Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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iiicht das geringste zu schaffen, es ist lediglich wirtschaftlicher Natur, und die Mitglieder tun klug, wenn sie aus ihrer durch die Verhältnisse erzwungenen Vereinsamung nicht ein Prinzip machen sondern sich bemühen, in dieser Beziehung sich schleunigst den Verhältnissen anzupassen. Sonst verfallen sie mit logischer Notwendigkeit dem wirtschaftlichen Ruin. Für die eingeborenen Juden aber sind solche Organisationen /wecklos, denn deren Interessen sind tausendfach mit denen der Umgebung verknüpft und widerstreiten in ebensovielen Fällen denen er jüdischen Genossen. Was heißt denn überhaupt wirtschaftlichutional? Es bedeutet, aus nationalen Gründen das wirtschaftliche i iteresse der Konnationalen pflegen. D. h. notwendig einen Wirt- -haftskampf mit den Nichtnationalen eröffnen. Glaubt Herr Dr. Mühsam irklich, daß das in Deutschland erstrebenswert ist, oder daß ihm; uf dieser Bahn irgend wer folgen wird? Dr. Mühsam will so dem Massenelend" steuern. Gibt es das wirklich in Deutschland? ' ottlob nein, und also soll man auch keine Pläne zur Beseitigung esselben schmieden. Ebenso steht es mit seinem Plan, die Juden kulturell zu heben. Sollte das wirklich durch eine deutsche national-jüdische Partei : öglich sein? Will er unsere hohe deutsche Kultur bekämpfen und;■<] ihre Stelle eine nationale setzen? Und welche? Er will Vollenden erziehen. Doch nicht etwa, indem er das Hebräische zur prache der deutschen Juden macht, oder indem er einen völligen ... jsellschaftiichen Abschluß befürwortet?! Das erstere ist eine Utopie einem Lande, dessen Juden so verstreut leben, daß sogar jüdische :hulen nur in ein paar Großstädten möglich sind, und der gesellhaftliche Abschluß wäre die Bildung eines Staates im Staate, 'nes für die Gesamtheit unverdaulichen Kernes, der zu heftiger pposition der andern Bevölkerung führen, die Juden selbst in .!ie unerträgliche Lage bringen und sie von jeder politischen Bergung ausschließen müßte. Diese aber gerade allein kann uns zu einer Verbesserung unser Lage verhelfen. Nur sind wir nirgends stark genug, um aus ■>ener Kraft Abgeordnete zu wählen, wie Herr Dr. Mühsam es inscht. Wir würden immer paktieren müssen. Und nun denke m sich eine Partei des wirtschaftlichen Abschlusses mit jüdischitional-kulturellem Programm. Und von einer solchen erwartet rr Dr. Mühsam ernstlich, daß irgend jemand sie für bündnisfähig Iren sollte! So sollen unsere Vertreter in die Parlamente kommen! "$ ist nur möglich, wenn man die Juden veranlaßt, ihr Gewicht i den einzelnen rivalisierenden Parteien zur Geltung zu bringen. Wir müssen uns den politischen Parteien fordernd gegenüberstellen, als eigene Partei sind wir unmöglich. Die östlichen Juden sind nicht besser als wir und haben nicht „stolz und kühn" ihre Eigenart gewahrt, sondern sie leben in einem kulturell niedriger stehenden Milieu und in dichten Massen, daher unter anderen politischen Verhältnissen. Nicht die Moral, sondern die Tatsachen bestimmen ihre Haltung wie die unsere. Wir sind in der Lage Dantons, der gesagt hat, „Ich bin mit vornehmen Herren aufgewachsen. Nach Beendigung meiner Studien besaß ich nichts und konnte nichts werden, da ich ohne Ahnen und Gönner war. Meine alten Kameraden kehrten mir den Rücken. Das Regime hat uns zur Opposition gezwungen, indem es uns ausbilden ließ, ohne unsern Fähigkeiten eine Laufbahn zu öffnen." Man hat uns die öffentlichen Schulen, die Universitäten geöffnet, hat uns aufgefordert, moderne Menschen zu werden — und als wir es taten, hat man uns den Rücken gewendet und uns ausgelacht. So sind — genau wie unter den Bürgerlichen vor 1848 — die „problematischen Naturen" entstanden, die halben Menschen, die keinen Boden unter den Füßen haben, losgelöst sind von der alten Tradition. Geistig Heimatlose. Für sie alle war die Rückkehr zum alten Volke die Rettung. Und nun möchten sie aus Dankbarkeit und im Glück, wieder Boden zu haben, alles für dieses Volk tun und glauben, alles mit ihm ausführen zu können. Aber dabei übersehen sie die Kräfteverteilung, die Machtmittel. Es geht nicht Was in Österreich oder Rußland möglich ist, das ist bei uns deshalb nicht durchführbar. Und man schweigt in Zukunft am besten von Plänen, die undurchführbar sind, und nichts nützen, die Umgebung aus wirtschaftlichen, die Regierungen aus kulturellen Gründen zu unseren Gegnern machen müssen. Auch haben wir wahrlich schwer genug die inneren Differenzen überwunden und sollten nicht ohne Not neuen Anlaß zu inneren Kämpfen geben. dr. a. friedemann *) Der Herr Verfasser befindet sich in einem Irrtum, wenn er voraussetzt, daß die Redaktion des Zentralorgans den Landsmannschaften, gegenüber nicht das Recht freier kritischer Betrachtung hätte. Übrigens müssen wir bemerken, daß wir nicht in der Lage sind, uns mit den vorstehenden Ausführungen zu identifizieren, die trotz vieler richtiger Feststellungen nach unserer Meinung in Prämissen und Schlußfolgerungen auf willkürlichen subjektiven Voraussetzungen beruhen. Wir werden übrigens sowohl auf vorstehenden Artikel als auch auf die Ausführungen Dr. Kassels und Dr. Mühsams, für deren Inhalt wir gleichfalls den Verfassern die Verantwortung überlassen, nach Abschluß der Diskussion zurückkommen. Die Red. VOM BEZALEL Unser Jerusalemer Korrespondent J. K. schreibt uns: Die Nachricht, daß die Kölner Jahreskonferenz dem „Bezalel" für nkauf eines den Zwecken der Anstalt entsprechenden Terrains und »■Ii Bau eines geräumigen Gebäudes eine Anleihe aus den Mitteln s Nationalfonds gewährt hat, wurde hier mit großer Freude aufliiommen. Man ersieht hieraus nicht nur die volle Sympathie der 'ionisten für die Ziele des „Bezalel", sondern freut sich auch eben- '»sehr darüber, daß die Jahreskonferenz damit dem Leiter der Anuili, Herrn Professor Boris Schatz, ihre Dankbarkeit ausgedrückt -tt. Mit dieser Bewilligung hat das Aktionskomitee das größte Hindernis für eine gedeihliche Entwicklung des Instituts aus dem Wege geräumt, und es bleibt nur noch zu wünschen, daß die gei(^entlichen oder jährlichen Subventionen, die von verschiedenen weiten dem „Bezalel" bisher zuflössen, sich noch an allen Orten und 15 allen Kreisen in erheblichem Maße steigern. Mögen unsere 1 reunde in der Diaspora ihren Ehrgeiz darein setzen, überall für cten „Bezalel" zu agitieren und ihn materiell zu fördernJ Dann werden vir> das kann man schon heute sagen, ein wahrhaftes Musterinstitut im Lande erhalten, das nicht nur den jüdischen Bewohnern Arbeit und Erwerb, sondern auch allen Juden der Welt Ehre bringen wird. Der „Bezalel" läßt es sich angelegen sein, neben seinem Hauptzweck, der Verbesserung des Arbeits- und Industriezustandes in Palästina, auch für die Vertiefung und Ausbildung des jüdischen Geistes zu wirken. Die Schüler des „Bezalel" haben im Verein mit einigen angesehenen hiesigen Personen eine Gesellschaft unter dem Namen „Deborah" gegründet, der anläßlich einer Lehrerversammlung alle Lehrer zur Seite zu stehen beschlossen haben. Dieser Verein hat die Aufgabe, arme Schüler des „Bezalel" zu unterstützen, Kunstausstellungen zu veranstalten, Zeichenkurse einzurichten und sich an künstlerischen Publikationen zu beteiligen. Während der Ferienzeit haben sich ungefähr 47 Lehrer und Lehrerinnen aus ganz Palästina, sogar aus Syrien, in der Mädchenschule in Jaffa versammelt, wo ihnen Herr Prof. Schatz mit Hilfe seiner Schüler Unterricht im Zeichnen erteilt hat. Es war herzerfreuend zu sehen, wie unsere alten und jungen Lehrer sich wieder auf die Schulbank niederließen, ihren Rücken beugten und fünf 2*