Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 42 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316229--48625-3343562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gewiß am allerwenigsten von Reichtum und Vermögen blenden (?); ich kann nur sagen, daß das Wirken Taussigs im Kultusvorstande beweist, daß er ein guter Jude ist. Es ist gewiß eine sehr große Ehre, dem Kultusvorstande anzugehören, aber ebenso gewiß ist, daß Herr v. Taussig es nicht notwendig hat, diese Zugehörigkeit zum Vorstande als Dekorationsstück anzustreben. Er erfreut sich hinreichender äußerer Ehrungen (?) und seine Position nach außen ist eine solche, wie sie nicht viele andere einnehmen. Der Mann habe es in der Fülle seiner Ehrenstellen nicht notwendig, die Würde eines Kultusvorstehers zu suchen, und wenn er dennoch seine Kraft in den Dienst unserer Gemeinde stellt, so ist das ein Beweis für sein gutes jüdisches Empfinden. (Die Kurse steigen und die Juden fallen.) Sie können gewiß sein, daß Herr v. Taussig wohl erwogen hat, ob sein Vorgehen in dieser Frage den Interessen (seines Kapitals) des Judentums nützt oder nicht und man darf ruhig behaupten, daß er deßhalb von der Sache nicht zurückgewichen ist, weil er dadurch manche Vorteile für die russischen Juden durchzusetzen hoffte. (Siehe Bjelostok und Siedice.) Ich halte diese Resolution für unberechtigt und daß inbesonders der Schlußpassus, welcher die bekannte Aufforderung an den Kultusvorstand enthält (sich mit den Finanziers der Pogrome nicht solidarisch zu erklären), nicht am Platze ist, weil Herr v. Taussig zu den hervorragendsten und tüchtigsten Mitgliedern des Vorstands gehört, zu jenen Juden, welche dem Judentume (durch Finanzierung der Pogrome) bei jeder Gelegenheit genützt haben." So sprach der Mann, der noch heute der erste Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde ist. * * * Es gibt ja außerdem noch ein paar weiße Raben im Kultusvorstande. Aber diese sind, wie sie zu ihrer Verteidigung anführen, ohnmächtig. Alle wichtigen Beschlüsse werden im Vertreterkollegiuni, der Reinkultur des Taussiggeistes, gefaßt; dagegen darf man eventuell eine schöne Rede halten, aber die Taussigklique stimmt regelmäßig jede oppositionelle Regung nieder. * * * Deshalb gibt es keine andere Rettung als: Fort mit dem ganzen Systeme. Es handelt sich nicht darum, ob die Gezeichneten in Wirklichkeit eine Nüance schwärzer oder weißer sind. Das ganze System ist grundfaul. Es ist eine Schande, daß das Wahlrecht der Wiener Kultusgemeinde an einen Zensus von 20 Kronen geknüpft ist und daß in zwei Kurien gewählt wird. Wurde doch, als man die Kurie der Geldsäcke schuf, zu ihren Gunsten angeführt, daß sich sonst diese taufen ließen, während sich gewöhnlich erst ihre Söhne und Töchter taufen lassen. Und dieses elendste aller Wahlrechte wird von Juden verteidigt, die sich im politischen Leben als Freisinnige und Sozialdemokraten ausgeben! * * * Deshalb rufen wir: Fort mit dieser politischen Lüge! Fort mit den Finanziers der Pogrome und ihrem verächtlichen System! L. B. J. DENKSCHRIFT DER EINWOHNER VON SIEDLCE Wir teilen im Nachfolgenden den Text der Denkschrift mit, die die Deputation der Stadt Siedice dem Ministerpräsidenten Stolypin überreicht hat: „Exzellenz! Wir kommen zu Ihnen in Angelegenheit der Ereignisse, welche am 8. bis 10. September in Siedice stattfanden. Wir kommen nicht, um die Einzelheiten der erlebten Greuel zu be schreiben und die Namen der Schuldigen zu nennen oder sich über sie zu beschweren. Wir kommen nur deswegen, um die wirklichen Tatsachen mitzuteilen, welche von niemanden geleugnet werden können und aus denen Eure Exzellenz wird entsprechende Schlüsse ziehen können. Am 21. August warf eine unbekannte Person auf den Polizeimeister Golcew eine Bombe, welche, zum größten Bedauern der ganzen Stadtbevölkerung, seinen Tod herbeiführte. Von dieser Zeit an begann die Militärgarnison die Bevölkerung zu verfolgen. Unmittelbar nach dem Attentat auf den Polizeimeister gab man den Befehl, auf die Volksmenge loszuschießen, wobei viele unschuldige Personen gefallen sind. Es wurden gegen 200 Personen verhaftet, die Täter blieben aber unbekannt. Nach diesen Ereignissen verhielten sich die Militärpatrouillen derartig, daß die ganze Bevölkerung aus Angst vor den Soldaten zitterte und es vermied, sich auf den Straßen zu zeigen; bei zufälligem Zusammentreffen mit den Patrouillen pflegte niemand Widerstand zu leisten. Die Lebensbedingungen wurden immer schwieriger; die Vertreter der Bevölkerung wandten sich an den Generalgouverneur und beschwerten sich über die Chikanen des Militärs, doch umsonst. Trotz der vollständigen Ruhe in der Stadt und der herrschenden Todesstille war die Administration mit Vorbereitungen beschäftigt; wahrscheinlich waren es Vorbereitungen zur Erhaltung der Ruhe in der Zukunft. Als Beweise können folgende Tatsachen dienen: a) Der Generalgouverneur übergab den Posten des Stadtkommandanten dem Obersten des 39. Narwski-Dragonerregiments Tichanowski. b) Einige Tage vor der Katastrophe wurde auf dem Turrne der Polizeiverwaltung ein Pfahl errichtet, welcher, wie es sich später zeigte, zum Aufhängen von Allarmsignalen dienen sollte. c) Die Militärbeamten sammelten ganz offen Nachrichten über die Lage der Straßen und Häuser. d) In der Sidlcer Garnison wurde, wie es der halboffizielle „Warschawskij Dniewnik" meldete, der Plan der „Stadtbelagerung", der auch ausgeführt wurde, ausgearbeitet. Auf diese Weise haben die Militär- und Zivilbehörden beizeiten ordentliche Vorbereitungsmittel zur Einführung des Belagerungszustandes in Siedice angewandt, während wir auf legalem Wege von der Einführung des Belagerungszustandes nichts wußten. Und noch mehr. In Erwartung der Gefahr hielt der Kommandant der Stadtbesatzung es nicht für nötig, die Bevölkerung mittels einer „Verpflichtenden Verordnung" über die Einführung von außerordentlichen Maßregeln und über seine eigene Ernennung in Kenntnis zu setzen. Alles wurde streng geheim gehalten, weil man die Bevölkerung im voraus als einen offenbaren und rechtlosen Feine betrachtete. Auf die Frage, ob der Ausbruch vorbereitet war oder nicht, können also die Behörde und die militärische Besatzung eine genauere Antwort geben. Wir erlauben uns aber Eure Exzellenz nur darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn wirklich ein Aufstand vorbereitet gewesen wäre, so konnten die Behörden, welche 5000 Soldaten zu ihre Verfügung haben, mittels Revisionen und strenger Aufsicht übe: Fremde, deren Zahl in Siedice sehr klein ist, dein Aufstande leich vorbeugen. Doch brach nach der Angabe des Besatzungs kommandanten „der Volksaufstand" aus. Und erst dann belagerte! am 8. September um 9 Uhr abends die Narwski und Libauer Regimenter die Stadt. Es entstand ein Kreuzfeuer, welches 36 Stunden dauerte. Am Ende wurden die Häuser, die man früher mit Gewehr salven beschoß, mit Kanonen bombardiert. Die erdichteten Revolutionäre erwiesen sich als so stark und tapfer, daß sie, nac! der offiziellen Mitteilung, während 36 Stunden der Besatzung einen solchen Widerstand geleistet haben, daß diese noch durch nein Militärtruppen, und zwar durch das Dubienski-Reserveregiment wie die 48. Bataillonbatterie verstärkt werden mußte. Als am nächsten Tage, d. h. am 9. September, morgens du vom Kommandanten berufene Deputation der Bevölkerung, be stehend aus dem Stadtpräsidenten, den Mitgliedern der Judengemeindi den Advokaten Sunderland und Torschynski, Ingenieur Forminsk' Doktor Schawelski und andern, bei ihm erschien, erklärte er, da; er die ganze Stadt zerstören würde, wenn man ihm bis 1 Uhr eii Revolutionäre und die Waffen nicht ausliefern würde. Mit ander Worten, er erklärte der ganzen Bevölkerung den Vernichtungskrieg Die Erfüllung dieser Forderungen war physisch unmöglich, wc das Verlangte nicht existierte. Als sich die Deputation an de;. Generalgouverneur wandte, konnte sich dieser zu keiner entschei denden Antwort entschließen. Der dabei anwesende Obeiv Tichanowski wiederholte seine Drohungen und ließ die Deputation ohne jede Ursache verhaften. Auf die Versicherungen der Deputation, daß sie nicht wisse, ob überhaupt jemand auf das Milien geschossen habe, und von wo aus geschossen wurde, zeigte Tichanowski auf einige Häuser und erlaubte den Mitgliedern der Deputation siel: selbst zu überzeugen und mit den „Rebellen" zu sprechen. In den angezeigten Häusern hat man außer einem Greise unn zwei Frauen keinen einzigen Juden gefunden, und man hat sofc den Kommandanten davon benachrichtigt. Dessenungeachtet dauert« 1 die Gewehrsalven weiter fort, und am Ende wurde eins von den leeren Häusern bombardiert. Während der Dauer dieser Kriegsoperationen war jede Ve;