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Die Welt · 1906-09-19 · 42 (19.9.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
42 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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\To. 42 Hinter deii tönenden Phrasen sah man die Angst und die Purcht. Man konnte ihn förmlich sehen, den schlotternden „Staatsbürger", der nur ja nicht von seinem Judentum laut sprechen lassen wollte, der sich ängstlich bemühte, sich „nicht erkennen zu geben". Der jüdische Spießer glaubte ja, die Anerkennung der zionistischen Ilde werde ihn sofort um seine Rechte und sein Vermögen bringen. Nun sind aber die Befürchtungen nicht eingetroffen. Kein ieutscher Zionist ist noch wegen seiner Oberzeugung in Spandau •nterniert worden. Liebermann v. Sonnenberg forderte die Regieung keineswegs auf, die Zionisten außerhalb des Gesetzes zu teilen. Ja, der offizielle Antisemitismus des Hofpredigers Stöcker ist in der Epoche des Zionismus nicht verstärkt, vielmehr geschwächt worden. Kurz, die Welt ging nicht aus den Angeln. Dagegen sah der deutsche Jude eine täglich um sich greifende Desorganisation des jüdischen Lebens in jeder Hinsicht, Abbröckelung, Erschlaffung auf allen Gebieten. Ein Blatt nach dem andern fällt .ib, an der Wurzel nagt der Wurm. Und im Zionistenlager sah er •istige, unermüdliche Tätigkeit, Begeisterung, Zukunftsfreude. Und mancher Saulus wurde zum Paulus, mancher Gegner schloß sich den ebensvollen, arbeitenden Scharen an. . . . Man sieht es, die Liebe 11 Palästina regt sich wieder mächtig, auch unter Nichtzionisten. 'om Lande zum Volke ist nur ein Schritt, von Palästinaliebe zum 'Zionismus führt eine schmale Brücke. . . . Soll vielleicht dieses Symptom der sichtbaren Reife des zionistischen Ideals die Oberspießer unter den deutschen Juden aufgeschreckt haben? Vielleicht — jedoch kampffähig waren sie nie, \nd es auch jetzt nicht. Jeder vernünftige Mensch mußte sich loch sagen, daß Waffen, die im Kampfe gegen ein kleines Häuflein ich nicht bewährt haben, noch weniger tauglich seien, wenn man es nit einem wohlorganisierten, gerüsteten Heere zu tun hat. Schlechte Strategen, die ihre Zeit verpassen, sehen dies nicht ein. Das „liberale" Spießertum entschloß sich, noch einmal einen Sturm zu wagen — aber anstatt mit Kruppschen Kanonen fährt s wieder mit — Widder und Katapulten auf. Wir meinen den Arikel des Herrn Dr. Vogelstein über den Zionismus, der einen Sturm sui generis im jüdischen Blätterwalde entfesselte. Wir wollen ibsolut nicht auf den Artikel Dr. Vogelsteins selbst eingehen. Es >t ihm unserer Ansicht nach zu viel Ehre geschehen. Wir gaben in Jen beiden vorigen Nummern unseres Blattes einem unserer Freunde ias Wort zur Entgegnung. Er hat die Waffen der Dialektik nach sllen Regeln der Kunst mit Glanz und Witz geführt. Wir gaben iiesen Ausführungen Raum—und dachten zugleich: tant de bruit 'our une Omelette! Lohnte es sich, so viel Geist und Witz zur Sekäuipfung eines Angriffes zu verwenden, der uns nicht im minesten tangiert, der uns bis tief ins Innerste kalt läßt? Lohnte es ich, Mitrailleusen aufzupflanzen, wo noch mit Bogen und Köcher ekämpft wird? Wahrlich nicht! Der Herr Rabbiner produziert einen Artikel, bei dessen geliraubten, gewundenen Sätzen man zunächst nichts so schwer upfindet wie den Widerspruch zwischen deutschem National- ■nd deutschem Stilgefühl. Und dann der Inhalt! Herr Dr. Vogelviu hat schon von vornherein seine zionistischen Kritiker damit ^nn wollen, daß er ihre Kampfesart „persönlich-gehässig" nannte. Vahr sein mag manchmal auch grob sein. Und wahr ist, daß ■i. Vogelstein vom Zionismus nichts weiß, ihn gar nicht kennt, schweige denn versteht. Lohnt es sich nun aber, ihm erst 1 beweisen, daß er vom Wesen der nationaljüdischen Bewe- ■•uig keine Ahnung hat, daß seine Vorstellung vom „Staats- ■in'gcrtum" sich ungefähr mit den Ideen der Nationalliberalen deckt, h. in ihrer konsequenten Durchführung im Antisemitismus Sindet? Cui bono? Keine Belehrung wird bei Dr. Vogelstein >^en. An seiner aus solcher Kenntnislosigkeit geschöpften An-!u über den Zionismus aber mag uns sehr wenig gelegen sein, i'-' müssen es für kein großes Unglück halten, ihn in den Reihen ■:-;erer Gegner zu sehen. Im Gegenteil, wir könnten uns darüber 5 freuen. Denn wenn die „Führer im Streite" auf Seite unserer Gegner auf solch einer Höhe stehen, — welche Geisteshelden müssen dann die „Geführten" sein! Wir betrachten somit die Diskussion Vogelstein als erledigt. Wenn wir dennoch unserem Freunde Dr. Mühsam in dieser Angelegenheit das Wort erteilen, so geschieht es aus dem Grunde, weil er den Antrag, den er auf dem Parteitag in Hannover eingebracht hat, verteidigen und erklären will. Sein Antrag — die Gründung einer jüdischen Interessenvertretung in Deutschland — wird sicherlich innerhalb unserer eigenen Partei auf vielfachen Widerstand stoßen. Aber es muß einmal gesagt werden: Was die deutschen Zionisten nicht bemängeln, sobald es sich um Rußland oder Österreich handelt, nämlich eine nationaljüdische Politik, dürfen sie auch in Deutschland prinzipiell nicht ohne weiteres ablehnen. Hier spielen natürlich auch Motive der Opportunität und der realen Bedingungen mit. Vielleicht ist praktisch nicht durchführbar, was prinzipiell erwünscht wäre. Auf diese wichtige Frage, deren Diskussion wir bereits eröffnet haben, werden wir noch zurückkommen. Aber jedenfalls muß die» Frage offen und freimütig erörtert werden. Wir bekamen vor einigen Tagen aus Ein hebräisches Gymnasium Jaffa ein interessantes Schriftstück. Es ist das Programm eines in Jaffa zu gründenden hebräischen Gymnasiums. Es scheint, daß das Projekt aus dem Bereiche der reinen Idee in die Sphäre der Wirklichkeit eingetreten ist. An der Spitze des Unternehmens steht ein zionistisches Komitee, darunter Dr. L. Kohan, Herr M. Scheinkin und Dr. Joffe. Schon diese Tatsache beweist, welchem Geiste die Idee des Gymnasiums entsprungen ist, welchen Zweck sie verfolgt. Es ist der Zionismus, in Tat umgesetzt, es ist ein Versuch, die Idee der jüdischen Kulturrenaissance in Lebensformen zu gestalten. Wir sehen es mit jedem Tage, wie die Idee des Zionismus sich immer mehr verdichtet, immer mehr konkretisiert. Wir sehen es in Palästina. Jeder Schritt, den wir dort unternehmen, jeder Stein, der dort in die Erde gesenkt wird, ist eine nationale Tat und als solche von großer Zukunftsbedeutung. Vor einigen Jahren wogte und tobte der Kulturstreit im Zionismus. Alle wollten ja dasselbe, aber nicht alle waren sich über die Mittel klar. Alle sehnten sich nach einer Weiterbildung der Judentums, nach einer Möglichkeit, sich jüdisch auszuleben. Aber viele glaubten, dieses Ziel auch im Golus erlangen zu können. Es waren große weitblickende Versuche, es waren kleinliche, engherzige — wir erinnern nur an die Propaganda der unentwegten Jargonfreunde und Verherrlicher der Ghettokultur — aber das Meiste scheiterte. Es kam die Revolution in Rußland und zerstörte alle Träume — und bei der näheren Betrachtung der Frage der Kulturautonomie in den Ländern der Diaspora kam man von selbst auf die große Schwierigkeit, die darin geborgen ist. Die Zeit hat die Wege der jüdischen Kulturrenaissance gezeigt. Wie die nationale, körperliche Renaissance der Juden nur in Palästina möglich ist, so ist es auch die geistige. Dort wird die jüdische Kultur aufblühen können, ungehemmt, befruchtet und befruchtend. Dort ist die hebräische Sprache eine natürliche Sprache, die jüdische Tradition eine lebende . . . Jüdische Kmder in Palästina erzogen, Zöglinge eines hebräischen Gymnasiums, moderne Menschen, die hebräisch denken, in dieser Sprache schaffen, die keine andere Sprache als Umgangssprache gebrauchen, — welch ein schöner Traum! Die hebräischen Schriftsteller von heute sind doch an ihr Milieu gebunden, Produkte ihrer Erziehung. Alle denken sie nicht hebräisch. Ihre Umgangssprache ist Jargon, Russisch,^ Polnisch oder irgend eine andere Sprache. Wenn Berschadski z, B. Hebräisch schreibt, sieht man in jeder Zeile den ursprünglich russischen Satzbau. Die moderne hebräische Sprache, die aus dem sprachlich unschätzbaren Jungbrunnen des Talmuds schöpft, ist reich genug, um allen Anforderungen des Gedankens zu entsprechen. Und darum ist der Gedanke eines 2 DIEI^ELT

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