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Die Welt · 1906-09-19 · 42 (19.9.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
42 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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:ines Staates ist die Resultante der Sonderinteressen aller den Staat usammensetzenden Bevölkerungsklassen. Deshalb ist es nicht nur las Recht, sondern sogar die Pflicht jedes Teiles der Bevölkerung ines Staates, seine Interessen zum Ausdruck zu bringen. Die tätte, an welcher die Abwägung der Interessen gegeneinander orgenommen und das allen möglichst nützliche Kompromiß gesucht wird, ist das Parlament. Daher liegt es durchaus n Rahmen der staatlichen Ordnung, ja es ist für sie sogar erforderten, daß jede Gruppe der Bevölkerung ihre Interesseen parlamentarisch um Ausdruck bringt. Die Definition für den Begriff der „Bevölkerungs- Ttippe" wird durch das Vorhandensein von Sonderinteressen gegeben, lan kann solche Interessengruppen nach den verschiedensten Geichtspunkten bilden, nach sozialen, ökonomischen, nationalen etc., :nd tatsächlich haben wir auch im Parlamente Vertreter aller solcher iruppen. Es ist selbstverständlich, daß die Kreise ineinandergreifen, :!aß z. B. ein Pole gleichzeitig mit den Interessen seiner Nationalität iejenigen des Klerikalismus und des Gastwirtsgewerbes wahrnehmen •arm. Daher stellen denn ja auch die Parlamentskandidaten ihre Programme in der Art auf, daß sie je nach den Interessen der Gemeinden, in welchen sie kandidieren, bald diesen, bald jenen Zusatz lachen, hier eine Lokalbahn, dort eine Änderung der Unterrichtsnrache versprechen. Solche Sonderinteressen sind bei den Juden! exquisitem Maße vorhanden. Ihre Zurücksetzung von Staatsegen, ihre unterschiedliche Behandlung im täglichen Erwerbsleben nd der gesellschaftliche Boykott stempeln sie zu einer Klasse für ich. Das Parlament ist daher auch der Ort, in dem die Juden ren durchaus der Verfassung widersprechenden Ausnahmezustand i bekämpfen haben, und nicht die Kemenate des „Zentralvereins jutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" oder des „Verbandes iT deutschen Juden". Was dortgeredet und beschlossen wird, darnach räht kein Hahn; das sollte man doch allmählich gemerkt haben. :ati aber eine bewußte Vertretung der jüdischen Interessen im outschen Parlamente bislang stattgefunden hat, wird wohl trotz er schönen Reden der Herren Eickhoff, Dove etc. niemand im Ernste behaupten wollen. Wir wollen aufrechte, bewußt-jüdische Vertreter haben, die mit dem festen Willen, die jüdischen Interessen zur Geltung zu bringen, diejenigen Eigenschaften verbinden, welche ihren Worten den erfolgverheißenden Nachdruck verleihen, und nicht gönnerhafte Arier, die der Tradition der freisinnigen Partei und ihren „mosaischen" Freunden zuliebe eine anti-antisemitische Rakete zum Fenster hinaussteigen lassen. Ob wir aber irgendwo genügend kompakte Massen haben, um aus eigener Kraft einen Kandidaten durchzubringen oder nicht, das ist nicht das Wichtigste. Bekanntlich spielt bei den Wahlen zum Parlament das Kompromiß zwischen den einzelnen Parteien eine große Rolle. Stellen wir nur erst ein „jüd: ches" Programm auf; wir werden plötzlich sehen, wie viele Parteien dafür eintreten, wenn wir an den Orten ihre Kandidaten durchzubringen versprechen, in denen wir das Zünglein an der Wage sind. Und nicht nur Verteidiger unseres Programms erstehen uns daraus, sondern auch auf demselben Kompromißwege eigene jüdische Kandidaten. Wir sind stark genug, um unseren Einfluß zur Geltung zu bringen. — Ich vermag nicht einzusehen, warum wir uns in Gefahr bringen oder unsere Stellung der übrigen Bevölkerung gegenüber schädigen sollten, wenn wir von demselben Rechte Gebrauch machen, das die gesamte übrige Bevölkerung für sich in Anspruch nimmt, nämlich unsere spezifisch jüdischen Interessen auf parlamentarischem Wege selbst zu schützen. Wenn wir Juden uns als eine Sondergruppe konstituieren, so bringen wir nur die Tatsache zum Ausdruck, daß die jüdische Bevölkerung Deutschlands infolge des Ausnahmezustandes, in dem sie sich tatsächlich befindet, eine Reihe von Interessen zu vertreten hat, zu deren Vertretung keine andere Bevölkerungsgruppe gezwungen ist. Diese Interessen wollen wir mannhaft verteidigen und uns nicht durch Wehklagen über unser schlechtes Leben oder — was noch widerwärtiger ist — durch unterwürfige Dankbarkeit bei ausnahmsweise nicht ungerechter Behandlung oder endlich durch unwürdiges Schutzsuchen bei zu anderm Zwecke konstituierten parlamentarischen Gruppen der gerechten Verachtung preisgeben. Aus meinem Notizbuch Die Feste sind vorüber, und Alltag ist wie vorher. Die weichen .lütter rieseln durch das zitternde, weiche Blau herab. Man atmet inen kräftigen, etwas bittern Geruch mit der Luft ein. Die Nebel trauen über den Wiesen, und sie geben dem Land und den Blumen üid den Gräsern diesen bittern Geruch. Es ist Herbst. Bald wird Man vergessen, daß je ein Maihimmel in wundersamer Heiterkeit laute, daß je Rosen dufteten und Nachtigallen schlugen. Ein grauer, öser, herzdrückender Nebel wird bald alles ringsum bedecken. 1 nd der Sturm wird seine wilden Lieder singen. Alte Zweifel werden wach, und alte Wunden bluten. Ist das Mißliche, das Unreine, das Irrige verbesserungsfähig? Dort, im Zarenreich, haben wir nicht täppisch-philisterhaft frühzeitig schon ach Früchten gegriffen? Und kreischende Schreie erschallen, die das rcrz Zusammenkrämpfen. „Feldgerichte!" Im Nu werden Menschen im Tode verurteilt, — und die Erde bedeckt das Blut. Aller Erdenschwere enthoben fliegt der jüdische Geist in hohen ■egionen, von den freundlichen Genien der Lebensunerfahrenheit nd der Kinderempfindung bewacht. Schöne Kindlichkeit, naiv- ^endliche Ekstase eines alten Volkes. Nun bemächtigt sich unser •r Geist der Schwere. Zur Erde und zur Wirklichkeit. Und sie nd so weinend, so schleppend — wie der Herbst. Man muß einen Blick haben, scharf wie eine Damaszener lingenspitze, um in den Nebel zu bohren. Jenseits schimmert ias Licht. „Wenn nicht gar zu oft geübt wird, hört man ganze Tage hin- -Uirch in den Kasernen des Wolhynschen Regiments, — so erzählte :1ir ein jüdischer Soldat, — „furchtbare Hetzreden gegen die Juden, ^ies ist der einzige Inhalt der Vorträge und der Unterhaltungen -esjedy), die in allen Abteilungen mit großem Eifer betrieben erden. Es ist ein altes, spießbürgerliches Regiment, ein konservativer,;;'Inger Militärkomplex mit Offizieren, Intendanturbeamten und ',;jpen. Die Strategen haben in diesem Kreise nicht viel zu iiäffen; von Kriegstaten und Bravourstücken vernimmt man so -iten etwas, daß der militärische Charakter sich vollständig ver- ';-Tt, und greift einmal ein Intendanturbeamter zu tief in die -isse und nimmt ein Oberst Bestechungsgelder von den Lieferanten;; offen, daß ein Skandal entsteht, dann wird eine Kommission —'gesetzt, um den „Fall" zu untersuchen. Die Kommission ''det alles in Ordnung, und die Intendantur arbeitet ruhig weiter. Die Kasernen stehen in der Mitte von Warschau, unweit vom jüdischen Nalewki-Zentrum. Das Gebäude war früher der Sitz der polnischen Selbstverwaltung, die „Komisja spraw wewnetrznych" hieß. Seit dein Aufstande von 1864 und der Aufhebung der polnischen Selbstverwaltung ist das riesige Gebäude in Kasernen umgewandelt worden. Sie sind gelb gestrichen, und es riecht ringsum nach verfaultem Kohl. Man sieht vor den „Mahlzeiten" die Soldaten ihre Griitzensuppe in großen Eimern tragen. Sie gehen von der „Kuchnia" nach den Räumen der Kompagnien. Die Küche ist immer ihr Ausgangspunkt. Dann werden die Kompagnieen aufgestellt, es wird ein bißchen exerziert, wobei die Rekruten tüchtige Hiebe bekommen, und man geht auseinander. So vergehen die Tage. Es ist wie eine Stadt, wie eine kleine Stadt, und die unterste Kaserne weiß, was in den oberen Gemächern, wo die Offiziere quartieren, vorgeht. Kommt an einem Abend einmal ein geschlossener Wagen vorgefahren, dann wissen die Soldaten sogleich, daß ein „angeheiterter" Offizier gebracht worden ist. Und wenn im Laufe des Tages viele Pakete nach den oberen Gemächern gebracht und Körbe mit Flaschen getragen werden, dann wissen die Soldaten auch, um was es sich handelt. Dann erzählen sie sich, daß bei Pietr Nikolaievitsch oder bei Nikolai Pietrovitsch heute gebummelt wird. Die vielen Körbe mit den Flaschen bedeuten einen „kleinen Tee". Nach einem solchen „Tee" pflegt Pietr Nikolaievitsch oder Nikolai Pietrovitsch gewisse Instinkte zu verraten, die an den Ohren und am Kinn der Rekruten sich in sehr fühlbarer Weise betätigen. Es gibt auch einige Popen, von denen einer ziemlich oft in angeheitertem Zustande zu sehen ist; einige Regimentsveteranen unter denen sich ein alter Kantonist befindet, der wie ein Rabbiner aussieht. Man erzählt, daß dieser Veteran sich an einem Jom-Kippur nach der Synagoge, die sehr nahe ist, hinüberschlich. Das Verbrechen wurde bemerkt und der Mann in den „Karzer" gesteckt. Und mitten in dem Häuserkomplex ist die „Schule", wo den Soldaten die Kunst des Lesens und Schreibens beigebracht wird. Die Erschließung der Geheimnisse des russischen Alphabets würde zu schwere Geldopfer verlangen, wollte man Papier und Tinte benutzen; man pflegte daher die Buchstaben im Sande zu zeichnen. In der letzten Zeit ist es besser geworden: man benutzt schon Papier und Tinte, d. h. wenigstens wird eine Summe zu diesem Zweck bewilligt, — aber man zeichnet noch immer im Sande, kann man ja das Geld angenehmer ausgeben, die Kommission, welche den Fall untersuchen wird, — mitgerechnet. Außerdem

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