Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 42 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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ihre Eigenart und schlössen sich den politischen Gruppen ihres Vaterlandes an, welche die Änderung der gesellschaftlichen Ordnung und der Regierungsform sich zum Ziel gesetzt hatten. Man darf heute, nach bald hundertjährigen Assimilationsbestrebungen wohl behaupten, daß diese Art der Lösung der Judenfrage absolut bankrott gemacht hat. Aber auch der andere Weg kann — bei der heutigen Lage der Dinge — als in absehbarer Zeit ungangbar betrachtet werden. Selbst wenn die völlige soziale Emanzipation der Juden in Rußland, Rumänien, Persien usw. erreicht wird, ist zu erwarten, daß die bislang gesetzlich sanktionierte Bedrückung der Juden zu einer von den Volksinstinkten fortgeführten wird, und daß bestenfalls sich eine gesellschaftliche Judennot entwickeln wird, wie es im Westen der Fall war. Der beste Beweis für die Unmöglichkeit eines harmonischen Zusammengehens aller unzufriedenen, national verschiedenen Elemente wird von der sozialistischen Organisation Rußlands selbst geliefert. Die Verschiedenheit der Interessen und der nationalen Eigenart ließ aus der ursprünglich einheitlichen Masse die lettische, polnische, armenische und jüdische Organisation hervorgehen. Und diese Scheidung ist nicht etwa eine rein äußerliche, sondern eine prinzipielle, so daß schon mehrfach Schwierigkeiten bei gemeinsam geplantem Agieren zutage traten. Die Abspaltung des „Bundes" aus der programmatisch auf gleichem Boden stehenden sozialdemokratischen Organisation in Rußland ist der beste Beweis für die Eigenart der jüdischen Interessen, welche nicht durch territoriale und nicht durch wirtschaftliche Grenzen bestimmt sind, sondern auf dem spezifischen, dem jüdischen Volke als solchem eigentümlichen Volkscharakter beruhen. Diese Erkenntnis mußte dahin führen, die Juden in ihrer Gesamtheit zur gemeinsamen Lösung der Judennot zusammenzuschließen, sie ohne Rücksicht auf die Landesgrenzen vom „völkischen" Standpunkt aus zu organisieren. So entstand die interterritoriale nationale Judenbewegung, deren politisches Ziel das zionistische Programm darstellt. Das zionistische Pogramm, welches eine geschichtliche Notwendigkeit ist, stellt die radikale und universelle Lösung der Judenfrage dar. Das heißt, wenn es erfüllt ist, hat die Judennot aufgehört zu existieren. Es ist, wie alle politischen Programme, ein Zukunftsprogramm und bildet an sich kein Mittel zur augenblicklichen Hilfe. Diesem Mangel sucht eine im Zionismus neu entstandene Bewegung, der Territorialismus, durch ein neues resp. ergänzendes politisches Programm abzuhelfen. Indem diese Richtung die Ursache der Unmöglichkeit rascher Hilfe in der Landfrage sieht, streicht sie mehr oder weniger radikal Palästina aus dem zionistischen Programm. Ich will von der Erörterung absehen, daß kein Land der Welt imstande ist, -uns ein zusammenhängendes Territorium zu geben, das nach seiner Größe und Anbaufähigkeit dem jüdischen Volke für eine weitere Zukunft oder auch nur für seine jetzigen Bedürfnisse genügt; und daß uns mit einer Mehrzahl jüdischer Staatengebilde an verschiedenen Punkten der Erde nicht gedient wäre. Unser Unglück, das aus unserer Zersplitterung resultiert, würde durch eine neue Form der Dispersion vielleicht eine andere Gestalt annehmen, aber sicher nicht beseitigt werden. — Der springende Punkt ist, daß die sofortige Inangriffnahme sich uns bietender Territorien auf viele Jahre hinaus kaum eine merkliche Abnahme der Not bewirken kann. Die Rangierung eines neuen Staates im Innern, seine Einordnung in die Außenwelt, die Schaffung von Absatzgebieten für seine Produkte, kurzum seine gesamte Entwicklung nach innen und außen, kann nur ganz allmählich vor sich gehen; dadurch wird aber das Bestreben der Territorialisten, die eine rasche Beseitigung des furchtbaren Elends erhoffen, illusorisch. Der augenblicklichen Not kann nur ein wirtschaftliches, kein politisches Programm abhelfen. Das wirtschaftliche Gegenwartsprogramm bildet die notwendige Ergänzung unseres politischen Zukunftsprogramms. Es ist klar, daß das wirtschaftliche Programm je nach dem Lande, in dem es zur Anwendung kommen soll, ein veränderliches Gepräge tragen muß. Die Verfassung, die Ökonomie, das allgemeine Kulturniveau auf der einen, die Art der Judennot und die territorial verschiedenen Interessen der Juden auf der andern Seite, gestalten die Forderungen verschieden. Das Ziel ist überall die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der Juden. Ebenso wie wir das geschlossene Zusammengehen aller als Voraussetzung zur Erreichung unseres politischen Zieles kennen gelernt haben, wird unsere nächste Aufgabe auf wirtschaftlichem Gebiete die Sammlung und Organisation aller Juden innerhalb der verschiedenen Interessensphären sein. Dabei stützen wir uns auf die ausgezeichnet durchgeführte zionistische Organisation. Innerhalb der so geschaffenen Zentren werden dreierlei Aufgaben zu erfüllen sein. 1. Aufstellung für alle gemeinsamer Forderungen, 2. Aufstellung spezieller Forderungen für die einzelnen Interessenverbände, 3. Aufrechterhaltung der Verbindung untereinander und mit der politischen Organisation. 1. Die für alle gemeinsamen Forderungen werden hinzielen auf die Beseitigung bestehender gesetzlicher oder gewohnheitsmäßiger Beschränkungen der Juden, auf die Hebung des allgemeinen Kulturniveaus, des körperlichen Zustandes etc. Dieses Ressort wird sich mit der Auswanderung im allgemeinen zu befassen, ihre Richtung und ihre Abwickelung zu regeln haben. Kurzum, alle diejenigen Faktoren, welche an der spezifischen Not der Gesamtjudenheit eines Landes beteiligt sind, werden von dieser Abteilung berücksichtigt werden müssen. — Es ist klar, daß diese Aufgaben sich vielfach decken werden mit solchen schon bestehender jüdischer oder parteipolitischer Landesgruppen. Daher wird die Aussicht auf ihre Durchführbarkeit gesteigert werden, und es wird eine Annäherung angebahnt, welche auch unserem politischen Ziele nur von Vorteil sein kann. 2. Die Schaffung von Untergruppen wird im wesentlichen von ökonomischen Gesichtspunkten auszugehen haben. Diese Untergruppen wird die Gemeinsamkeit der Berufsinteressen zusammenführen, und sie werden das Fundament der großen Organisation abgeben. Der Anschluß jüdischer Handwerker, Arbeiter oder Gewerbetreibender an bestehende nationale oder sozialdemokratische Genossenschaften hat sich durchgängig nicht bewährt. Die jüdische Eigenart, welche im Erwerbsleben unbestrittenermaßen als spezifische hervortritt, bedarf auch spezifisch jüdischer Schutzorgane. Überdies existiert eine Reihe äußerer Faktoren, welche die Interessen der auf anderer Basis organisierten Genossenschaften nicht tangieren, auf das Erwerbsleben der Juden aber von großem Einfluß sind. Trotzdem wird es selbstverständlich eine Reihe von Aufgaben geben, welche sie zusammen mit anders zusammengesetzten wirtschaftlichen Verbänden zu lösen imstande sind. Zu dieser Abteilung würden insbesondere auch Organisationen jüdischer Einwanderer gehören. Ihre Interessengemeinschaft liegt in der Schwierigkeit der Aneignung fremder Kultur und der Unbekanntschaft mit den Landesgewohnheiten. Es dürfte von Interesse sein, hier zu erwähnen, daß eine derartige Organisation unter andern Orten auch in Berlin entstanden ist. Jüdische Immigranten haben sich zu einem Verein („Jüdischer Volksverein") zusammengeschlossen, welcher seinen Mitgliedern das Fortkommen im neuen Vaterlande erleichtern soll. Sein Ziel sucht er unter Berücksichtigung des besonderen Entwickelungsganges der Einwanderer durch kulturelle (Unterrichtskurse etc.) und wirtschaftliche (Arbeitsnachweis etc.) Mittel zu erreichen. Es ist zu erwarten, daß diese rein jüdischen wirtschaftlichen Verbände unserem Volke eine Reihe tüchtiger Kräfte erhalten werden, welche sonst von anderen Organisationen absorbiert oder die untergegangen sein würden. 3. Die dritte Abteilung ist als Leitung der Gesamtorganisation zu betrachten. Es ist klar, daß nur ein geordnetes Zusammenarbeiten aller Gruppen Aussicht auf Erfolg gewährt. Und es ist ebenfalls klar, daß dieses wirtschaftliche Programm, welches eine Ergänzung unseres politischen sein soll, den Interessen des letzteren in keinem Falle entgegengesetzt sein darf. — Im wesentlichen werden die Vorteile einer wirtschaftlichen Ergänzung unseres politischen Programms folgende sein: Mit der Bekämpfung der jüdischen Not wird sofort begonnen, und zwar in einem Maßstabe und auf einem Wege der — soweit es überhaupt symptomatisch möglich ist — dem Massenelend am wirksamsten begegnet. Die jüdischen Notleidenden werden uns als Juden erhalten. Die jüdische Masse wird organisiert und lernt, sich auf die eigene Kraft zu verlassen. Sie lernt den Wert von Einigkeit und Disziplin kennen und wird sich ihrer Kraft bewußt. Das Maß der allgemeinen Bildung und der nationale Wohlstand wird gehoben. Auf diese Weise wird eine wesentliche Vorarbeit für unserer politischen Zukunftsplan geleistet. Es werden brauchbare Volljuden erzogen. Es wird aber auch ein ruhigeres Zusammenarbeiten in: Sinne unseres für allein richtig erkannten Baseler Programms gewährleistet, das Gefahr läuft, durch Rücksicht auf das gegenwärtige Elend geändert zu werden." Inzwischen hat das seither verflossene Jahr den oben, entwickelten Anschauungen Recht gegeben. In Rußland und in Öster reich sind national-jüdische Landesparteien entstanden, die ihn Vertretung im Parlament forderten. Jetzt wird uns entgegengehalten daß die Menge der in Deutschland lebenden Juden zu gering sei und daß sie zu verstreut unter der übrigen Bevölkerung wohnen, als daß sie irgendwo Aussicht auf die Wahl ihres Kandidaten habe.; könnten. Außerdem scheint tatsächlich in gut nationalen Kreisen die Besorgnis zu herrschen, daß wir durch die Betätigung unserer nationalen Zusammengehörigkeit innerhalb der deutschen Grenzen unsere deutschen Staatsbürgerpflichten verletzten. Das Gesamtinteres^