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Die Welt · 1906-09-19 · 42 (19.9.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
42 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Und Mr. Sulzberger delektiert sich daran und erklärt in London beim „Dinner" der „Jewish Literary Societies", daß dies auch Literatur ist. Es ist eben alles zusammen. Man tut gut und schlecht, man ist reformatorisch und konservativ, national und assimilatorisch, man ist zu gleicher Zeit begeisterungsvoll und überdrüssig. Ja, man wird umhergewirbelt, weil man keinen eigenen Boden hat und keinen Zentral-Volksgedanken. Aber es kommen immer neue Partien: Lloyd und Cunard wetteifern, um große Massen hinüberzubefördern. Schon zählt die jüdische Bevölkerung New Yorks 700000 Seelen, und neue Massen schnüren ihre Bündel in Odessa und in Libau und gehen an Bord. Bald wird eine Kehilla entstehen, wie sie in neuerer Zeit noch nicht existiert hat: eine Million-Kehilla. Bei dem Gedanken daran spüren manche reiche Juden schon eine Gänsehaut über dem Rücken. Die „Down-town" wird noch enger werden, — über die Dachstuben kommen noch Giebelstuben, und man wird vielleicht in Schornsteinen wohnen müssen. Die Keller sind schon tief genug; man spürt schon Wasser unter den Füßen. Und dann werden neue Jargonblätter gegründet, und schon wird jeder zweite Mensch im Tramwagen vor sich ein Jargonblatt halten. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, existieren schon lange dezentralisierende Maschinen, die „Removal- Committees" heißen. Man beeinflußt die Massen, man predigt, man veröffentlicht Aufrufe, man teilt Unterstützungen aus, damit die Leute nach dem „far Westu, nach kleinen, fernen Orten auseinandergehen. Aber es ist sehr oft verlorene Liebesmühe. Das Ghetto ist schon zusammengefügt und geleimt; es besitzt schon eine Widerstandskraft, die unüberwindlich ist. Das künstliche Auseinanderstreuen steht im Widerspruch mit der schnurgeraden Denkweise des einzelnen Juden. Und der Jude ist doch nur ein Einzeldenker. Er ist froh, wenn er etwas Sicheres hat, von dem aus er weiterbauen kann. Es kommt ihm halb despotisch, halb lächerlich vor, daß ein reicher Jude ihm den Rat erteilt, fortzuziehen. Zuweilen betrachtet er es als einen Gewaltversuch, denn er fragt: Warum bist du, mein Bruder, hier sitzen geblieben? Warum willst du mich umhertreiben? Ja, du bist ein ehrenwerter, aber satter und selbstzufriedener Philanthrop. Du verstehst mich nicht. Doch ziehen manche fort, — und es ist ein gutes Werk. Vielleicht ein gutes ökonomisches, auf den Augenblicksnutzen berechnetes Werk. Politisch — ist es unbedingt besser, daß die Juden in großen Massen zusammenleben. Sie gewinnen ein Sicherheitsgefühl, sie kriegen Selbstachtung, und man muß mit ihnen rechnen. Man muß ihre Interessen schonen, man muß auch manchmal um ihre Gunst werben. Die Umgebung kann sie nicht verschlingen; die Portion ist zu groß. Sie bilden ein gewisses Milieu. Dieses ist in Amerika nicht besonders sympathisch: es ist ein Jargon in höchster Potenz, nicht nur in Bezug auf Sprache, sondern auch auf die Sitten der zusammengewürfelten Elemente, ein heilloser Mischmasch, eine Auflösung der alten Traditionen, eine Zerstörung des Blütenschmelzes der intellektuellen und seelischen Ghetto-Romantik, ein Niedergang des Hebraismus, ein parvenüartiger, sich spreizender und lärmender Humbuggeist, ein hohles, am harez'sches, aufgebauschtes Wesen; aber es ist doch ein Etwas, aus dem sich die jüdische Eigenart mit der Zeit herausarbeiten wird. Aber die Diaspora hat ihre Gesetze, und wollen sich die Juden zusammenhäufen, flugs fällt ein Schlag auf den Kopf: Auseinander, Juden! „Rasojditjes", — wie der russische Polizist zu brüllen gewohnt ist. Das Zusammenhäufen ist verderblich, Brot wird fehlen und — dann der Antisemitismus! Träge drang der „Auseinander-Ruf" durch die Großstadtschwüle. Im Lande der Barnums geht es nicht mit leisen Anregungen. Man muß also Ausstellungen veranstalten, Removal-Ausstellungen. Die Ausstellung macht es den jüdischen Einwanderern anschaulich, wo Juden in Amerika leben und wie sie leben, in welchen Berufen sie beschäftigt sind und wo Platz für sie vorhanden ist. In 1100 Städten leben die Juden in Amerika, und in 168 Städten beträgt ihre Zahl nicht weniger als 2500 Seelen. Es werden die Berufe geführt, die Anstalten und Organisationen, die von Juden gegründet worden sind, die Lebensbedingungen, die Kosten der Lebensmittel, die Abbildungen von Wohnhäuser-Typen. Dann werden die 886 Städte vorgeführt, nach denen die Removal-Office Juden aus New-York beförderte, die Liste der jüdischen Farmen in 25 Staaten, meistenteils durch die Jewish Agricultural Aid Society gegründet. Woodbine in New-Jersey wird als eine musterhafte jüdische Kehilla vorgeführt. Außer Bildern werden Broschüren verteilt und populäre Vorträge gehalten. Eine edle, wohltätige Riesenreklame für die Removal- Office. Man muß das harte Brot der Fremde essen, und um es zu finden, muß man auseinandergehen. Nichts hat den Goluth so plastisch veranschaulicht wie die Removal-Ausstellung. Der philanthropische Goluth. N. Sokolow. POLITISCHE REVUE Es wollte beinahe scheinen, Tant de bruit pour une Omelette! daß die deutsche Juden. heit, insofern sie noch überhaupt mit dem Judentum etwas zu tun hat, sich in die Idee hineingefunden hat, daß das jüdische Volk selbständig, frei auf dem eigenen, traditionellen Boden werden muß. Der Kampf gegen den Zionismus, der früher in sehr heftiger Weise geführt wurde, war nun beinahe aufgegeben. Zionisten und Assimilanten gingen ihre eigenen Wege, ohne sich zu berühren. Denn im Grunde war die Gegnerschaft gegen den Zionismus meistens nicht prinzipieller Natur, entsprang nicht einer eigenen, bewußten Auffassung des Judentums. Hier kämpften nicht zwei religiöse Strömungen, wie seinerzeit der Talmudismus und der Antitalmudismus, hier stießen nicht aufeinander zwei Weltauffassungen, wie sie sich gewissermaßen im Kampfe der Orthodoxen und Reformer in Deutschland widerspiegelten. Die wenigsten Gegner des Zionismus hatten dem Ideale der Renaissance des jüdischen Volkes etwas anderes entgegenzusetzen, als einige abgedroschene Phrasen aus dem Yademecum des Liberalismus, einige flache und schale Sentenzen von Humanität Mission und dgl. Dinge mehr, unter denen sich jetzt kein Mensch was denken kann.

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