Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316230--48646-3343584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

die Lüge gewesen, nicht genug. Er wollte der Wahrheit einen Triumph bereiten, so groß, so deutlich, daß es alle sehen, alle daraus lernen könnten. Es muß für ihn ein unvergleichliches Gefühl gewesen sein, daß er die Macht hatte, so zu tun, daß er die Wahrheit, die langsam, aber unaufhaltsam vorwärts geschritten war, selbst den Gipfel hinaufführen konnte, um sie in vollem Glänze dem Volke zu zeigen. Es war eine starke Tat — aber auch ein großes Wagnis. Menschen lassen sich nicht gerne an ihre Sünden, Armeen an ihre Niederlagen, Völker an ihre Irrtümer erinnern. Und die Person Picquarts auf dem Stuhle des Kriegsministers wird immer zugleich auch wie ein Vorwurf gegen die Nation wirken. Vielleicht würde man die Gewissensbisse mit französischem Leichtmut rascher verwinden können, wenn nicht hinter Picquart die Gestalt des jüdischen Hauptmanns von der Teufelsinsel, das ganze französische Judentum auftauchte, die mit Picquart zugleich rehabilitiert, aus ihrer Erniedrigung emporgehoben wurden. Aber diese Verquickung des gesühnten Justizirrtums mit einer tatsächlichen, wenn auch nicht ausgesprochenen Abbitte, die man der ganzen französischen Judenheit leisten muß, wirkt aufreizend auf die dunklen Massen, auf das französische „schwarze Hundert". Dessen Zorn gegen Clemenceau hat sich nun vervielfacht. Es nennt Clemenceaus Tat eine grenzenlose Herausforderung der öffentlichen Meinung, es schäumt vor Wut. Es wird ein Zeichen großer Kraft sein, wenn Clemenceau die kläffende Meute zum Schweigen bringen wird. Für uns selbst aber bietet selbst dieses Geschehnis ausgleichender Gerechtigkeit nur den Anlaß zu melancholischen Betrachtungen. Mordechai wurde erhöht und Haman erniedrigt . . . Es war schon so oft, so oft in unserer Geschichte. Was nutzt uns der Triumph der Gerechtigkeit? Was hilft es uns, wenn sich endlich Der russische Jude' aus einem Meer von Blut die Wahrheit mit gewaltigem Flügelschlag erhebt? Morgen liegt sie wieder am Boden, geschändet, getreten. Und die Geschichten von Haman und Mordechai oder Henry und Picquart sind bei den andern so schnell vergessen und verweht, wie der Windhauch von gestern. Und nur uns bleibt das traurige Erinnern an die ewige Marter der Schuldlos-Verfehmten, die manche unsere „Mission" nennen . . . ki4 Unter diesem Titel bringt der „Zeitgeist" von Rudolf Mosse in seiner letzten Nummer einen dem Geist der Zeit nicht gerade besonders entsprechenden Artikel von einem Herrn Dr. Feilchenfeld! Der Artikel ist wieder eine von den Auslassungen „wohlwollender Gönner", die viel unangenehmer sind als Anfeindungen und Schmähungen offener Feinde. Mit welcher herablassenden Gönnerrniene Herr Feilchenfeld vom „russischen Juden", vom russischen „Studenten", vom Jüngling, der nach „Bildung" strebt usw. spricht! Er zieht sogar Parallelen zwischen dem amerikanischen Studenten, der eben Kellner wird, wenn er nichts zu essen hat und dem „russischen", der seinem „Glaubensgenossen" im Ausland zur Last fällt! Wenn man den Artikel liest, glaubt man, daß der Herr Verfasser all dieses Zeug vor etwa 50 Jahren geschrieben haben muß. Denn die Typen, die er schildert, sind so antiquiert, so überlebt, daß man sie nur in Museen — oder in der Phantasie deutsch-jüdischer Philantropen finden kann. Eine solche psychische Mannigfaltigkeit, wie es der „russische Jude" ist — und diese schalen flachen Schilderungen eines „wohlwollenden Gönners"! Herr Feilchenfeld, Herr Feilchenfeld, wenn man einmal so heißt, wie Sie heißen, sollte man über Juden und Judentum — und seien es auch „russische Juden" —etwas diskreter reden! . . Ist eine nationaljüdische Partei in Deutschland möglich? Die Geschäftsleitung der deutschen Zionisten hat zwar bereits in einer den Tageszeitungen zugegangenen Erklärung sehr energisch die Verantwortung für die Bestrebungen einiger Weniger abgelehnt, die dahin gehen, die deutschen Juden auf national-jüdischer Grundlage zu organisieren. Nach den Ausführungen des H. Dr. Mühsam in Nr. 42 der Welt erscheint es aber notwendig, dieser Ablehnung nochmals eingehenden Ausdruck zu verleihen. Umsomehr, als die Redaktion den Artikel mit der Bemerkung versieht, daß die deutschen Zionisten das, was sie in Rußland und Österreich nicht bemängeln, auch in Deutschland prinzipiell nicht ohne weiteres ablehnen dürfen.*) Wie diese Bemerkung fallen konnte, nachdem die für ihre innere Leitung allein verantwortliche deutsche Geschäftsleitung gesprochen hatte, mag dahingestellt bleiben. Aber wir betonen es nochmals: prinzipiell und ohne weiteres lehnen wir Bestrebungen ab, die von mißverständlichen Voraussetzungen ausgehen, mit den Verhältnissen im Lande nicht rechnen und geeignet sind, unsere Bewegung zu kompromittieren. Dr. Herzl hat wiederholt und unter dem Beifall der Kongresse erklärt: „Wir sind kein internationaler Verein, sondern führen eine internationale Diskussion". Mit seinem überragenden Verstände hatte er sofort die Gefahr erkannt, der wir uns aussetzen würden, wenn wir eine politische Interessengemeinschaft der Juden anerkannten. Was die Juden anderer Länder innerpolitisch für zweckmäßig halten, ist daher für uns unerheblich und in keinerlei Weise verpflichtend. Wir erstreben für die, welche sich nicht assimilieren können oder wollen, eine gemeinsame Zukunft. Eine gemeinsame Gegenwart haben wir nicht. Aber auch die Analogie versagt absolut. In Rußland und Österreich leben die Juden nicht in National-, sondern in Nationalitätenstaaten. Sie haben ihre eigene Kultur bewahrt, wohnen in dichten Massen zusammen, sind national zumeist von der Umgebung gesondert und ihr nicht assimiliert. Da ist es naturgemäß, daß sie im Ringen der Nationen auch ihren Platz an der Sonne beanspruchen. Die Juden in Rußland oder Galizien sitzen unter einer Bevölkerung, die andere nationale, kulturelle wirtschaftliche Ziele verfolgt, politisch die Juden entrechtet oder zu entrechten sucht. Da ist es kein Wunder, sondern eine logische Konsequenz, die eigenen Interessen als Nation zu verfechten. In Deutschland istvon alledem keine Rede. Die Juden haben nirgends wirklich starke Zentren, ihre wirtschaftlichen Interessen sind dieselben wie die der christlichen Umgebung, und ihre Kultur ist ausschließlich die deutsche. Ihre Sonderinteressen sind lediglich politischer Natur. Sie haben auf dem Papier alle Rechte, in der Praxis nur wenige, und gesellschaftlich drängt man sie zurück. Was sollen sie nun tun? Eine nationale Partei bilden? Man frage nur einmal einen beliebigen Süddeutschen, ob er mit einem westpreußischen oder posenschen Juden gemeinsame wirtschaftliche Interessen hat! Das Ziel soll nach Herrn Dr. Mühsam die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der Juden sein. Es sollen sich jüdische Genossenschaften bilden und der jüdischen Eigenart Rechnung tragen. Ehrlich gesagt — bei dieser Forderung kann ich mir absolut nichts denken. Der Handel an sich hat keine nationale Eigenart und kann sie nicht haben, er ist seinem Wesen nach international- Eier und Gerste, Panzerplatten und Knöpfe sind Objekte ohne, nationale Eigenart. Und die Art der Ausübung des Handelsverkehrs soll keine Eigenart zeigen. Sie soll sich den internationalen Gebräuchen anpassen, weil nur so ein Erfolg erzielt werden kann. Wollen sich Immigranten zusammenschließen, die das Niederlassungsland und seine Sitten nicht kennen — gut. Aber dann handeln sie vernünftigerweise so nur, um durch ihre Unkenntnis der Verhältnisse nicht zu Schaden zu kommen. Das Motiv hat also mit Nationalität

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.