Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316230--48653-3343591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
entschädigen sollte. Auch gab er ihm einen bequemen Reisewagen und Diener mit, daß sie ihn bis an die Grenze des Landes brächten, von wo ab er sich wohl leichter allein mit seinem Pferde behelfe. Der Gast stieg hinab und setzte sich in den Wagen. Alles war bereit, der Kutscher trieb eben die Pferde an, da war es Rabbi Jakob, als führe ihm blitzgleich ein weißer zündender Lichtstrahl durch den Leib. Schmerz und Seligkeit waren in ein Gefühl gemengt. Und als er sich auf sich selbst zu besinnen vermochte, war es eine gewaltige Geschichte von dem heiligen Baalschem, die plötzlich urnahe mit Bildesklarheit ihm vor der Seele stand. Er gab sich eine Weile dem heftigen Entzücken hin, das ihn im Augenblick der Gnade überkommen hatte. Dann hieß er den Kutscher den Wagen, der sich bereits einige Straßen von dem Palast entfernt hatte, wenden und kehrte zum Hause zurück, wo er einen Diener zum Herrn entsandte und ihm melden ließ, Rabbi Jakob sei zurückgekehrt, da er sich einer herrlichen Geschichte von dem heiligen Meister entsonnen habe. Und der Herr empfing ihn. — Rabbi Jakob aber, der nichts als seine Geschichte sah und fühlte, entging die zitternde Erwartung in seinen Mienen, — und er sprach: „Ich bitte dich, daß du dich zu mir setzest und mir die Begebenheit vermeldest, deren du dich zu dieser Stunde entsannest." Rabbi Jakob aber erzählte ihm, was folgt: „Es begab sich einmal um die Zeit des ersten Frühjahrs, just vor den Tagen, in denen die Christen ihr Ostern feiern, daß der heilige Baalschem einen ganzen Sabbat in unsäglicher Betrübnis verbrachte. In tiefer Versunkenheit ging er in seinem Hause umher, bange, als ob seine Seele ihn verlassen habe und zu irgendeinem gefahrreichen, verhängnisschweren Kampfe gezogen sei, und er erwarte zitternd und der Zweifel voll ihre Wiederkehr. Nach der dritten Mahlzeit, die er schweigend eingenommen hatte, hieß er den Wagen bereiten und die Pferde einspannen. Seine Schwermut und sein Zagen hatten wie eine drohend gefärbte Wetterwolke über dem Hause und den Seinen gelagert; es war, als ob alle in einem innern Weinen aufgingen. Bei seinem Gebot, die Ausfahrt zu rüsten, aber zog ein freies Aufatmen erlösend durch den Raum, denn alle wußten, auf diesem Wege ins Land nach Sabbatausgang pflegte sich zu schlichten und zu befreien, was vorher an Bösem und Gefahrvollem sich angesammelt und zusammengeballt hatte. Diesesmal waren es nur drei unter den Seinen, denen er den Segen gönnte, an der Fahrt teilzuhaben, und ich war einer unter ihnen. Wir fuhren die ganze Nacht, und wie oft schon kannte keiner von uns das Ziel der Fahrt. Als das Morgenlicht zögernd .Ulfstieg, fuhren wir in eine große Stadt ein. Die Pferde mäßigten ihren rasenden Lauf und hielten plötzlich, wie von einer gewaltigen Hand eingehalten, vor dem Tore eines großen düsteren Hauses, Jessen Seite in einer engen Gasse lag, während der Giebel einem weiten Platze zugekehrt schien. Das Tor aber war verschlossen, die :;enster von den Läden bedeckt, die ganze Gasse lag öde und verchwiegen da. Der Meister hieß mich absteigen und anpochen. Ich at es und tat es eine geraume Zeit vergeblich, und schließlich legte ich all mein Begehren nach Rast hinein, und die grauen, verschlossenen Häuser hallten von meinen Schlägen wieder. Da wurde eine kleine Tür, die in einem der riesigen Seitenflügel des Tores eingelassen war, von innen geöffnet. Vor uns stand eine alte Frau mit verstörtem Angesicht, daraus die geröteten Augen uns trübe und verzweifelt anstarrten. Sie betrachtete uns eine Weile mit bitteren Mienen, dann schrie sie plötzlich auf uns ein: „Was treibt euch, daß ihr gerade heute hierher kommen mußtet! Ja, wisset ihr denn nicht, daß ihr auf dem Wege zur Schlachtbank seid?" Und da ich sie ohne Verständnis anblickte, denn mir schien, es sei uns eine Tolle in den Weg geraten, zog sie uns in den Torweg und sprach: „Nun sehe ich, daß ihr Fremde seid und mit dem Brauch unserer Stadt nicht vertraut. Der ist so: Sie haben seit etlichen Jahren hier einen Christenbischof, einen stolzen unbeugsamen Mann, der den Juden blutfeind ist. Der nun hat geboten, daß sie alle Juden, die sie am Tage vor ihrem Osterfest auf der Straße finden, greifen und martern, um Rache für ihren Messias zu üben. Deshalb hüten wir uns an diesem Tage und bergen uns zuinnerst in den Häusern. Das wissen sie wohl, und nun wollen sie das Los werfen, wer von unserem Volke der Pein anheimfallen soll. Wehe ihm, er wird vergehen unter ihren Händen! Euch aber," schrie sie und drängte uns zum Wagen, „euch, die ihr fremd hier seid, wird man nicht schonen! Ihr kennet nicht die Leute dieser Stadt, reißende Tiere sind sie, wenn ihr Blut entzündet wird! Eilet, eilet, suchet den nächsten Ort zu gewinnen und wartet dort das Ende dieses Unglückstages ab, ehe ihr hierherkommet, eure Geschäfte zu tun!" So schrie die Alte und goß ihren Schmerz über uns aus und hob die Hände und ballte sie gegen oben. Uns dreien, die wir den Meister geleitet hatten, wurde es dunkel im Herzen. Der Baalschem aber hatte ihrer keine Acht, schob sie beiseite, trat ein, hieß uns das Tor öffnen und Wagen und Pferde in den Ställen auf dem Hofe und unseren Bedarf, den wir mit uns führten, im Hause bergen. Er aber stand und schaute ruhig auf alles, was nach seinem Wort geschah. Dann hieß er uns Tor und Tür wieder schließen, und wir standen in dem großen dunklen Flur. Der Meister winkte uns und ging voran, die Treppe aus geschnitztem Holz um einige Stufen ersteigend. Er öffnete eine Tür, und wir traten in einen großen, stattlichen Raum, der um ein weniges über die ebene Erde erhöht war. Ich stand eine Weile, ehe meine Augen das Zimmer übersahen, denn obwohl draußen inzwischen der helle Morgen heraufgestiegen war, lag das Gemach im Dunkel. Man hatte die Fensterläden geschlossen und überdies die schweren Vorhänge zusammengezogen. Nach einiger Umschau wurde ich gewahr, daß der Raum viele Menschen barg. Sie hatten sich lautlos, wie vor Schmerz und Angst der Besinnung ledig, in den Ecken und Winkeln versteckt. Es mochte wohl der ganze Hausstand hier geborgen sein. Indessen war uns die Alte vom Hausflur hereingefolgt, weinte und widerstritt in heftigen Worten dem Baalschem, daß er eingedrungen sei und am Ende damit gar das Unglück über ihr Haus herbeiziehe. Er antwortete ihr aber nicht, sondern durchmaß die Stube mit großen Schritten und hielt bei einem der Fenster, das von einem halbrunden Ausbau ins Freie ging. Er streckte gelassen die Hand aus und schob die Vorhänge zurück, hierauf öffnete er die Fenster sowie auch die hölzernen Läden dahinter und stand nun mit seiner ganzen Gestalt gegen den offenen Rahmen. Die Morgenhelle und eine klare Luft strömten herein. Die Alte wagte nicht mehr laut zu reden, aber sie bedrängte den Meister mit verzweiflungsvollen Gebärden, daß er wieder schlic(3en und sich zurückziehen möge. Da er aber gar nicht auf sie sah, sank sie endlich schweigend neben den andern zu Boden. (Schluß folgt.) o o o o o o °D ^oooooooj AUS DER BEWEGUNG (( O O O o o o o o Rußland gelangen werden: 1. Bericht über die Tätigkeit des Das Zentralbureau der zionistischen Landmannschaft Zentralbureaus und die Situation des Zionismus in Rußin Rußland plant für die nächste Zeit einen Landesland; 2. die Emigration nach dem Osten; 3. das Prokongreß, auf dem folgende Punkte zur Besprechung gramm der nationalen Politik; 4. die Frage der natio-