Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Aus meinem Notizbuch Vom Feigenblatt bis zu einer Hauptmannsuniform — ich meine die von Köpenick — ist wohl ein weiter Weg, doch wiederholt sich immer das Leitmotiv des Dekorationsmenschen. Was ich, in meiner jüdischen Denk- und Sinnesweise, in diesem Abenteuer empfinde, ist, daß sich Menschen von Äußerlichkeiten, wie Knöpfen, Epauletten u. dgl. so hinnehmen lassen. Der arme Bürgermeister, ein richtiger Hans Ungeschick, dem ein dunkel-trauriges Geschick düstere Schatten in diesen Ulk hineingeworfen hat, erbebte vor den Knöpfen. Der arme Mann erinnert mich an einen meiner Nachbarn in „Schul". Er brach in Schluchzen aus, als der Vorbeter des Schachrith, am Rosch-Haschanah, einige weinerliche Töne erschallen ließ. Mein anderer Nachbar schaute den Jammernden an, und so etwas wie ein ironischer Schalk blitzte ihm aus den Augen. „Das ist doch Moische, der Mehlhändler!" rief er ihm in seiner derben, ungehobelten Weise zu. Im Juden, im echten Juden, liegt vielleicht etwas Derb-Überlegenes dem Tande des Hierarchischen, den Spielereien und den Albernheiten der großen arischen Kinder gegenüber. In Cäsarea -— erzählt ein alter Historiker — standen die Juden und machten Witze über die bleischwere Tracht der römischen Centurionen. Diese Lacher waren Qeistesmenschen und standen dem großen Ethos des Daseins näher, als die Legionen und ihre Lenker. Nicht umsonst hat man den Götzendienst schon lange an den Nagel gehängt. Der Blick gleitet uninteressiert über das" an den Menschen Hängende hinweg und dringt in den Menschen. „Sieh nicht auf den Krug, sondern auf seinen Gehalt." Das Intime, das Innerliche ist der Mensch, alles andere ist Trugschein. Und wie pochen die Menschen auf diesen sinnlosen Schein! Oder sind wir zu alt, daß wir schon keine rechte Freude an den Illusionen der Tracht genießen? Ich fuhr einmal mit einem Juden und einem alten Russen in einem Eisenbahncoupe. Es war heiß und der alte Russe saß in einem tiefen Negligee. Er degoutierte uns durch sein albernes Geschwätz, das er nur durch einen obszönen Einschlag zu würzen verstand. Als wir uns dem Reiseziel näherten, legte er seine Oberkleider an und stand in all seiner Herrlichkeit vor uns da. Es war ein General. Er starrte uns wie ein Medusenantlitz an. „Er denkt, er sei ein anderer Mensch geworden, sobald er nur seine „Bigdeh Malchus" und seinen „Kowo" anlegte", sagte mir der Jude. Ich erinnerte mich, daß die Juden in Cäsarea ganz so sprachen. * <: Wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch sich sieben mal siebzig abziehen und wird noch nicht auf einen Urgrund kommen. Die jüdischen Genre-Schauspieler, Gebrüder Herrnfeld, haben wohl eine dieser Häute herausbekommen, aber es ist Köpenickuniform. Man kann sich bei dem talentvollen Spiel der „Brüder" kranklachen. Das fröhlich-schlaue, verschmitzt schalkhafte Blinzeln des Herrn Donath Herrnfeld, seine Temperament- und Dialektsprünge sind amüsant, — aber ist dies jüdisches Leben? Sind dies die Reize der Anmut und der Schelmerei des Ghetto? So karrikiert die Nachäfferei das Jüdische. Es erscheint verhunzt und verstümmelt, deutsch gemachte Kopien von abgenutzten Jargon-Platten, öde und widrig, grotesk und nach außen gewendet, mit Erlaubnis gesagt: „Jüdische Kunst". Im flutenden Getriebe einer verworrenen Obergangsepoche, wo in einem Krähwinkel jüdischen Stillebens äußerliche Einflüsse eingedrungen und das Naturgemäße zerbröckelt, auseinandergerissen und mit fremden Moden wie mit Drachenzähnen übersäet haben, konnten hie und da hybridische Gebilde auftauchen, die wie die Bläschen auf der Wasserflut zerschwimmen. Es ist ein Ghettowrack und ein Auswurf, dessen notwendige Lächerlichkeiten durch Effekthascherei verhundertfacht werden, eine Gespreiztheit ohne Innenwelt, eine Grimasse, der das Feine, Leise und Zarte, die das eigentliche jüdische Leben ausmachen, gänzlich abgehen. Meine Beobachtungen waren mehr nach dem Publikum gerichtet. Juden lachten, um zu zeigen, daß nicht sie gemeint sind; Nichtjuden lachten vor Schadenfreude. Ist es nicht erhebend, daß einige Juden solche Dinge vorführen? Ja, die krummen, wächsernen Nasen, das Idiom, die Grimasse kann man karrikieren, — aber die Seele, die jüdische Seele, die gerade dort, in jenen Schlupfwinkeln, ihre feinsten Nuancen hat, sie ist zu keusch und zu diskret, um in Burlesken, unter Fremden, durch die Berührung grober Hände sich zu erschließen. Das Jargon-Theater ist oft widrig. Doch sprießt mancherlei hoffnungsvolles Grün hervor. Die Jargon-Operetten, die den Steinen eines wohlberechneten Mosaikmusters gleichen, sind oft abgeschmackt und gelangten noch nicht zu einer künstlerischen Abrundung. Doch sind die Melodien volkstümlich geworden, und sie summen unter uns. Der entjudete Ghettohumor hat eine Mauschelkomik geschaffen, einen bunten Wirrwarr von Fratzen, ein vielleicht wohlgemeintes, aber antisemitisch wirkendes Lachmuskeln-Bewegunge mittel, einen Flohzirkus. ... Es ist belehrend. * * * Ich habe viele Zeitungsartikel gelesen, in denen ich verschieden* Angaben über den verstorbenen Wunderrabbi von Sadagora ge funden habe, und ich gestehe, daß ich davon nichts verstanden hätte, wenn ich nicht den Chassidismus aus unmittelbarer Nähe kennen gelernt hätte. Der seelische Gehalt des Chassidismus ist so eigenartig, die in ihm reflektierten Stimmungen sind so mystisch-wirr, so in Halbwörtern, in Lauten, in Gesten und in Gedankenstrichen gehalten, daß sie des Seziermessers des Kulturhistorikers spotten. Und der Chassidismus hat eine lange Reihe von Parteien, Richtungen und Schattierungen. Ich kenne den polnischen: die Reihenfolge: Kozienicz-Mogielnica-Przysucha-Kock-Aleksander-Gora Kalwarjc und die nach Worki - Grodzisk - Biala - Izbica sich verzweigenden Äste. Ich kenne ■— aber nicht gründlich — die Chabad-Richtung, noch weniger die podolischen Zentren. Von Sadagora habe ich kaum eine Ahnung. Und nur diese Ahnung will ich wiedergeben. Der Sadagora-Chassidismus ist streng dynastisch — ich meine natürlich die Dynastie der Rebbes — und ist aus Podolien nach der Bukowina verpflanzt worden. Eine Märchenwelt tut sich auf: Reh Srultsche Rishiner, einer der Nachfolger des Baal-Schern. Ein Wundertäter, von einem Schleier von Geheimnissen umwoben tuni von Martyriumserinnerungen umstrahlt. Die Russen ließen ihn verhaften und er entfloh. Darauf bezieht sich Jehuda Leib Gordon- Parodie der Heineschen „Zwei Grenadiere" „Zwei Ch'sidim seinen gefohren zum Rebben kein Rishin mit dem Refrain: „Der Rebbe, der Rebbe gefangen". Dun Lied wurde gesungen mit Schumanns Melodie und klang recln possierlich. Das Lied war populär, und man hat Jehuda Leih Gordon die Autorschrift der Parodie strittig gemacht, indem mau sie dem ihm verwandten Jargon-Volksdichter Michel Gordon zuschrieb. Michel Gordon dichtete so manche Tendenzlieder gegen den Chassidismus und lebte in Podolien. Die „Dynastie" in der Bukowina richtete sich herrschaftlich ein. Sie verriet einen Hang zum Regieren und zur Pracht. Fern von der Verdüsterung und Dumpfheit der Askese., in einem Schlupf winkel verkrochen, schwelgten hier die Epigonen des Baal-Schein in einem Bauten-, Trachten- und Tischluxus. Kozker Chassidin; pflegten mir zu sagen: Sadagora ist „b'chinath inalchuth" — monar chische Art. Man erzählte, daß die Töchter des Rebbe zu 'reiten pflegten — auf schönen Rossen, mit silbernem Geschirr, un< Chassidim liefen voran. Die Rosse hatten silberne Hufeisen, „De; Alte" — so erzählte man — „hatte im Stalle ein Roß stehen. U stand immer gesattelt und zum Reiten bereit. Sollte der Messia kommen, so war dieses Roß dazu bestimmt, „daß der Rabbi ihn entgegen reite". Der Anhang war groß. Keine „Lonidim", keine überfrommei; Dulder — eine sehr reiche Klientel und natürlich auch viele Bettler. Und der Wunder geschahen viele. Die Glorie wurde in den 70 er Jahren durch den Reb-Berenin Skandal zerstört. Es ist eine wunderliche Geschichte, ein nach de vulgären Seite gerichtetes Faustereignis. Reb Bereniu entfloh eine- Tages, legte seine Würde nieder wie Johann Orth — und veröffent lichte ein „Manifest", in dem er auf den Chassidismus und die Orthodoxie losschimpfte und sich zur Aufklärung bekannte. Er war der Bruder des Rabbi und „führte" schon selber. Die Mis nagdim und die Maskilim triumphierten. Schade nur, daß das Cherchez la femme dabei sein Bewenden hatte. Nach einiger Zei verschwand Reb Bereniu von der Bildfläche. Er wurde als geistes krank erklärt und starb bald darauf. Der Zwischenfall wurde vergessen und „Sadagora blieb Sadagora". Ich war, wie gesagt, nie in Sadagora, kenne es nur aus Kotzke; vielleicht tendenziös gefärbten Relationen, doch eine meiner Kindheitserinnerungen knüpft sich an dieses Chassidim-Nest. Es ist dies eine Erzählung, die ich aus dem Munde des berühmten Malbim gehört habe. „Ich war in der Nähe von Sadagora — erzählte der geniale Exegete und Talmudist, Rabbi Meir Lejbusch Malbim — und wollte einmal den Rebbe-Hof sehen. Ich reiste auf einen Sabbath hin Ich ließ mich Freitags melden, doch wurde ich erst zum Mittagsmahl am Samstag eingeladen. Freitag abends ist es zu andachtsvoll, als daß man einen Nichtchassid zuließe. Samstag mittags nach dem Gottesdienste wurde ich in den Speisesaal hineingelassen. Obenauf saß der Rabbi, zur rechten Seite sein Sohn, zur Linken sein Eidam. Alle trugen weiße Atlaskaftane. Der Rabbi saß still.