Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 42 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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tf0m4i ,., . ,.....„ ..,...........i)lE^ Messenger", die recht wertvolle Artikel bringt und von dem Sekretär der Shanghaier zionistischen Vereinigung herausgegeben wird. Der Vereinigung selbst (Shanghai Zionist Association) gehören etwa 80 Mitglieder an. Es werden jedoch 200 Schekolini nach England gesandt, damit die Stadt auf dem Kongreß vertreten sein kann. Der Präsident, Mr. Blumenfeld, ist ein sehr rühriger Gesinnungsgenosse. Etwa alle Monate wird eine Versammlung abgehalten, in der Vorträge gehalten werden. Das Auditorium ist nicht sehr zahlreich, und stürmische Debatten sind selten. Man huldigt dem zionistischen Ideal, ohne die gemeinsame Idee über kleinliche Haarspaltereien aus dem Auge zu verlieren. Für den Nationalfonds wird rührig gearbeitet, und in Nagasaki und Singapore soll binnen kurzem auch eine zionistische Vereinigung ins Leben gerufen werden * Deutsch sprechende Juden gibt es in Shanghai nur wenige. Einige allerdings nehmen angesehene geschäftliche Stellungen ein, sie huldigen aber dem bekannten Prinzip — „sie geben sich nicht zu erkennen . . ." Auch in China spielen Klassen-Unterschiede eine Rolle, und zwischen den weißen und den dunkelfarbigen Juden herrscht fast keinerlei gesellschaftlicher Verkehr. Im großen und ganzen treten die Juden Ostasiens wenig hervor und spielen somit * Ist inzwischen bereits geschehen. Red. KELT '; " ' ' ' — 7 auch im öffentlichen Leben keine große Rolle. Der Generalgouverneur von Hongkong, Nathan, ist Jude, und der französische Generalkonsul in Canton soll, wie uns neuerdings berichtet wurde, ebenfalls ein Jude sein. In Shanghai besteht eine jüdische Schule, die von etwa 30 Kindern besucht wird. Bei der diesjährigen Prüfung wurde „Mordechai und Esther" aufgeführt, Rezitationen und Tänze der Kleinen folgten, und eine Preisverteilung schloß sich an, bei der die besten Schüler mit Geschenken bedacht wurden. Herzerhebend war es als am Schluß der Feier von allen Kindern das „od lo owdoh" angestimmt wurde. Und als wir nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder unseren National-Gesang hörten, jubelnd und frisch gesungen von rosigen Kinderlippen, da fühlten wir, daß wir uns, wenn auch noch so fern der Heimat, unter lieben Brüdern und Blutsverwandten befanden; wir fühlten, daß in allen diesen Zuhörern das gleiche warme jüdische Herz schlägt, daß sie alle eins sind in ihrer Zugehörigkeit zum Stamme Juda, und daß weder Hautfarbe noch Sprachverschiedenheit diesen Zusammenhang zu lockern vermag. Und freudig bewegt verließen wir die Schule, wo so zeitig schon in die zarte und empfängliche Kindes-Seele der Keim gesenkt wird der Liebe und Treue zu unserem angestammten Heimatslande Erez- Jisroel. A. S. Winter. WIENER BRIEF Der Vorhang geht auf. Die Wiener Kultusgemeinde verlautbart in der meist — nicht gelesenen amtlichen „Wiener Zeitung", daß vom 3. d. M. die Wählerlisten für die kommenden Wahlen in den Vorstan.d aufliegen, und durch vierzehn Tage Reklamationen entgegengenommen werden. Der Vorhang geht auf. Auf der Bühne stehen die Regisseure und Akteure, und das Publikum in den Rängen und auf der Galerie unterhält sich. Was wird gespielt werden? Ein heroisches oder ein satirisches Stück, ein Schau-, spiel oder eine Komödie? Man weiß es noch nicht. * * Jedenfalls bietet sich eine Gelegenheit, die Herren, welche in so schwerer Zeit das Schicksal der Gemeinde bestimmen, einmal etwas schärfer unter die Lupe zu nehmen. Wer sind sie? Auf diese Frage pflegen sie sich in die Brust zu werfen, und auf die Stelle zu schlagen, wo andere Menschen das Herz, sie aber gewöhnlich die Brieftasche haben, und zu rufen, so ähnlich, wie die Notabein in Elsaß-Lothringen kandidieren: „Ihr kennt uns alle. Wir sind Ehrenmänner und können uns den Luxus erlauben, ein Ehrenamt zu bekleiden!" * * * Das ist richtig. Ehrenmänner sind sie alle. Aber das ist doch nur die natürliche Voraussetzung eines Mandates; das beweist noch nicht, daß sie den Pflichten des Mandates genügen, und gewiß nicht, daß sie die Zeichen der Zeit erkennen. Damit sieht es allerdings windig genug aus. Nicht umsonst schlagen die Herren auf ihre Brieftasche. Die schwere Not des jüdischen Volkes, das Anschwellen des jüdischen Proletariates in Wien hat nie ihren Schlummer gestört, nicht weil sie alle gefühllos wären, sondern weil sie einfach das Elend der jüdischen Masse gar nicht kennen. Existenzsorgen haben sie selbst nie gefühlt; so werfen sie hier und da einen Bettel den Armen hin. Damit glauben sie unsere soziale Frage zu lösen. „Wenn du aber gar nichts hast, Lump, so lasse dich begraben". Das Begraben hat nämlich der Wiener Jude umsonst. * * * Ist das Verständnis für die jüdische soziale Frage schwach, so }*t das Verständnis für die nationale Frage einfach gleich Null. Der edle Herr von Kuffner, der noch immer sein Mandat nicht niedergelegt hat, entblödete sich nicht, gegen „den toten Hunder der hebräischen Sprache" in offener Sitzung zu wettern; dafür solle man keinen Heller ausgeben. Gegen die Sozialdemokraten ist er aber splendider; er lieh ihnen nämlich Geld zum Aufbauen des Arbeiterheimes in Favoriten. Darf man sich aber über d'e Gesinnung der Vorstände wundern, wenn ihr Oberrabbiner andl»lich der Eröffnung einer Ausstellung der palästinensischen Kolo-;]'en nichts anderes zu sagen wußte, als daß die Ausstellung beweise, daß die Juden die schwere Arbeit nicht scheuen. Wenn Sie das bewiesen haben wollen, Herr Oberrabbiner, so verlassen Sie einmal ausnahmsweise die Gassen der Reichen und Wohlhabenden und gehen Sie in die Brigittenau und die Leopoldstadt, — für Sie eine terra incognita — und Sie werden sehen, wie das jüdische Volk sich im Schweiße seines Angesichtes müht! Dazu bedarf es nicht Palästinas; Palästina soll unser nationales Zentrum sein; von dort soll ein nationaler Geist ausgehen, der solch lächerliche Schutzjuden-Apologetik für die Zukunft unmöglich macht! * * * Man kann in der jetzigen Repräsentanz verschiedene Kreise unterscheiden. Zuerst die oberen Zehn, das sind die Rothschilds, Springer usw. Die finden es unter ihrer Würde, selbst im Kultusrate zu sitzen. Sie schicken ihre Prokuristen in den Vorstand und dirigieren die Geschicke der Wiener Juden per prokura. Recht geschieht es ihnen, wenn sie es sich gefallen lassen. Dann kommen die oberen Hundert, die Kuffner, Lieben e tutti quanti. Diese kandidieren gnädigst in der Kurie der Höherbesteuerten, damit sie manchmal Gelegenheit haben, öffentlich das Judentum zu beschimpfen. In andere Vertretungskörper werden sie nicht gewählt, so müssen sie zu diesem Mandat greifen, um ihrem unstillbaren Drange zu genügen. Sie bilden mit ihrem gefügigen Anhange die Taussig-Clique, die das goldene Kalb anbetet. v. Taussig, der erfolgreiche Vermittler der letzten Russenanleihe am Wiener Platze. Doch Taussig hat demissioniert. Allerdings. Aber die Taussigs sind geblieben. Wir wollen eine kleine Illustration dazu bieten, wie würdelos das Präsidium im Falle Taussig sich benahm. Die „Union" hatte in ihrer letzten Generalversammlung eine lendenlahme Resolution vorgeschlagen, in der nach dem Prinzip - Wasch mir den Pelz und mach ihn nicht naß — nicht einmal der Name Taussig genannt war. Aber selbst diese war dem Präsidium zu stark. Dr. Gustav Kohn, der erste Vizepräsident der Gemeinde erhob sich und sagte nach dem Protokolle folgendes: „Es kann ja strittig sein (sie), ob das Auftreten des Herrn v. Taussig (allerdings war er sein Herr) ein zweckmäßiges und nützliches gewesen sei. Es mögen auch darüber die Anschauungen geteilt sein, ob die Stellung des Ritters v. Taussig im Kultusvorstande mit der hier in Frage stehenden Transaktion vereinbar gewesen wäre. Aber ich meine doch, daß in einem Punkte ungeteilte Anschauung herrschen müsse; es ist ein allgemeiner Rechtsgrundsatz, daß niemand verurteilt werden dürfe, den man noch nicht vorher gehört habe. Man läßt sich ja sehr leicht durch das Gefühl hinreißen, aber verständige und erfahrene Menschen (wie die Taussig-Clique) sollen sich nicht allein vom Gefühle leiten lassen. Man hätte sich doch vorher über alle Nebenumstände erst gründlich informieren sollen. (Wie hoch die Kurse stehen?) Ich urteile vollkommen objektiv und lasse mich 2*