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Die Welt · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jude hingegangen und habe in purem Golde den großen Kaufpreis erlegt. Und alle Juden des Landes seien es über alle Maßen zufrieden, daß der fremde Mann so fürstengleich unter ihnen hause; denn es sei ein frommer und gütiger Segensgeist in ihm und über ihm. Auf dem Boden seines Besitzes habe er den Genossen einen herrlichen Tempel errichtet. Da trage seine Seele, die in einem ewigen niegesehenen Aufschwung zu Gottes Füßen liege, auch die Seelen der Lauen und Weltlichen mit sich nach oben. Am Sabbat sei sein Palast jedem ehrbaren Juden offen, in weiten Sälen ständen die Sabbattafeln im Kerzenschein, im Linnen- und Silberglanz, und seit dem Falle der heiligen Stadt sei der Tag des Herrn wohl nirgend und nimmer so strahlend und herrlich erlebt worden wie hier. Und bei jeder der drei Mahlzeiten des Sabbats lasse der Reiche je eine Geschichte vom heiligen Baalschern sich und seinen Gästen vortragen, und beglückt werde jeder aufgenommen, der von dem Gnadenreichen zu sagen wisse. Auch sei der Lohn über alle Weise: am Tage nach der Feier reiche ihn der große Jude selbst in wohlgeprägtem Gold dem Erzähler. Als Rabbi Jakob solches vernommen hatte, stärkte sich seine Seele in großer Freude. Er entsandte nach dem Palaste und ließ da melden, ein Diener und Schüler des Heiligen sei in der Stadt angekommen. Sogleich kam der Haushofmeister, holte ihn ab und führte ihn unter mancher Ehrenbezeugung nach dem Schlosse, wo ihm mehrere schöne und bequeme Räume zu seiner Wohnung angewiesen wurden. Indessen hatte es sich in der Stadt selbst, ja im ganzen umliegenden Lande unter den jüdischen Leuten als seltene Kunde verbreitet, daß ein Schüler des Baalschem gekommen sei. Und am Sabbat drängten sich alle, die iu hören begierig waren, in so großer Menge wie noch nie zu den Tischen des gastlichen Manries. Als die Gesänge der ersten Sabbatmahlzeit unter den Säulen der Halle feierlich und innig erklungen waren, erhob der Hausherr das Antlitz und wandte es dem Rabbi Jakob zu, und der las darin eine tiefe Bitte und eine sehnsüchtige Erwartung. Und der Große forderte ihn mit leiser und demütiger Stimme auf, wenn er ihn und sein Haus dessen für würdig erachte, von dem hohen Meister zum Tröste der Seelen zu reden. Rabbi Jakob richtete sich in seinem Stuhle auf, legte die Arme auf die geschnitzte Lehne und öffnete den Mund, um in süßen und ehrfürchtigen Worten das Bild des wundersamen Herrn aus seiner Seele aufsteigen zu lassen. Und er war es gewöhnt daß die Worte und Gleichnisse aus dem Leben des Baalschem gleichsam von selbst aus seinen Lippen kamen, und daß sein Herz war wie ein übervolles Salbgefäß» bereit, bei jedem Gedenken an den Meister überzufließen. Aber wie er nun da saß, gewärtig, daß die Rede sich ihm im Munde gestalten würde, stieg ihm plötzlich von innen wie eine Eiseskälte auf, das Wort gefror ihm auf den Lippen, er erstarrte und erbleichte; dann stürzte eine siedende Welle über ihn hin, er erglühte und errötete, und alles Besinnen wich von ihm. Wie hinter, einem glutroten Schleier sah er viele Augen an seinem Munde hängen, er tat die Lippen auf, seinen eigenen Laut zu hören; aber er fühlte, daß er klanglos totgeboren blieb. Es peinigte ihn die stumme Forderung auf all den Gesichtern, die ihm unerbittlich zugewandt blieben; allenthalben sah er Gedanken des Zweifels und der Vieldeutigkeit wie kleine böse Geisterchen darüber hinschwirren. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, um das Bild des toten Meisters vor seine Seele zu stellen, aber es blieb in ewigem Schatten und wollte nicht aufsteigen. Nun gedachte er der Stadt Miedzyborz, ihrer Häuser und Mauern und Gärten und all der kleinen Dinge, die ihm so vertraut waren, aber der Gedanke wandelte sich nicht zum Bilde, und sein Herz blieb leer. Und nichts, nicht der kleinste Zufall nicht die geringste Begebenheit war ihm gegenwärtig. Es war, als ob er, am selben Tage geboren, nichts von der Welt in seinem Sinne trüge. Und tief verwirrt und beschämt brach er in Tränen aus und fühlte, wie ein Feuermal brennend den Schmerz in seiner Seele, den die Mißachtung, die nun offen auf allen Gesichtern stand, ihm zufügte. Sie mochten wohl glauben, er sei ein Betrüger, vom Geiste der Lüge tückisch im Stiche gelassen, ein Falscher, der den Baalschem nie von Angesicht erschaut. Und er erlebte, wie die Leute voll Abscheu sich von ihm wandten. Nur der Hausherr sah ihn voll gütigen Verstehens und versonnen an und sagte einfach: „Wir warten bis morgen. Vielleicht kommt dir dein Erinnern zurück." Rabbi Jakob aber lag die ganze Nacht in Tränen und wartete, daß das Bild des Baalschem ihn heimsuchen würde. Aber er blieb verlassen, und sein Sinn war verödet. Als er bei der Sabbatmorgenmahlzeit erschien, wandten sich alle von ihm ab oder sahen über ihn hinweg, als ob der Raum, in dem er sich befand, eitel Luft wäre, und er spürte wohl, welch bittere Verachtung aller Herr geworden war. Der Hausherr aber sprach ihn wiederum an: „Vielleicht kannst du uns jetzt eine Geschichte erzählen." Da redete Rabbi Jakob zu ihm und beschwor ihn, daß diese Nacht des Vergessens, in die sein Denken versunken war, kein leer und zufällig Ding sei, sondern sicherlich von einer überirdisch herrschenden Gewalt verhängt aus tiefem Grunde und zu sinnvollem Ziel. Es antwortete der reiche Mann: „Laß uns warten bis zur dritten Mahlzeit." Und Rabbi Jakob wurde auf seinem Angesicht eines stillen, demütigen und ergebenen Lächelns gewahr. Aber er war von Schmerz und Scham allzusehr heimgesucht, als daß er sich dessen in sich bedacht hätte. Auch bei der dritten Mahlzeit kehrte ihm die Erinnerung nicht wieder, und er litt in einem Abgrund der Qualen. Der Sinn der Gäste war aufs höchste gegen ihn ergrimmt, denn sie vermeinten, er habe sie mit falschen Worten verhöhnen wollen, oder sein Herz sei noch mit unerforschten Ränken wider sie erfüllt. Sie sagten ihm spitze und beißende Reden und übergössen ihn mit Spott und schimpflichen Worten. Er aber wappnete sich in Liebe und nahm alles mit getreuem und unverzagtem Herzen entgegen, denn ganz in sich fühlte er nun, daß alles dies geschehen müsse, um ein wunderbares Ding zu erfüllen. Aber sein irdischer Verstand gab sich nicht zufrieden, wie sehr auch sein hohes Erkennen in sich ruhte. Er quälte und plagte sich gar sehr, seine Seele mit einer Erklärung des Geschehens zu stillen. So meinte er zuweilen, daß der Baalschem über ihn erzürnt sei, weil er die Heimat gelassen habe, um in ein ungewisses Land zu ziehen, oder daß er ihn um der Ursache willen, daß sein Sinnengrund nicht genug geläutert und erglüht sei, nicht mehr wert erachte, sein Leben zu erzählen. Und noch viel dergleichen ersann er sich, aber nichts drang so tief in sein Gemüt, daß es seine fragende Begierde erlöscht hätte. So waren seine Nöten ohne Ende, und er versank ins Gebet, ob ihm nicht aus dem Grunde der Andacht sein Heil entgegenschauen möchte. Am Sabbatausgang sandte sein Gastgeber ein letztes Mal zu ihm und ließ ihn fragen, ob er sich nun entsinne. Aber Rabbi Jakob fühlte den hohen Sinn der Dinge nicht mehr, auch nicht die Inbrunst und Sehnsucht, die in der Frage war; er spürte nur noch die Bedrängnis, die man ihm antat, und die verdroß ihn sehr, und er sprach: „Es liegt nicht in meiner Macht. Der Himmel ist es, der nicht will. Laßt mich nach Hause zurückkehren!" Da kam der Herr selbst zu ihm und sagte ihm: „Tue mir die Liebe an und verweile noch ein weniges, etwa bis zur Mitte der Woche, vielleicht daß uns von oben noch Erbarmen wird. Und entsinnst du dich auch dann nicht, so magst du scheiden und nach Hause zurückkehren." Rabbi Jakob achtete der Worte des Mannes in seinem eigenen Grame nicht allzusehr. Er verstand nur, daß er bleiben solle, und er willigte darein, weil er dem Herrn, der durch ihn enttäuscht worden war, zu Willen sein mochte. Die Zeit aber war bald dahin, und nichts hatte sich verändert. Rabbi Jakob nahm unter Tränen der Scham Urlaub. Der reiche Mann entließ ihn mit traurig gesenktem Auge und reichte ihm eine ansehnliche Gabe, die ihn für die weite Reise und die vielen Nöten

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