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Die Welt · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mo. 43 DIE^ELT 9 Die Emigrationsbewegung nach Palästina In der letzten Zeit hat sich der Emigrationsstrom nach Palästina wiederum verstärkt. Was den Charakter dieser Emigration anlangt, 50 unterscheidet sie sich von der Emigration in andere Länder durch gewisse ideelle und schöpferische Faktoren. Was die diesjährige Emigration nach Palästina anlangt, so besitzen wir dank der Tätigkeit der Informationsbureau's eine umfassende Statistik, auf deren Grund HerrTerla im „Das jüdische Volk" olgende Tabellen veröffentlicht hat. Verzeichnis der Emigranten nach den Monaten: Jan. Febr. März April Mai Juni Männer 129 232 299 118 103 78 Frauen 97 197 241 80 100 73 Zusammen 228 429 540 198 203 151 hn Ganzen: Männer 959 Frauen 798 Zusammen also 1747 Personen im Laufe von 6 Monaten d. i. iwa dreimal soviel als im Vorjahre. Dem Alter nach waren: Kinder bis 15 Jahren— 598 oder 34,23 % von 16 bis 45 „ — 797 „ 42,62 °/o „ 46 „ 60 „ — 199 „ 11,39 °/o über 60 „ — 109 „ 6,25 °/o unbek. Alter — 44 „ 2,51 ° o 1747 100,00 o/o An Kapital wurde nach den Angaben der Emigranten 781,940 'ubel mitgenommen. Es besaßen: Bis 1000 Rubel — 300 Personen. Von 1000 bis 10 000: — 66 Pers. Von 10 000 bis 20 000: — 19 25 000: — 1 30 000: — 1 40 000: — 1 Höchste Summe 80 000: — 1 Über die soziale Stellung der Emigranten belehrt uns die folgende abelle: Handwerker 277 oder 44,83 0 o Kaufleute 201 „ 32,52 w/0 Händler Andere Kategorien 140 „ 22,65 (, o 608 oder 100,00 °/o. Die übrigen sind Frauen und Kinder und solche, bezüglich deren ine näheren Angaben vorliegen. Sehr interessant ist die Emigrantentafel je nach den Gouvernements. Die größte Zahl, 462 Personen, gab das Chersoner Gouvernement, dann 285 das Ekaterinoslawer, dann 94 das Bessaraber. Mehr 's 50 gaben die Gouvernements: das Dongebiet, Tauryd, Kiew,;i)dolsk, Poltawa, Tschernigow, Minsk, Grodno; weniger als 50, '»er mehr als 10 gaben — Kaukasien, Kurland, Mohilewer, Wolyner, ownaer und Wilnaer Gouvernement. Weniger als 10 — Sibirien, jntralrußland und Gouvernement Witebsk. Was das Königreich Polen anbelangt, so emigrierten aus: Gouvernement Warschau 94 Personen Petrikau 39 Lublin 5 Suwalki 4 Radow 3 Über die Ortschaften, nach denen sich dis Emigranten begeben, •rientiert die folgende Tabelle: In Jaffa blieben 1372 Pers. 78,53 % In Jerusalem „ 242 „ 13,85 °/o In anderen Städten „ 12 In Kolonien „ 80 „ 7,62 0 o Unbekannter Aufenthaltsort „ _ 1747 Pers. 100,00 °o. Auf die Frage nach dem Zweck der Auswanderung nach Palästina '■'"hielt man folgende Antworten: 67 wollen dort ihre letzten Jahre erleben; 6 wollen lernen; 1 zur Kur; 17 zu Besuch oder zur Berichtigung des Landes; 19 wollen eine Zeit lang dort verbleiben, die übrigen 1637 d. h. fast 94 °/o wollen sich fest im Lande anwedeln. Wiener Brief Im Vordergrunde des Interesses stehen jetzt neben den Wahlen in die Wiener Kultusgemeinde die Wahlen in den mährischen Landtag. Diese ergeben einen traurigen Beweis, in welche trostlose Situationen die politische Unreife die Juden führt. Durch einen Kompromiß zwischen Deutschen und Czechen ist die nationale Katastrierung der Wählerschaft durchgeführt worden; jeder Wähler muß sich entscheiden, ob er in den deutschen oder czechischen Kataster aufgenommen werden soll. Diese Katastrierung bedeutet aber für die Juden eine Kastrierung, da sie für jüdische Interessen selbstverständlich keinen Platz hat. Die Situation war der Bildung einer jüdischen Kurie nicht ungünstig, da die Czechen für eine solche zu haben gewesen wären. Überdies waren im Lande durch den Bestand der politischen Judengemeinde und des mährisch-jüdischen Landesmassenfondes, einer zentralenVerwaltungsbehörde, hinreichend Bausteine vorhanden, um auf diesem Fundamente das Gebäude einer jüdischen Kurie aufzuführen. Aber gewisse Geschäftspolitiker und Kahalgrößen sahen, sich in ihrem Ehrgeize und in ihren vermeintlichen Interessen bedroht und wußten die Bildung einer jüdischen Kurie als „eine große wirtschaftliche Gefahr für die Juden" zu hintertreiben. In Wirklichkeit ist aber gerade die jetzige Situation eine große wirtschaftliche Gefahr für die Juden. Nachdem das Unglück—die Bildung der deutschen und der czechischen Kurie — nun einmal geschehen war, traten die Kahalgrößen nun zu einer gemeinsamen Beratung zusammen und entwickelten ihre hypergeseheiten Pläne. Die deutschen Wahlbezirke zerfallen nämlich in Majoritätsbezirke, in denen die Deutschen die Mehrheit der ortsansässigen Bevölkerung bilden und in Minoritätsbezirke, in denen die Deutschen die oft verschwindende Minderheit der Bewohner ausmachen. In diesen Minoritätsbezirken bilden nun die Juden oft ein Drittel bis zur Hälfte der deutschen Wähler. Hier wollten denn die Herren vom Kahal ihre Rosinen finden. Namentlich drei Bezirke faßten sie ins Auge: den 10. Wahlbezirk (Auspitz, Trebitsch, Lundenburg etc.), in dem die Juden 35 Prozent der Deutschen ausmachen, den 13. Wahlbezirk (Mähr. Weißkirchen, Proßnitz, Leipnik, Oderfurt etc.), in dem die Juden 25 Prozent der deutschen Wählerschaft stellen, und den 20. Wahlbezirk (Göding, Kremsier, Holleschau ,Mistek etc.), in dem die Juden mit 42 Prozent vertreten sind. Nun wurden nach dem alten (leider nicht bewährten) Muster Komitees gebildet und Resolutionen gefaßt, in denen sich die Macher ob ihrer politischen, unergründlichen Weisheit gegenseitig bewunderten. Und was ist der Erfolg? Parturiunt montes, nascitur ridiculus mus, aber ein sehr lächerliches Mäuschen. Vor einigen Tagen traten die Weisen wieder zusammen und konstatierten betrübt folgendes: Im 13. Wahlbezirk kandidiert Dr. Fischel, ein Mann, der selbst nach dem Urteile dieser Assimilanten nie als Jude hervorgetreten ist, doch wird ihm ein deutschnationaler Arier gegenübergestellt. Dr. Fischel erhielt nun den Segen des Kahal. Im 20. Wahlbezirk, in dem die Juden 42 Prozent der Deutschen ausmachen, kandidiert ein getaufter Jude(!), Dozent Redlich, über dessen Verhältnis zum Judentum man bestenfalls sagen kann, daß „ihm alle Juden gestohlen werden können". Dies ist der zweite Erfolg des Kahal. Auf andere Erfolge wird er nicht warten lassen. Noch ein Bildchen müssen wir hinzufügen. Die Deutschen sind jetzt hübsch unter sich und brauchen die jüdischen Stimmen nicht mehr, um die Czechen zu besiegen. Wenn sie nun ganz ihrem Herzen folgen könnten, würden sie lauter — sagen wir — Nichtfreunde der deutschfreundlichen Israeliten entsenden. Die Geschichte hat aber zwei Haken. Erstens brauchen sie jüdische Stimmen bei den Gemein de rats wählen, und zweitens bei den H an delska mm erwählen, da bei diesen Wahlen nicht nach dem Kataster, sondern gemeinsam gewählt wird. Deshalb wird die Wahl einiger Liberalen geduldet. Aber zu viele dürfen es nicht sein, dachten sich die Herren vom deutschen Wahlkomitee, und stellten in der allgemeinen Kurie Mähr. Ostrau einen Antisemiten Wolfscher Färbung auf. Die Männer vom Ostrauer Kahal sagten anfangs Ja und Amen, bis sie die erregte Stimmung der jüdichen Wähler zum Rückzüge zwang. Nun will man die Juden zur Wahlenthaltung veranlassen. Die Ostrauer Juden müssen aber auf die Provokation, die in der Aufstellung Dr. Freisslers gelegen ist, eine schärfere Antwort geben. Der Gegenkandidat Freisslers, Dr. Czech ist zwar eine Übersetzung des Assimilationstypus Dr. Fischel ins Sozialdemokratische. Auch von ihm, dem „Konfessionslosen", ist keine Stellungnahme für die Juden zu erwarten. Aber hier handelt es sich darum, auf eine freialldeutsche Kandidatur die entsprechende Antwort zu erteilen, eingedenk der Worte des freialldeutschen Führers H. K. Wolf, die vor nicht langer Zeit gefallen sind, daß der Kampf gegen die Juden viel wichtiger ist als der Kampf gegen die Sokols. Auch für die Juden muß der Kampf gegen Wolf wichtiger sein als der gegen die Sozialdemokratie. L. B. J.

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