Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 26. Oktober 1906 pmn1? rrWtf ]WD No. 43. BAAL Der Rubel auf Reisen" pflegte durch Triumphpforten zu ziehen. Mit Jubel begrüßt, von einer gierigen Welt gehätschelt, geberdeten sich Moskaus ohne wie die richtigen Herrenmenschen, frei von allen essein knauserigen Kalküls. Das Geld rann ihnen ii* so durch die Finger. Nitschewo! Unser Land t groß, bald wird es sich erstrecken vom Nordpol bis im Äquator, haben wir ja schon — o tüchtiger Beso-, asow! — Koreas Wälder, und pochen wir nicht schon ie ein unabwendbares Schicksal an die Pforten des alai-Lama? Nur nicht kleinlich sein. Das autokratische egierungssystem in Ungarn gefährdet, — „Sendet meine nippen hin!" befahl Nikolaus der Erste großartig. Die Brüderchen" vom türkischen Joch erlösen, war auch oft;ie Parole. Freigiebig und läppisch in selbstherrischer Annruchslosigkeit, manchmal ganze Länder verschluckend, .her ohne zu rechnen, ohne überhaupt Verpflichtungen nst zu nehmen, — spreizte sich der Groß-Moskowite imitiv-gemütlich, gutherzig und bärenhaft, elegant-grob, unig — in der Politik wie im Leben. Er sah sich e Ländchen des Westens an, wie Bonbonnieren im okokostik und die Menschlein, die sich wie die Hunde n die paar Groschen abrackern. Daß man ihnen gebe, ieviel sie wollen, den Worth's und den Ritz's, — die Toitien und die Hotelrechnungen! Nitschewo! Diebesten eine und die galantesten Abenteuer in den Spelunken! Palkin, Besitzer eines fashionablen Restaurants in etersburg, pflegte man zu duzen, hat aber dafür von einem Lindertrubelschein keinen Rest genommen. Eine höhere tute der Grandezza: den Ritz zu duzen und natürlich ur mit Tausendfrancscheinen zu zahlen. Und die große icste bei der Rechnungskontrolle ist ja bekannt: Weine — ') und so viele Tausend Frcs. — stimmt! Spiegel, Klavier ^rtrümmert — so und so viele Tausend — stimmt auch! Mir die Zigaretten, anstatt 10, 15 Kopeken, da schreit ^nZeter. So auch in derPolitik. Den San Stefano-Vertrag erreißen, das schwarze Meer schließen lassen, aber um nie Sand wüste bei Merw schier einen Krieg heraufbeschwören; die Alliancen auslachen und den Wojewoden °n den Schwarzen Bergen als einzigen Bundesgenossen 'insteilen, — Qemütssprünge, groteske Überraschungen unmittelbarer, inkonsequenter, kulturloser, weil auf keinerlei Kontinuität gegründeter Augenblickstriebe, wie der Chinahunger und die plötzlich auftretende Abrüstungsbegierde — alles, was ein keimreiches, gärendes Element kennzeichnet. Und wie wurde dieses Element, von dem Baal, von dem organisierten, diskret-schlauen Mammon umworben! Keine Nation der Welt hatte in Paris einen solchen Erfolg in der Liebe. Die Muezzine auf allen Minarettürmen in den glühendsten Glaubensregionen des Islams rufen nicht fanatischer zum Gebete, als die französischen Politiker zum Ankauf russischer Werte. Die Schalke der „grande nation"! Sie sprachen das Sehnen vieler nach 4V2—5—6°/o jährlicher Dividende aus. Was bedeutete, dem Russen diese Differenz? So begann das Wasserschöpfen der Danaiden, und so dauerte es Jahre hindurch überall, wo Baal seine Altäre hat. Ein großer Teil des französischen Nationalvermögens befindet sich jetzt in Rußland, — und nun begann der Zusammenbruch. Aber Baal ist interessiert. Wieder sind die Herren Russen in Paris, beim Reservoir. Psychologisch ist es ungemein interessant, Vergleiche zwischen einst und jetzt zu machen. Die törichte Selbstüberschätzung ist dahin; es blüht noch manche Illusion, aber wie die Veilchen im Stillen. Man schwebt in einer trüben Wolke. Ein aufrührerischer Wind geht brausend durch das Reich, die Großmacht hat einen nicht wieder gutzumachenden Stoß erlitten, die Umgestaltung hat begonnen, und man weiß nicht, wie lange man im Provisorium und in den Obergangsformen stecken wird; denn das alte Regime, das mit widriger Gier und würdelos noch am Dasein hängt, schickt sich an, mit deutlichster Absichtlichkeit dem jungen Freiheitsbäume den Boden abzugraben. Anders sind die Russen jetzt: fromm wie die Lämmer und weich wie die sanften Dulder. Sie versprechen, sich zusammenzunehmen, sich zu bessern. Sie wenden sich zu Baal in den Nöten und Bedürfnissen des Lebens, in den Prüfungen und Krisen ihrer Geschichte, — und sie sind Leisetreter geworden. Mit zusammengebissenen Zähnen, die innere Natur mühsam verschleiernd, mit ausgesuchter Höflichkeit und mit ungeheurer Vorsicht irrende, suchende Menschen unter höchst schwierigen und delikaten Koni t t'