Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und sann; der Sohn war in eine träumende, melancholische Resignation versunken; die Blicke des Eidams irrten unstät herum. Es war vor Kiddusch, und das Publikum wird nach einer festgelegten bindenden Norm nur nach Kiddusch hineingelassen. Ich schnitt ein homiletisches Thema an, indem ich aus dem Wochenabschnitte einen Text zitierte. Ich bemerkte aber bald, daß ich nur geringem Verständnis begegne. Dann sagte ich mir: die Chassidim sind keine Freunde von Homiletik und ging zu einer halachischen Frage über. Der Rabbi "schwieg, nur der Eidam versuchte in die Diskussion einzugreifen, aber seine Kenntnisse waren zu gering. Endlich sagte ich mir: hier ist Kabbalah am Platze. Ich begann ein kabbalistisches Gespräch. Da murrte der Rabbi etwas Unverständliches. Wir kamen nicht vom Fleck, und es war für mich eine wahre Marter. Die Szene änderte sich, als das Publikum hineingelassen worden war. Es stürmte und brauste, und erst nach einer halben Stunde, als es ganz still wurde, neigte sich der Rabbi "zu seinem Sohne und sagte ihm ein paar Worte Thora. Dieser raunte die Worte seinem nächsten Nachbar ins Ohr und so ging es weiter. Was der Rabbi sagte, weiß ich bis jetzt nicht, aber ich bemerkte ein allgemeines Entzücken. Als ich den Saal verließ, atmete ich auf." Diese Erzählung eines großen Misnaged hat in meinem kindlichen Gemüt so tiefe Eindrücke hinterlassen, daß ich Malbim noch jetzt vor mir sehe, den litauischen, scharfsinnigen Rationalisten, wie er über die Sadagoraer Poesie ironisierte. Er verstand nicht das dumpfe Träumen. Er war gewohnt, durch Texte zu erläutern und Wirrnisse zu klären. Aber daß eine solche „Dynastie" große Massen leitet und beherrscht, daß ein solcher „Tisch" fürTausende ein belebender und erwärmender Mittelpunkt ist, dieses Rätsel konnte er nicht lösen. Und doch ist es Tatsache, daß diese Mystik vielen Menschen einen höheren Schwung und eine religiöse Weihe bringt und sie über das Leid der Erde emporhebt. * * Zum Schluß eine angenehme Berichtigung. Der totgesagte Lektor Friedmann in Wien, dem ich in der letzten Nummer der „Welt" einen Nachruf widmete, lebt, ist wohlbehalten und setzt seine ersprießliche Bet-Hamidrasch-Tätigkeit rüstig fort „s^-i^d H£D HDl"- Der Agada-Erklärer wird sich bei der Lektüre desRabah-bäVbaf-Choneh- Nekrologs herzlich amüsiert haben. Kommen doch auch in alten Agadath Textfehler vor — Namensverwechslungen, Titelumstellungen und dergl. Dies geschah auch in einem Berichte, der mir zugekommen ist. Nach falschen Nekrologen lebt man lange, und ich wünsche es unserem lieben Reb Meir. N. S. §c □□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□ II O o 3°o DIE LEGENDE DER CHASSIDIM Von MARTIN BUBER 6. Die vergessene Geschichte Als der Leib des Baalschem sich im immerwährenden Feuer seiner Seele schon fast aufgezehrt hatte, und er daran war, sein irdisch Kleid abzuwerfen, rief er alle Schüler zu sich. Er war auf sein letztes Lager hingestreckt, das er nimmer lassen sollte; den Kopf hatte er, ein weniges erhoben, in die linke Hand gestützt, und sein Antlitz war während der ganzen Zeit, da er sprach, voll den Seinen zugewandt. Es war schon gänzlich bleich und gleichsam entrückt, aber sein Blick ruhte fest und eindringlich auf dem, zu dem er je sprach. Er sagte einem jeden aus der Schar, wie er sein künftiges Leben zu führen habe, welchem Geiste er es anheimgeben sollte, und achtete es auch nicht gering, den einzelnen Mann zu beraten, welcher Art sein Erwerb sein müsse, auf daß der Seele das Ihre beschieden werde. Manchem sagte er wohl auch voraus, was die Zeit für ihn daherführen und welcher Gestalt sein Teil sein würde, das sie ihm auf ihrem Fluge dereinst vor die Füße fallen ließe. Unter seinen Schülern aber war einer, der ihm auch diente und stets um ihn blieb. Dessen Name war Rabbi Jakob. Ihn rief der Baalschem zuletzt und sprach zu ihm: „Freund, dir ist es vorgesehen, in der Welt uniherzufahren und alle Orte heimzusuchen, wo Juden wohnen. Da wirst du in die Häuser gehen und Ge_ schichten erzählen, von mir reden und mit ehrlichen Worten darstellen, was du all dein Lebtag bei mir gesehen und von mir erfahren hast. Und was die Menschen zum Lohn dir in die Hände legen für dein lebendiges Wort, davon soll dein Erwerb sein." Da quoll dem Rabbi Jakob ein Unmut im Herzen auf. Wohl liebte er es, wie nichts sonst auf der Welt, vom Meister zu reden und seine Worte mit den eigenen Lippen zu formen; aber wie mochte es ihm frommen, bettlergleich uniherzuziehen, keines Hauses — auch des geringsten nicht — Herr zu sein, ein ewiger Wanderer zu Gast am fremden Herde. So brachte er es nicht über sich, zu schweigen, und mußte sein Tröpfchen Bitterkeit und Kümmernis in des Herrn Sterben fließen lassen, und er sagte laut: „Was wird der Sinn davon sein, unstet und flüchtig soll ich sein und der ärmste Pilgermann auf Erden." Da tröstete ihn der Baalschem und redete ihm zu: „Dein Weg wird ein lichtes Ende haben, Freund, und auch ein irdisch Gut wirst du auf ihm finden." Wie es dann alsbald geschah, daß der Meister sachte die letzten Fesseln löste und der Geist in das Ewige einging, waren die Schüler in Liebe bedacht, zu erfüllen, was der Wille des Baalschem über sie bestimmt hatte. Rabbi Jakob tat ein Wanderkleid an und zog von dannen und ging von Stadt zu Stadt, allen Juden die Geschichten vom heiligen Baalschem zu vermelden. Er gewann Ehre davon und hatte sein leichtes Auskommen. Und da er gar jung noch war und mit unbeschwertem Sinn die Augen schweifen lassen konnte, gewann er die schönen Wege sehr lieb, die über die bunte Erde führen, und im Hin- und Wiederziehen fühlte er keine Bangnis mehr. So waren zwei Jahre und ein halbes hingegangen, da traf er einen alten Juden, der aus Jerusalem kam, und der tat ihm zu wissen, daß in Italien in einer Stadt, deren Namen er ihm nannte, ein reicher Jude angesessen sei mit großem Besitz, der in seinem Herzen eine erstaunliche Liebe trage zum heiligen Baalschem. Sein ganzer Sinn sei von ihm erfüllt, und all sein Trachten stehe darauf, vom Meister zu hören. Da meinte Rabbi Jakob bei sich, dieser Jude in Italien sei der rechte Mann, die wunderbaren Geschehnisse, von denen er zu sagen wußte, zu vernehmen. Waren doch seine Worte von dem Erhabenen über manchen törichten Sinn dahin- und an manchem leichtfertigen Ohr vorbeigezogen, so daß er wohl Lust spürte, vor einem wahren Lauscher, der ihm das Herz auftäte, zu erzählen. Er kaufte ein Pferd und rüstete sich zur Reise. Sieben Monate währte es, bis er zur Stadt des reichen Mannes kam, denn er mußte an jedem Orte unterwegs so lange verweilen, bis er sich durch sein Erzählen in den Häusern das Geld zur Zehrung für einen neuen Teil seiner Fahrt erworben hatte. Sogleich nach seiner Ankunft in der Stadt ging er in das Haus eines Juden und fragte nach jenem Manne, der so große Ehrfurcht für den Baalschem hegen sollte. Da erzählten ihm die Leute, daß der Jude, den er nannte, vor etwa zehn Jahren als ein Fremder in die Stadt gekommen sei. Er habe schon damals unerhörten Reichtum mit sich getragen. Wenige Monate habe er hier geweilt, da sei der letzte eines großen, schier königlichen Geschlechtes gestorben; sein wunderbarer Palast und all sein urnliegendes Gut sei an einen fernen Verwandten in Rom gefallen, der alsbald, da er sein angestammtes Haus nicht lassen wollte, den Wunsch aussprach, für all das hier möchte ein Käufer sich finden. Da unn sei der fremde