Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 42 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316229--48626-3343563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 42 DIEE^ELT 9 bindung mit der Stadt unterbrochen. In ' die Stadt wurde niemand hereingelassen. Die ständigen Einwohner, welche vor der Katastrophe die Stadt verlassen hatten und nun nach Hause, in Todesangst um das Schicksal ihrer Familien, zurückkehren wollten, mußten auf dem Bahnhofe bleiben. Das Telegraphenamt wurde für das Publikum geschlossen. Und wie stellen sich die Verluste und die Beuten des 36-stündigen Kampfes dar? Wie offiziell bereits festgestellt wurde, gab es seitens des Militärs keinen einzigen Toten und keinen einzigen Verwundeten. Auf Seite der Bevölkerung wurden auf dem jüdischen Friedhofe 31 und auf dem christlichen 3—5 Personen begraben; verwundet wurden nach den offiziellen Mitteilungen 150, nach den privaten 300 Personen. Verhaftet wurden 200 Personen, von denen kein einziger der Teilnahme am Aufstande beschuldigt werden kann, weil kein einziger bewaffnet war. Die Besichtigung der Toten und Verwundeten ergab, daß fast alle Wunden von Kolben und Bajonetten herstammten. Da sich niemand auf die Straßen wagte, so ergibt sich, daß die Soldaten in die Wohnungen drangen. Gleichzeitig mit dem Beschießen wurde auch jede jüdische Wohnung von den Soldaten überfallen. So oft die Angegriffenen Widerstand leisteten, wurde die Tür mittels großer Eisenstangen, die von der Feuerwehr herstammten, zerschmettert. Nach dem Eindringen in die Wohnung verlangte man sofort die Auslieferung der Rebellen, und man erzwang größere oder kleinere Geldsummen Wer Widerstand leistete, wurde unbarmherzig geschlagen. Während der Haussuchungen wurden die Unglücklichen gefoltert. Von den vielen unmenschlichen Grausamkeiten der Soldaten führen wir nur eine an: Ein junger Jude, Vater von sechs Kindern, namens Meier Wolf, ein sowohl physisch wie auch geistig wenig entwickelter Mensch, wurde in seiner Wohnung während des Gebets von den Soldaten überfallen. Er wurde in der Anwesenheit des Offiziers schrecklichen Qualen unterzogen. Man warf ihn so lange im Zimmer herum, bis sein Gehirn ausfloß. Und dabei hat man doch weder bei ihm noch im ganzen Hause irgendwelche Waffe gefunden. Und so wurden von allen 1025 Häusern der Stadt einige I hindert beschossen, in ihrer Zahl auch das jüdische Krankenhaus. Es gibt in ganz Siedice fast kein Haus, wo sich nicht eine Kugel verirrt hätte. Wenn man die Zahl der Schüsse berechnet, so zeigt es sich, daß sie die Zahl der Einwohner bei weitem übertrifft. Die oben angeführten Tatsachen sprechen für sich selbst. Aber die Militärbesatzung begnügte sich nicht damit und ergriff ein stärkeres Mittel: die Kanonen. Und wozu hatte sie das nötig? Wahrscheinlich war es eine Strafe für unbegangene Sünden. Die Behörden terrorisierten die Bevölkerung, welche die Qualen eines ungerecht zum Tode verurteilten Delinquenten litt, und blieben untätig, während die rasende Soldateska unschuldige und wehrlose Menschen in den Wohnungen mordete, Frauen vergewaltigte, fremdes Gut raubte und verbrannte. Die Versicherungen, daß die Brandstiftungen und das Rauben von Zivilpersonen verübt wurden, sind falsch. Während der Unruhen war es ausgeschlossen, daß eine Privatperson sich auf den Straßen zeigen konnte, und der Gedanke, daß die Einwohner der belagerten Häuser Feuer anlegten, ist ja ganz absurd. Und übrigens, wenn hier wirklich eine fremde feindliche Kraft tätig war, so waren die Behörden verpflichtet, dieser Kraft entgegenzuwirken und keine Ausschreitungen zuzulassen. Im ganzen wurden 59 Geschäfte geplündert (11 Häuser und 12 Markthallen verbrannt). Von den Privatwohnungen wurde eine unzählige Masse beraubt und zerstört. Die Verluste in Waren und barem Gelde werden auf eine Million Rubel berechnet. Vielleicht ist diese Summe übertrieben, aber das ist nicht das Wichtigste an der Sache. Die Tragik der Situation liegt in der Wertlosigkeit der Bevölkerung, in der Vernichtung der Menschenrechte, in der Ungerechtigkeit, mit welcher sie behandelt wurde und in der Verletzung des Ansehens der Macht und des Rechtes. Bei unserer Abreise lebte noch die jüdische und die christliche Bevölkerung von Siedice in Angst und Schrecken um den nächsten Tag. Wir erwarten von Ihnen, Exzellenz, Taten, welche die unglückliche Bevölkerung von.Siedice beruhigen könnten. Exzellenz! Indem wir uns auf Ihre Zirkularnote stützen, kommen wir nicht mit der Bitte um Gnade, sondern um Wiederherstellung der Wahrheit und Gerechtigkeit. (Unterschrieben) Alexy Chrzanowski. Dawid Tschatzkes. Stanislaus Sunderland. Berechtigung und Aussichten einer national-jüdischen Partei in Deutschland Von Dr. Hans Mühsam, Berlin Durch den Vogelsteinschen „Überfall" auf den Zionismus, der 'jhließlich .....- wenn man das Kind beim rechten Namen nennen »vill - auf eine Denunziation, hinausläuft, ist auch . ein Antrag Uegenstand der Kritik in der Öffentlichkeit geworden, den ich auf iciii letzten Delegiertentage in Hannover gestellt habe: „Das Zentralkomitee wolle die Gründung einer national-jüdischen Landesorganisation als politische und wirtschaftliche Ineressenvertretung der Juden in Deutschland einleiten", i ierr Dr. Vogelstein, der seine nationale Zugehörigkeit zum Judentume 'ougnet und dessen religiöse Zugehörigkeit sich nur noch in einem lach eigenem Gutdünken verballhornisierten und christianisierten Zerrbild unserer Oberlieferung dokumentiert, steht dem Judentume u fern, als daß ich seinem Urteile über das, was dem Judentume gedeihlich oder gefährlich ist, irgend welchen Wert zumessen könnte. Wenn daher auch genannter Herr meinen Antrag, d. h. natürlich mich, „hirnverbrannt", „wahnwitzig", von „ungeheuerlicher k'berhebung" und „sträflicher Verkennung und Mißachtung der "tatsächlichen Verhältnisse zeugend" benennt, und selbst wenn er mich mit weiteren Kübeln geschmackvoller Epitheta ornantia beehrt hatte, so hätte ich daraus noch keinen Grund zur Erörterung ge- >',lgen. Aber ich habe zu meinem Bedauern gesehen, daß auch mehrere meiner Freunde meine in dem Antrage ausgesprochene Ansicht verkennen, und nur deshalb will ich ihn noch einmal k-egriinden. In Nr. 40 der „Jüdischen Rundschau" vom 6. Oktober ''M)5 habe ich die Grundzüge meines Antrags entwickelt, die mir miehfolgend wiederzugeben erlaubt sei. „Solange eine Judennot existiert, hat der angestammte Wohltätigkeitssinn glücklicher Juden nicht geruht, den bedrängten Stammesbrüdern zu helfen. Die Zahl der Wohltätigkeitsvereine großen und kleinen Stiles ist Legion. Aber selbst durch die opferfreudigste Hingabe konnte nur ein winziger Bruchteil des allzu offenkundigen Elends beseitigt werden, um so mehr, als die Ursache desselben unberücksichtigt blieb. Diese Art der Bekämpfung der Judennot gleicht dem Bemühen, den aus der Quelle ewig nachströmenden Fluß mit Eimern ausschöpfen zu wollen. Etwas rationeller gingen die Vereine vor, welche die armen Juden zur selbsttätigen Mitarbeit heranziehen wollten. Zu dieser Gruppe sind die auf philantropischer Basis begründeten Kolonisationsgesellschaften, die Handwerker- und Gewerbeschulen, Erziehungsanstalten etc. zu rechnen. Aber ihre Kräfte reichten einmal gegenüber der ungeheuren Masse der Hilfesuchenden nicht aus und anderseits fehlte den wehrhafter Gemachten unter dem Drucke einengender Landesgesetze das Feld zur Betätigung ihrer Kräfte. So brach die Erkenntnis durch, daß nur Selbsthilfe imstande sei, die Not zu beseitigen. >a Diese Selbsthilfe konnte, beim Mangel materieller Mittel, nur in Änderung der Verhältnisse bestehen, welche die Judennot hervorgebracht hatten und unterhielten. Es ist interessant, zu sehen, daß die große Masse der östlichen Juden, welche gezwungen war, der materiellen Not zu begegnen, den entgegengesetzten Weg einschlug wie die westlichen, welche die geistige und gesellschaftliche Zurücksetzung beseitigen wollten. Wenn die Bedingungen ihres Landes die Juden drückten, so mußten sie erstere ändern oder sich fügen — abgesehen von der später zu erörternden dritten Möglichkeit, Die westlichen Juden schlugen den zweiten Weg ein. Sie suchten der Zurücksetzung zu entgehen durch das traurige Mittel der Assimilation. Die in ihrer Existenz bedrohten östlichen Juden behaupteten stolz und kühn