Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316230--48644-3343582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
junkturen der diplomatischen Beziehungen von Downing street und Quai d'Orsay und der Börsenjobber-Speku- , lationen, — sind sie als „menschliche Dokumente" für I die Randglossen zum Sittenkodex der zeitgenössischen * Politik recht empfehlenswert, und der „Rubel auf Reisen", auf dem Grunde des Krankheitsbildes, welches jetzt Rußland darstellt, die eingeschränkte „breite Natur", die zusammengeschrumpfte Gespreiztheit, wie sie jetzt ganz anders dem Baal sich nähert, bieten ein Observationsmaterial von ungeheurer Komik. Aber die Zeiten sind zu ernst, und wir würden uns um russische Finanzmöglichkeiten und um die Verschiebung ihrer Perspektiven nicht viel kümmern, wäre damit nicht die Existenzfrage von 6 Millionen Juden verbunden. Dieser Baal, der dem altrussischen Regime die Geldmittel liefert, erscheint uns wie ein furchtbares Ungetüm, das mit grausamen Händen nach den Rechten dieser sechs Millionen Menschen greift, um sie im Keime zu ersticken. Diese Millionen Menschen können ihrer Bedrängnis nur dann entrinnen, wenn Rußland ein freies Staatswesen werden wird. Man täusche sich nicht, es wird dann noch eine Judenfrage bestehen, wie sie anderswo besteht, aber die schrecklichen Martern, die ein ganzes Volk zu erdulden hat, die Hekatomben der Pogrome, die schauerliche Peinigung der Massen durch raffinierte, gesetzgeberische Unbill, das Leben voll Not und Mühsal, Qual und Beleidigung, der Übermut des Tschinovniks, die wütende Brutalität der Polizeischergen, die Fäulnis der Korruption, die wüste Mißwirtschaft, die am unmittelbarsten und tiefsten die Juden trifft, — würden aufhören, wollte nicht Baal das alte Regime unterstützen. Die gebleichten Gerippe der Märtyrer schauen diesem Baal vorwurfsvoll zu, und ein tausendfach stöhnender Seufzer geht durch die Luft des „Ansiedlungsrayons". Schon sah man Neuland. Ja, man sah es zu schnell, weil man eben Jude ist. Mochte auch kein Parteiname aus den umlaufenden Wort- und Begriffsmünzen der russischen Gegenwart unbenützt bleiben. Nenne man sich, wie nian wolle, mit allen Initialen-Kombinationen des Alphabets, und mag sich das Schauspiel wiederholen, daß zwei Repräsentanten verschiedener fremder Nationalitäten sich gegenüber stehen, — beide Juden, — nichts hat den Separatismus der jüdischen Psyche, also die eigentliche jüdische Nationalität, so erhärtet wie diese besondere Art der jüdischen Anschauung. Weil die Juden ein eigenartiges Volk sind, weil in ihnen die große Seele des Orients lebt, feurig und phantasiereich, mit einem ungeheuren Anpassungsvermögen, mit einer Lebhaftigkeit der Illusionen, mit einer Einbildung, die als Wirklichkeit erscheint, mit einer leidenschaftlichen, leicht erregbaren Natur, mit einer Phantasie asiatischer Religionsstifter, mit einer aufopfernden Hingebung der sogenannten ersten Christen, die doch Juden waren, — mußten sie den Geist tiefer erfassen und die freiheitliche Bewegung plastischer reflektieren als eine plumpe Masse halb-primitiver Menschen — und müssen jetzt sehen, wie groß der Abstand ist. . . . Der Weg ist lang und gewunden. Juden gehen durch die düsteren Tiefen des Leids, durch das Tal des Todesschattens einem menschlichen Dasein entgegen, und auf diesem Wege sehen sie Baal, — so modern, so europäisch, die herrschenden Gewalten verkörpernd und so. unheilvoll. Denn was Baal liefern soll, — das sind die Äquivalente der Nagaikas und des Pulvers, ja, auch der Pogrome, die doch in den Brutstätten der offiziellen Hetzereien verbreitet werden. Nicht dem russischen Volke und nicht einer regelrechten Regierung, — nein, einer Anzahl von Machthabern liefert Baal die finanziellen Machtmittel. Hier lagen die richtigen Waffen im friedlichen Kampf. Kein neues Geld, und der Koloß des alten Regimes fällt unrettbar. Jüdische Finanziers sollten nicht nur den Anteil verweigern, sondern alle ihre Mittel aufbieten, eine Anleihe unmöglich zu machen. Es wäre kein Racheakt, es wäre Notwehr, es wäre ein Schutzmittel,, es wäre eine Wohltat für die Unterdrückten, eine Wohltat am Ende für die Verblendeten, die das heraufziehende Gewitter durch Mittelchen abzuwenden hoffen. Aber all dies ist nicht geschehen. Baal verkörpert die utilitarische Gemeinheit der Zeitpolitik und die Wechselseitigkeit der Interessen von Wertpapierbesitzern, Börsen und Banken. Wollte man recht trocken heraussagen, was das bedeutet, so wäre zu sagen, daß Baal die Pogrome und die Feldgerichte macht. Es ist Charlatanerie, wenn man in Frankreich von Humanität spricht und zu gleicher Zeit der Reaktion in Rußland Geld gibt. Es ist heimtückisch und heuchlerisch, wenn man in England „Vive la Duma" ruft und die Baalspriester davon nicht abhält, ein kleines Transaktiönchen im geheimen zu machen. Man kann nicht Gott und Baal zugleich dienen. Man sage offen, daß man kein menschliches Empfinden hat, keine Ideale und keine geistigen Tendenzen kennt, man lächle offen über das altmodische Wort „Humanität", und man erkläre die Moral für abgeschafft! Diese Baalsdienstleistungen an das altrussische Regime sind kleine Zwischenszenen in einem großen Drama. Das rollende Rad der russischen Selbstbefreiung wird nicht stehen bleiben, aber — wir Juden schauen mit Schrecken, wie tief das moderne politische Leben im Baalsdienst steckt. Unser Auffassungsvermögen ist zu analytisch, unser Geist zu durchdringlich, als daß wir uns durch einen hohlen Wortkram täuschen ließen. Interessen, Politik, Staatsraison, — es sind Deckmäntelchen für Geldgier, Niedertracht und Hartherzigkeit. Am egoistischen Kleinen und Elenden, an Verknöcherung und Selbstsucht wird das Staatsleben zugrunde gehen, wie alle Anbeter des Baal zugrunde gegangen sind. Wenn man nicht nach dem großen Ziele strebt, Gutes und Edles zu betätigen, um die höhere Kraft der sittlichen Natur zur Geltung zu bringen, so haben Staaten und Interessensphären und Machtmittel überhaupt keine Daseinsberechtigung, Aber Baal lügt mit demselben lächelnden Gleichmut, mit dem er im Altertum gelogen hat, oder er bewahrt ein diskretes Stillschweigen. Er ist immer derselbe. Und neue Propheten müssen erstehen und einen neuen Kampf gegen Baal beginnen. N. Sokolow.