Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 43 blE^K ELT %^ POLITISCHE REVUE Ein „Jahrestag" Ein „Jahrestag" kommt wieder, der erste „Jahrestag". Das jüdische Volk hatte so wenig freudige Ereignisse zu verzeichnen, wußte so wenig vom Gedenken der schönen und stolzen Tage, daß jede Erinnerung mit einem Leid verbunden war, von einem Schmerze ausging. „Jahrzeit" hieß nur das Gedenken der Toten. An jedem Tage des Gedenkens brannte das traurige Todeslicht, das „Seelenlicht". Und einen solchen „Jahrestag" haben wir jetzt zu begehen, der furchtbaren Tage des Oktober 1905 zu gedenken, über die Verluste, die das jüdische Volk an jenen Tagen erlitten, zu trauern. Das erste Jahr nach den „Oktoberpogromen" von 1905. In den vergangenen Zeiten waren solche Tage für die ganze jüdische Gemeinschaft Büß- und Trauertage. Und mit tränenerstickter Stimme sagte der Vorbeter das „El mole Rachmim", und in feierlicher, altherkömmlicher Weise las man dem Volke die Geschichte der Grauen vor, die über das jüdische Volk gekommen. Es waren die sogenannten „Megiloth." Heutzutage ist dieses innige, tiefe Hineinversenken der jüdischen Seele in die Vergangenheit durchverschiedene Momente gehemmt, und nicht einmal die lebendige Gegenwart vermag die Inertie zu überwinden. Und die Tage kommen nnd gehen. Der „Jahrestag", der erste in der Reihe, ist da. Oktober 1905. Am Anfange des Monats eine furchtbare Spannung im gewaltigen russischen Reiche. Das ganze Land war in hellen Flammen. Streiks und offene Kämpfe. Etwas ungeheueres ging vor sich, noch nicht dagewesenes. Und endlich die Erlösung. Die Konstitution war da. Der ganze Traum der letzten hundert Jahre des russischen Volkes schien verwirklicht zu sein. Und man hoffte, die russische Freiheit werde eine andere sein, als die bourgeoise, westeuropäische. Gleichheit und Brüderlichkeit, wo konnten sie sonst Tat werden, wenn nicht im Slavenlande, das keinen Adel kennt und keine Exklusivität? Wo konnfe die Freiheit sonst ihren Hort finden, wenn nicht in dem Lande der großen Sehnsucht, des mystischen Bangens, des „großen Zornes"? Und wie in Polen während des Aufstandes von 1863 die Juden und die Polen sich umarmten und einander: „kochajmy sie" — (wir wollen einander lieben) zuriefen, ging durch die Reihen der Juden ein Freudezucken, ein Freiheitstaumel. Und nur die wenigen, die die Volksseele der Russen besser kannten, schüttelten traurig das Haupt, der Dinge harrend, die da kommen werden. Uud es kam. Die Freiheitsstätte wurde zur Richtstätte. Und es floß Blut, Blut . . . Dann kam die Duma. Pochenden Herzens horchten die Juden Rußlands auf die Reden im taurischen Palast. Und wieder erscholl es: Freiheit für Alle! Die Duma wurde auseinandergejagt. Ein Pogrom gjng der Schließung der Duma voran, ein anderer folgte ihm auf den Spuren. Und kein Retter, keine Hilfe. Der Oktober ist gekommen. 1906. Wieder Herbst und Wind und Nebel, der alles verhüllt, — sogar die allernächste Zukunft. Und wenn der Morgen kommt, fragt man sich, was wird der Abend bringen, und am Abend lauscht man in Todesangst dem Pfeifen des Windes, als ob er die Kunde brächte von dem kommenden Morgen. Dunkel ist das Heute und das Morgen — nur eines steht klar und deutlich vor unseren Augen: Das blutige Gespenst vom Oktober 1905. . . . Ein Jahrestag — und in so vielen jüdischen Häusern brennen „Seelenlichter" für die Gemarterten und Getöteten. Und aus weiter Ferne hört man die Grabesstimme der zeitlos Gefallenen: „Sind wir umsonst gefallen? Haben wir umsonst gelebt?" Das „Seelenlicht" flackert — die Seele des jüdischen Volkes! — 2ur Emigrationsfrage In einem italienischen Blatte L'Italia Moderna - war eine Nachricht verzeichnet, daß die Vereinigten Staaten von Amerika demnächst eine Konferenz behufs Regelung der Emigrationsfrage nach Washington berufen werden. Es ist begreiflich, daß diese Nachricht zuerst an italienische Blätter gelangt ist, da ja Italien, besonders das südliche, am meisten an der Frage interessiert ist. In Apulien z. B. wandern ganze Dörfer aus, ganze Gegenden werden entvölkert. Manche Emigranten kehren dann nach ihrer Heimat zurück, nachdem sie etwas Geld gespart haben, die meisten bleiben jedoch in Amerika, gehen in der neuen Gemeinschaft auf. Es ist bekannt, daß die italienischeRegierungernstlich bemühtist, den Auswanderungsstrom zu regeln, ihn zu staatlichen und kulturellen Zwecken auszunützen. In kultureller Hinsicht leistet sehr viel der Verband „Dante Alighieri", dessen Aufgabe es ist, für die Erhaltung der „Italianität" zu sorgen. Was bewegt nun Amerika, eine Konferenz zur Lösung der Emigrationsfrage einzuberufen? Ist etwa das Land übersättigt? Sind alle Kräfte des Bodens absorbiert? Gibt es keinen Platz mehr für neue Ankömmlinge? Statistische Daten beweisen, daß das Gegenteil der Fall ist. Die amerikanischen Industriellen selbst erklären, daß das Land noch bei weitem nicht zu der Höhe gelangt ist, für die es von der Natur gleichsam prädestiniert wurde. Ist doch Amerika das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten!" Wenn wir demnach uns über die Frage klar werden wollen, warum Amerika die Konferenz einberufen will, so müssen wir an die Übervölkerung der großen amerikanischen Zentren denken. Gleichsam durch die Kraft der Schwere werden die neueingewanderten Massen in die großen Städte geworfen. In New York, Philadelphia, Chicago häufen sich dichte Konglomerate von Armut, Not, Elend. . . Und dieser Erscheinung, die den Alteingesessenen nur Nutzen bringt, indem sie die sozialen Schichten verschiebt, muß gesteuert werden. Das größte Interesse haben daran wir Juden, die einen nicht unerheblichen Prozentsatz der Einwanderungsmassen liefern. Das jüdische Proletariat ist es auch, das den amerikanischen „Anti-Aliens" am meisten ein Dorn im Auge ist. Es ist für die Juden von allergrößter Wichtigkeit, festzustellen, wie weit die Absorptionsfähigkeit Amerikas in bezug auf die osteuropäischen Juden gehen kann, wo der Sättigungspunkt ist. Und darum müssen auch die Juden bei der Konferenz, die in Washington tagen wird, gehört werden. Wir haben bei jeder Gelegenheit das Prinzip vertreten, daß die Juden von der internationalen Politik als das behandelt werden, was sie sind, als ein Volk, das, wenn auch keine äußere, so doch eine innere Autonomie hat, das seinen Willen zur Selbständigkeit bekennt. Unisomehr muß das jüdische Volk in Betracht gezogen werden, wo es sich um sein Wohl und Weh der Gegenwart und der allernächsten Zukunft handelt. Picquart — Kriegsminister „Und Mordechai ging hinaus von dem Könige im königlichen Kleide, purpurblau und weiß, mit einer großen, goldenen Krone und einem Mantel, weiß und purpurrot." - Man wird unwillkürlich an das Wechselspiel von Erniedrigung und Erhöhung in der uralten Megilath Esther erinnert, da man erfährt, daß Picquart Kriegsminister von Frankreich geworden. Vor sechs Jahren der „ehrlose Verräter", der „Dreyfusard", der „Judenknecht", den das Frankreich der Reaktion anspie — heute der Chef der Armee, der unumschränkte Herr über all die kleinen und großen Merciers, die sich jetzt in schmähliches Dunkel ducken müssen. „Also geschieht dem Manne, den der König ehren will". Georg Clemenceau, der neue Ministerpräsident, hat wohl gefühlt, daß er einem dramatischen Stück Geschichte einen dramatischen Abschluß gab. Schon war nach entsetzlicher Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit zum Siege gelangt. Es war ihm, der selbst einer der hochherzigsten Kämpfer gegen 2