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Die Welt · 1906-09-19 · 42 (19.9.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
42 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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existiert auch eine Lesehalle mit Büchern und Zeitungen. Es sind viele Bände vorhanden, Heiligengeschichten, die Broschüren Bogdanowitschs in vielen Exemplaren und der „Russki Invalid". Vom Strome der Weltgeschichte unberührt, blühte dieses Regiment im Stillen. Offizielle Posten nennen dies Vaterlandsverteidigung. Freche Prosaiker behaupteten, daß die fühlbare Tätigkeit des biederen Regiments nur in den Ausdünstungen besteht, die vom Przejazd bis Nowolipki und bei gutem Winde bis Dzika die eigentümlichen Düfte verbreiten. Das friedliche Regiment hat es nicht einmal versucht, sich Lorbeeren in Mandschurien zu holen. Nein, es hat höhere Aufgaben. Es beschützt die Ordnung, den Wohlstand, den Betrieb der Großstadt. An den Toren sieht man oft Soldaten stehen, die, nachdem sie sich von allen Seiten behutsam umsehen, Brodlaibe an vorübergehende arme jüdische Kleinkrämer und Arbeiter verkaufen. Sie haben die Brodlaibe satt und möchten sich für das Geld „Wodka" kaufen. Dies war das einzige Verhältnis zwischen Soldaten und Juden. Denn ringsum erstrecken sich viele von Juden bewohnte Straßen. Hier wird nicht exerziert; der bekannte russische Segensspruch ertönt hier nicht bei jedem dritten Wort, es flimmern keine Uniformen und es flattern keine Fahnen. Nur für Weib und Kind und um die Existenz werden hier die Nerven angespannt, daß sie schier reißen, und die Hände angestrengt daß das Blut aus den Fingerspitzen rinnt. Es wogt und lärmt ringsumher. Greise, Weiber, Kinder, sogar Krüppel arbeiten, schaffen, handeln, stürmen, stürzen sich fieberhaft auf jede, auch die schwerste Bemühung, bei der sie einen Groschen zu verdienen hoffen. Ein Jüdchen eilt an der Kaserne vorbei. Er ist hager und hat einen leidenden Gesichtsausdruck. Er ringt mit den letzten Kräften, ein paar Groschen will er erhaschen. Zwei Soldaten gehen daneben, stämmige, stumpfsinnige großrussische Bauernsöhne; sie tragen einen Eimer voll „Krupa", Es war ein gewöhnliches Alltagsbild. So war es bis jetzt. Aber dann kamen neue Tage, wo das Wolhvner-Regiment in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Eine Heldenschar ist es geworden, mit Suwarows und Skobelews neuen Kalibers. Großartige Pläne werden entworfen, geniale Angriffe werden vorbereitet, und eine Begeisterung wird wachgerufen, und man hat es schon so weit gebracht, daß die sonst halb-schläfrigen, viertel-betrunkenen, ruhigen Schlaraffen-Nichtstuer so bestialisch herausfordernd geworden sind, daß Herr Stolypin selber — wie er dem Gil Blas-Korrespondenten neulich sagte — für dieses Regiment nicht garantieren kann, daß es nicht einen „Pogrom" machen wird. Man kann eben mit solchen Leuten, wie es die Wolhyntzi sind, nichts machen. Die gelben Kasernen dort, Ecke Przejazd und Dzika in Warschau, sind hiermit exterritorial erklärt worden. Der Herr Minister erklärt die Verantwortlichkeit nicht übernehmen zu können. Ist ja Rußland frei geworden. Polen hat zwar die Autonomie nicht bekommen, aber das^Wolhyner Regiment ist schon autonom geworden. Konstitutionelle Monarchien, Republiken, demokratische Republiken, geht doch zu Herrn Stolypin in die Lehre und lernet, wie frei eine Regierung tun kann. Der Ausdruck „Pogrom" ist schon eigentlich ein Anachronismus geworden. Wenn es heißt: das Wolhynsche Regiment rückt gegen die Juden, so klingt es ganz so wie: das sibirische Regiment rückt gegen die Japaner. Schade, daß wir keine Japaner sind. Aber wären wir Japaner, so würde doch das Wolhynsche Regiment gegen uns nicht rücken. Aber Spaß beiseite. Es gehen jetzt Sachen vor, die man noch nicht richtig wertet. Es sind seit Siedice keine Pogroms: es ist Krieg! Krieg ohne richtige Kriegserklärung — die Stolypinsche ist zu gewunden — und mit der fürchterlichsten Verletzung des Kriegsrechts. Wüßte ich nicht, daß die Wolhynsehen Kasernen eine Fabrik judenhetzerischer Agitation geworden, und würde ich glauben können, daß hier ganz eigenmächtige Instinkte der Soldateska wirken, so bliebe nichts übrig, als mit dem einzelnen „Tschuchna" sich zu verständigen. „Selmljak, gedenkst du zu morden, oder nicht? Der Minister läßt dich frei, sag nur, was du willst? Willst vielleicht nur die paar Kopeken auf Wodka?" Ja, ich sehe das hagere, arme Jüdchen, vor der Kaserne vorbeieilend. Ein großer, plumper, täppischer Bauernbengel aus dem Jaroslawer Gouvernement, ein Wolhyner Regimentssoldat, schlägt ihn auf den Kopf. Er schlägt hundertmal täglich. Die Geduld erschöpft sich doch einmal, und der Mordgeselle kommt nicht so rein weg. Dann heißt es: die Juden greifen die Armee an. Es wird langweilig, und man verzweifelt. Nicht zwei Rassen, zwei Welten stehen sich gegenüber. Hebräisch möchte ich sagen: Adam ub ehern ah: das Menschliche, das Leidende, das Rechtfordernde und — die Bestie. Denn der Mensch frägt: Wozu sind die gelben Mauern und der verfaulte Kohl und das Schreiben im Sand und die Wodka unten in den gemeinen Räumen und der Champagner oben in den behaglichen Gemächern? Und wozu sind rohe Bengelscharen zusammengerottet, verdummt und verwildert: Darauf antwortet die Bestie: Ordnung! Eine moralische Bestie. * * * Auch Der ist nicht mehr unter den Lebenden: Lector Friedmann in Wien. Reb Meier Isch-Scholaum! Ich sah ihn noch vor kurzem Er erklärte mir mit dem Ausdruck naiver, jubelnder Seelenfreude einen Midraschtext. Die Erklärung war nüchtern erklügelt. Ich zuckte die Achseln darüber, denn Reb Meier wollte Rabah bar bar Chonoh als realistischen Naturschilderer darstellen, während ich ihn lieber als Märchendichter mit einer wunderbar grotesken Effekthascherei gelten lassen möchte. Die Lippen des Lectors schürzten sich spöttisch. Ich kenne, sagte er, die neue Richtung des Folk Lore, des Sammeins der Kuriositäten hochkomischen Genres, das Geltenlassen phantastischer Auswüchse jeder Einbildungskraft als Dokumente von Geistes- oder Gemütsrichtungen, aber ich bin zu. alt dazu. Ich mache noch immer meine kleinen spielerischen Experimente die Agadah zu naturalisieren. Es war vor ungefähr zwei Jahren. Der 70jährige, mit dem kahlen Schädel, glattrasierten Gesicht und glitzernden Augen, sah trotz seines Alters noch so rüstig aus, daß ich ihm sagte: Sie sind selber ein Rabah bar bar Chonoh-Märchen für mich. Sagen Sit mir, wo sprudelt Ihr Jugendbrunnen? Er lachte und glitt über diese Frage hinweg. Die Gedanken laufen rückwärts in die Zeit, als das Dioskuren paar Eisik-Hirsch-Weiß und Meier-Friedmann seine Vorträge im Bethamidrasch in Wien hielt. Der eine beherrschte das Halachagebiet; der schimmernde, zaubervolle Garten der Agadah war die Domäne des anderen. Sie standen beide auf dem Scheidewege zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, kernige, originelle Hebraisten und Talmudisten, aufklärungsmäßig, maskirisch angehaucht, rationalistisch geschult. Sie waren gegen die starre Orto doxie, gegen die Kasuistik der Alten, aber sie haßten viel tiefer der hohlen Ton und die phrasenhafte Gespreiztheit der Neuen. Um weithin über die Grenzen ihres Wirkungskreises waren ihre Namebekannt. In den Jeschiwah's Litauens und Polens, im Altland de. Talmudismus, hatte man anfangs diese beiden Vertreter einer vor mittein den Richtung nicht verketzert. Weiß hatte allerhand auf den Kerbholze noch bevor er den „Dor Dor W'dorschow" zu schreibe! begann. Es war schon in seinem „Syfro" etwas Unruhig -Skeptisches — eine Zwischenstufe. Er kam den Gläubigen' wie eis paradoxer Geist vor, der es liebt zu verblüffen. Sie waren an falscher Fährte: sie wußten nicht, daß sie ein System vor sich hatten Reb HerschfLeib aus Woloschin soll gesagt haben: man solle liebe die alten Kommentare lesen. Mit der Herausgabe des „Dor Do W'dorschow" wurde es den Strenggläubigen klar. „Ob aber Meie Isch-Scholaum auch ein Epikoros ist, oder nicht" — darüber wurd. unaufhörlich gestritten. Eine Sphynx. In der Nähe betrachtet, hatte Lector Friedmann nichts sphynx artiges. Im Gegenteil. Er war kein gelehrter Brummbär und ken poeisierender, schlaffer Träumer: das war ein tiefkluger, ungemeiV witziger „alter Jude". Wie haßte er die Medisancen und Banalitäter der kläglich unwissenden Judentumsübersetzer! Wie kam er, mi den Jahren, immer zurück — nicht auf die starre Form, die für ihr nur eine leere Äußerlichkeit war, sondern auf den Geist des jüdische; Volkes, auf den Pulsschlag, auf das Lebensgeheimnis, auf das Ewie. Jüdische! Er war ein alter Agadahlehrer, und viel haben wir aus seine: Schriften gelernt. Nicht ein Agadah-Kommentator, ein Agadah-H' zähler war er selber, einfach, feinfühlend, hebräisch. Sein nationale Gefühl war groß und volltönend, jede historische Reminiszenz m ihm war wach, er empfand jüdische Rasse in der Legende um fühlte sich verwandt mit der altjüdischen Heimat wo die alte Agadai; blühte. Er war einer der Letzten seines Geschlechts. N. S -'- Unsere geehrten Abonnenten deren Bezugszeit mit dem 30. September abgelaufen war, ersuchen wir nochmals dringendst um rechtzeitige Einsendung des Abonnementsbetrages, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Expedition-

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