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Die Welt · 1906-09-19 · 42 (19.9.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
42 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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die Herren zusehen, wie sie fertig werden. Hat es Herzl doch fertig gebracht! Herzl hat sich aufgerieben und hat euch verwöhnt, und da glaubt ihr, daß andere das auch können und machen müssen? Es ist eine Schande, daß in unseren Kreisen über derartige Dinge so gesprochen werden muß. Eine disziplinierte Partei, die dazu berufen ist, das Volk zu regenerieren, läßt ihre oberste Leitung ohne Geld, erfüllt nicht ihre allererste Pflicht. Meine Herren! Sehen Sie sich doch einmal die Kassen der sozialistischen Parteien an. Oder sind die Juden nicht imstande, soviel aufzubringen als die Proletarier anderer Völker? Kann der Jude nicht einen einzigen Franc per Jahr zahlen, oder urteilen die Vorstände der Föderationen, daß der eingezahlte Franc für wichtigere Zwecke zu verwenden ist, als wofür ihn der Geber bestimmt hat? Wer verleiht ihnen aber das Recht, darüber zu urteilen, da das Recht, über das Geld zu verfügen, nur der obersten Leitung zusteht, und die Föderationen bloß die Pflicht haben, das Geld zu sammeln und dem Aktions- Komitr.e zu überweisen? Eine Volksbewegung wie die unsrige muß ihren demokratischen Charakter behalten, deshalb darf sie nicht ihre Einnahmen aus einigen Taschen von Protektoren, sondern von jedem Anhänger zu gleichen Teilen beziehen. Die Leitung bekommt dadurch die moralische Stütze der großen Masse und das Gefühl der Verantwortlichkeit dem Volk gegenüber. Die oberste Leitung könnte leicht in eine abhängige Stellung geraten, wenn ihre Ausgaben durch eine gewisse Klasse Zionisten gedeckt würden, und das muß vermieden werden, wir müssen immer freie Hand behalten. Ich kann für einzelne Vereine und Föderationen das Prinzip gelten lassen, daß die mehr Bemittelten einen größeren Beitrag leisten, jedoch auch ohne daß sie dadurch mehr Rechte erlangen — für die Zentralleitung erachte ich das Anerkennen dieses Systems als schädlich. Es ist selbstverständlich einem bemittelten Zionisten gestattet, das A. K, finanziell zu unterstützen, aber feststehen muß es, daß jeder Zionist den Schekel bezahlt und daß alle Schekel ohne Abzug an das A.-C. abgeführt werden, damit die oberste Leitung nicht in fortwährenden Sorgen lebt und die Möglichkeit hat, im gegebenen Momente zu handeln, ohne sich bekümmert umzusehen, woher das miserable aber notwendige Geld kommen wird. Die Zionisten im allgemeinen werden sicherlich alle dafür sein, und wenn einige Vorstandsmitglieder mancher Föderation es auch unbequem finden sollten, die Schekelgelder nicht wie bisher für ihre Vereine behalten zu dürfen, dann werden sie sich auch daran gewöhnen oder anderen den Platz räumen, die ihre Pflichten besser verstehen werden. Das Zurückhalten der Schekelgelder kann mit folgender echt jüdischer Geschichte verglichen werden. Ein Rabbi wurde von seinen Chassidim zu Purini mit einer Unzahl Flaschen Wein beschenkt Der Rabbi hatte aber für alle die Flaschen keinen Platz in seinem Hause, und so beschloß er, nächstes Jahr zu Purim ein großes Faß am Eingang seiner Wohnung aufzustellen und seine Getreuen zu bitten, den Wein in einem Gefäß zu bringen und dieses in das Faß zu leeren. — Und so geschah es. — Von den Chassidim dachte aber jeder bei sich: Wenn die Sache so steht, kann ich doch den Wein ersparen, unter so viel Wein kann mein Krug Wasser unbemerkt mitgehen. — Und so geschah es, daß der Rabbi keinen Tropfen Wein, sondern reines Wasser als Purim-Geschenk von seinen Chassidim bekam. Die Getreuen Herzls haben sich auch denselben Witz erlaubt. Führen wir also schnell das Flaschensystem zurück ein. Alle Schekel an das A.C.! Mordechai. III. Herr Dr. Moscovitz-Braila, Mitglied des A. C, schreibt uns. folgendes: In bezug auf die von Herrn Julius Berger gemachten Vorschläge betreffs „Abänderung des Organisationsstatuts" finde ich, daß die Forderung, daß nur die Zugehörigkeit zur Landesorganisation das Wahlrecht zum Kongresse verleihen soll, ganz berechtigt ist, wenn dieselbe auch gewissermaßen eine Umwertung der Bedeutung des Schekels voraussetzt, der doch die ursprüngliche Bedeutung behalten und zur Zählung der „Juden" (in unserem Sinne) dienen sollte. Diesen Zweck hat der Schekel allerdings nie erfüllt. Er hätte ja sonst wirklich nur von Anhängern des Basler Programms genommen werden dürfen, was nicht der Fall war und auch nicht, oder wenigstens nur in der allerletzten Zeit, ausdrücklich verlangt wurde. Jedenfalls ergaben sich daraus, daß die Zahlung des Schekels allein genügte, um das Wahlrecht zum Kongreß zu verleihen, verschiedene Anomalien. Bei uns in Rumänien z. B. dürfen zur Landeskonferenz nur die autorisierten Vereine Vertreter schicken; Schekelzahler, die keinem organisierten Vereine angehören, haben dort keine Vertretung. Während also der Schekelzahler, der keinem Vereine angehört, Kongreßwähler ist, also das höchste politische Recht eines Zionisten ausüben darf, kann er an den Arbeiten für die lokale Organisation nicht teilnehmen. Gewiß eine Anomalie! Es ergibt sich aber noch ein Punkt, der von Herrn Berger mit Recht hervorgehoben wurde, daß die Wahlen zum Kongreß nicht immer der Ausdruck der wahren Meinung der Zionisten eines Landes oder einer Stadt sind. Ich kenne Fälle, wo Leute weder vorher noch nachher mit dem Zionismus etwas gemein hatten, aus Ranküne gegen einen Kandidaten unmittelbar vor der Wahl Schekel kauften und verkauften, um die Wahl zu beeinflussen. Das ist vielleicht nur selten gelungen, aber es könnte doch einmal in größerem Maße versucht und durchgeführt werden und könnte dann verhängnisvoll werden. Vielleicht wird der Sehekeleingang durch die Änderung leiden, die Organisation wird aber gewiß gekräftigt werden. Die Wahlen würden jedenfalls ein getreueres Bild der Stimmungen im Zionismus geben. Sehr geehrter Herr Redakteur! Wir bitten bekanntzugeben, daß das früher unter dem Namen Glos zydowski herausgegebene und eine Zeitlang suspendierte Blatt jetzt unter dem Titel Zycie Zydowski erscheint. Die Adresse ist: Glos Zydowski, Warschau, Ciepla 3. Hochachtungsvoll Die Redaktion von Zycie Zydowski. Bericht des „Hilfsvereins deutscher Juden".*) Der geschäftsführende Ausschuß des Hilfsvereins der deutschen Juden hielt am 16. September unter Vorsitz von Herrn James Simon eine Sitzung ab, in der zunächst Herr Dr. Paul Nathan über seine Reise nach Rußland, seine Unterredungen mit dem Ministerpräsidenten Stolypin und dem Finr izminister Kokowzew, die auf spezielle Aufforderung der Minister rfolgt waren, sowie übe/ seine Rücksprache mit einer Reihe andere einflußreicher Persönlichkeiten nähere Mitteilungen machte, die in einer sehr pessimistischen Auffassung über die nächste Zukunft des Zarenreiches gipfelten. In Kürze berichtete er alsdann über die aus Anlaß der Unglücksereignisse in Siedice und des drohenden Pogroms in Warschau seitens des Hilfsvereins bei dem Ministerpräsidenten Stolypin und andern Stellen unternommenen Schritte. Noch während der Sitzung traf ein Telegramm aus Petersburg ein, des Inhalts, daß der Ministerpräsident zugesagt hatte, das Erforderliche zu tun zur Abwendung neuen Unheils. Die Versammelten sprachen den Herren James Simon und Dr. Nathan Dank für ihre zweckentsprechenden Maßnahmen aus. Es wurde ferner einer Anzahl Persönlichkeiten, die in dem *) Infolge Raummangels verspätet. Red. Dienst des Hilfswerks für die Opfer der Oktoberpogrome in erster Reihe gestanden hatten, der Dank des Hilfsvereins votiert, so dem Generalsekretär der Jewish Colonisation Association in St. Petersburg, Herrn D. F. Feinberg, dem ein Ehrengeschenk zu überreichen beschlossen wurde, Herrn Sigmund Bergel von der Großloge für Deutschland, Frl. Bertha Pappen heim von dem Verein Weibliche Fürsorge in Frankfurt a. M. und Herrn Dr. Beruh. Kahn, Generalsekretär der Zentralstelle für jüdische Auswandererangelegenheiten des Hilfsvereins, die sich insbesondere um die Durchführung der Aktion für die Unterbringung russischer Waisenkinder in ihrer neuen Heimat sehr verdient gemacht haben. Für Schulen wurde eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen. Es wurde die Notwendigkeit betont, trotz der furchtbaren Verhältnisse in Rußland, die eine dauernde Hilfeleistung erfordern, in der Förderung der Kultur und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Glaubensgenossen im östlichen Europa und im Orient fortzufahren, so weit es die regulären Mittel des Hilfsvereins irgendwie gestatten. Die Lage der Juden auch in diesen Ländern ist nach wie vor eine bedrängte, teils in wirtschaftlicher, teils in politischer Beziehung (Rumänien), und die infolge des wachsenden russischen

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