwortete dem Komitee, daß die schädliche Tätigkeit der obengenannten Organisationen ihm bereits bekannt sei und daß die Odessaer Behörden die Anweisung bekommen hätten, energische Maßregeln zur Bekämpfung der hooliganischen Anarchisten anzunehmen. Die Gendannerieverwaltung führt eine energische Untersuchung, um diejenigen Personen zu ermitteln, die große Geldsummen zur Organisierung des jüdischen Selbstschutzes gespendet haben. Aus der Emigrationsbewegung Die Flucht der Juden aus Rußland wird immer wilder und stärker. Die russische Telegraphenagentur brachte die Nachricht, daß aus Bjelostok 20000 Personen nach verschiedenen Ländern emigrierten. Ob diese Ziffer genau ist, ist schwer zu bestimmen, doch teilen alle jüdischen Blätter mit, daß die jüdische Bevölkerung in Rußland sich derart verringert hat, daß es in den Städten auf den ersten Blick bemerkt werden kann. An das Ministerium des Innern kommen aus Südrußland Nachrichten, daß die Judenemigration mit jedem Tage wächst. So verreisten aus Kiew in der letzten Woche 500 jüdische Familien. Das Verkehrsministerium verordnete, daß man an den nordwestlichen- Eisenbahnen entsprechende Maßregeln ergreifen soll, um diese kolossale Zahl der Emigranten befördern zu können. Aus dem Hafen von Libau verreisten im Laufe von fünf Tagen 1600 Personen. Bis vor kurzer Zeit wurde die Emigration von der Regierung als ein Verbrechen betrachtet. Erst vor einigen Monaten hat die Emigrationskommission beim Ministerium des Innern, zu der luch ein Vertreter der „Ica" eingeladen war, ein Projekt der Legalisierung der Emigration ausgearbeitet. Das Leben besiegte das Starre bureaukratische Gesetz. Das Emigrationsprojekt soll der nächsten Duma vorgelegt werden. Interessant ist, daß während man einerseits verschiedene i:migrationsprojekte ausarbeitet, anderseits die Verfolgung der Emigranten seitens der Regierung immer stärker wird. Die Vereinigung des „Bundes" mit der russischen Sozialdemokratie Wie bereits an dieser Stelle gemeldet wurde, hat die otzte Konferenz des „Bundes" die Vereinigung mit der russischen Sozialdemokratie beschlossen und in dieser Frage die folgende Resolution angenommen: „Die Bedingungen des gesellschaftlichen und politischen Lebens Rußlands werden immer verwickelter und die Sozialdemokratie muß immer ernstere und verwickeitere Aufgaben erfüllen, welche eine planmäßige und einheitliche Tätigkeit voraussetzen. Auch ist dazu eine einheitliche Partei nötig, welche unter der!:ahne der Sozialdemokratie das Proletariat des ganzen Landes vereinigt. Die jetzige revolutionäre Lage erheischt dringend die Vereinigung aller Kampfeskräfte des Proletariats in Rußland. Da die einheitliche sozialdemokratische Partei des Proletariats Rußlands aus nationalen sozialdemokratischen Organisationen zusammengesetzt werden muß, weil nur ein solcher Aufbau der Partei die Möglichkeit gibt, die Lebens- und Kampfesbedingungen desganzen Proletariats in Betracht zu ziehen: so hat bei einem solchen normalen Aufbau der Partei eine jede nationale sozialdemokratische Organisation als die einzige Vertreterin des betreffenden Proletariats die folgenden Rechte: a) ständige Teilnahme an der allgemeinen Politik der ganzen Partei, b) selbständige Durchführung allgemeiner Bestimmungen der Partei, und ihre Anpassung an die besondere Lage der betreffenden nationalen Gruppe des Proletariats und an die eigenartigen gesellschaftlichen Kräfte, c.) Selbständigkeit in Lösung der Fragen, welche durch diese speziellen Lebensbedingungen des betreffenden Proletariats geschaffen werden. Die Bedingungen der Vereinigung des „Bundes" mit der nissischen Sozialdemokratie sind folgende: 1. Der Bund tritt in die russische sozialdemokratische Partei als eine sozialdemokratische Organisation des jüdischen Proletariats ein und wird in seiner Tätigkeit nicht durch Beschränkung auf ein Rayon begrenzt. 2. Der Bund nimmt das Programm der russischen Sozialdemokratie an. 3. Der Bund unterliegt allen Resolutionen der Parteikonferenzen. 4. In dem Rahmen der Resolutionen der Konferenzen der russischen Sozialdemokratie bleibt der Bund bei den Fragen über Agitation, Organisation und Propaganda selbständig. 5. Der Bund hat seine lokalen Organisationen, zentrale Institutionen und Konferenzen, und verwaltet selbständig alle seine Organisationen. 6. Alle lokalen Organisationen, welche zur russischen Sozialdemokratie gehören, bilden auf Grund von allgemeinem Wahlrecht, ohne Unterschied der Nationalitäten, aus den Parteimitgliedern des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratie A. P. 7. Die Organisation des „Bundes" sendet ihre Vertreter zu den Parteitagen und Konferenzen unter denselben Bedingungen wie andere Organisationen der russischen Sozialdemokratie A. P. 8. Der Bund hat seine Vertretung im Zentralkomitee der Sozialdemokratie A. P. Diese Bedingungen wurden von dem Parteitage der russischen Sozialdemokratie akzeptiert. Zugleich hat der Parteitag folgende Resolution angenommen: Nachdem die Versammlung das Projekt der Vereinigung mit dem „Bunde" angenommen hat, spricht sich die Konferenz dagegen aus, daß sich das Proletariat nach den Nationalitäten organisieren soll. Das Projekt der Vereinigung mit dem „Bunde" hat die Konferenz nur deswegen bestätigt, um dem Streit zwischen den Anhängern der beiden Organisationsprinzipien einen normalen Charakter zu verleihen. Anmerkung. Die Frage des nationalen Programms bleibt offen, weil sie von der Konferenz nicht erörtert wurde. Verband für Statistik der Juden Die statistische Organisation, welche in ihren Anfängen mit mangelndem Verständnis für die gemeinnützige Bedeutung ihrer Arbeiten zu kämpfen hatte, hat in diesem Jahre eine sehr gedeihliche Entwicklung genommen. Dank den Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden wurde die Tragweite und Unerläßlichkeit jüdisch-statistischer Erhebungen fast von sämtlichen jüdischen Organisationen und hervorragenden Gemeinden anerkannt. Demzufolge wurden dem Verband für Statistik Jahressubventionen bewilligt und von manchen Organisationen Vertreter in das Kuratorium des Verbandes entsandt. Zu den Körperschaften, die schon in den frühern Jahren den Verband für Statistik durch Jahresbeiträge oder Ankauf einer größeren Anzahl von Publikationen subventionierten: Jewish Colonisation Association, Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Großloge und mehrere Einzellogen des U. O. Bnei Brith, Deutsch-Israel. Gemeindebund, Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, jüdische Gemeinde von Berlin, Breslau und Posen, traten neuerdings hinzu: Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle mit einem Jahresbeitrag von 200 M. und einer einmaligen Subvention von 1000 M.; Hilfsverein deutscher Juden mit einem Jahresbeitrag von 500 M.; mit Jahresbeiträgen von 200 M. die jüdischen Gemeinden n Frankfurt, Hamburg, Wien; mit Jahresbeiträgen von 100 M. die jüdischen Gemeinden in Danzig, Stettin, Cassel, Köln; mit Jahresbeiträgen unter 100 M. die jüdischen Gemeinden in Hannover, Beuthen, Aachen, Wiesbaden, Mainz, Gleiwitz, Elberfeld, Kattowitz, Als Vertreter der Deutschen Konferenzgemeinschaft der A. I.U. ist Geh. Kommerzienrat Goldberger in das Kuratorium des Verbandes eingetreten. Auch der Hilfsverein deutscher Juden wird durch ein Vorstandsmitglied im Kuratorium vertreten sein. Der Vorstand des Verbandes hat eine Kommission für wissenschaftliche Arbeiten gebildet, deren Vorsitz der bekannte Statistiker Dr. Julius Rothholz übernommen hat, daneben eine Kommission für Propaganda, an deren Spitze Herr Richard Cassel steht. Ferner hat der Vorstand Herrn Dr. Bernhard Kahn, Sekretär des Hilfsvereins deutscher Juden, als Mitglied kooptiert. Alfred Nossigs Schauspiel „Abarbanel", dessen dritten Akt wir veröffentlichten, hat in der jüdischen Presse verschiedener Länder, besonders auch in Amerika, lebhaftes Interesse erweckt. Eine englische Übersetzung des Dramas vollendet eben A. Lipsky in New-York, eine Jorgon-Übertragung unter Beibehaltung der Versform Leon Herbert in Brooklyn. Eine polnische Übersetzung ebenfalls in rhytnischer Form ist im „Bocznik Zydowski" erschienen. Briefkasten: Volksverein Iglau: Besten Dank, wünsche guten Erfolg. Zionsgruß. W.