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Die Welt · 1906-09-19 · 42 (19.9.1906) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
42 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEIN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, i9. Oktober 1906 p-nr6 Tbnn'tf ntcn "b No. 42. AMERIKANA Mit komisch verschnörkelten, metergroßen Lettern steht zu lesen: Exhibition. Es ist auf dem ersten Stock des Educational Alliance-Gebäudes, Ecke Bast Broadway und Jefferson Street, New York. Hier ist der Erziehungsverein, der bestrebt ist, Juden zu amerikanisieren. Es ist die Werkstätte eines rastlos schaffenden und eigensinnig ein ins Auge gefaßtes Ziel verfolgenden Geistes. Steinreiche Juden geben das Geld her, um die Neuangekommenen zu unterrichten. Bärtige, patriarchalische Gestalten werden hier gelehrt „Brot" nicht „Broid", wie sie es gewohnt sind, sondern „Bread" zu nennen. Es ist nicht so leicht mit den jüdischen Massen. Starrköpfe sind sie und lassen sich davon nicht abhalten, „Broid" zu sagen, s zu schreiben und sogar zu drucken. Es ist geradezu ein Skandal, wieviel Jüdisch gedruckt wird. Mr. Cyrus Sulzberger sagte mir, daß so viele Leute mit Jargonblättern in der Hand in New York lesend herumgehen und in den Bisenbahn- und Tramwagen herumsitzen, daß es den Anschein hat, daß jeder dritte Mensch in New York eine Jargonzeitung liest. Und es liest sie auch Mr. Cyrus Sulzberger, und es liest sie auch Professor Loeb, der Schwager des Mr. Jacob Schiff, und wer weiß, ob nicht auch Mr. Jacob Schiff in höchsteigener Person diese Blätter liest. Das ist die Kraft der Tatsachen. Man will den Separatismus ausrotten, aber man muß doch mit ihm rechnen. Man muß sogar Jargonblätter gründen, um amerikanische Ideen zu verbreiten. Es existiert ein Blatt „Der Amerikaner", ein Wochenblatt, in dem die Geschichte der Vereinigten Staaten in Fortsetzungen erscheint. Um es appetitlich zu machen, hat das Blatt neben der Geschichte der Vereinigten Staaten eine humoristische Rubrik, wo die Witze Schaike Feifers aus Wilna erzählt werden. Aber eine schwere Arbeit ist es mit diesen Massen, denn es handelt sich nicht nur um eine richtige Aussprache des Wortes „Bread", sondern auch um das Verdienen des „Bread". Die Freiheit ist da, — was soll man nun anfangen mit dieser Freiheit? Die Massen kommen in einem furchtbaren Zustande aus den Ghetto- Katakomben. Sie geraten in eine Welt hinein, die sie nicht kennen und in die sie nicht so schnell hineinpassen werden. Ein hastiges Treiben und Rauschen, Schwirren und Sausen, Legionen, organisierte Legionen von Kampf- und Tatmenschen auf der heißen Arena des Lebens. Nur im Ghetto, im neuen Ghetto, sieht es traulich und anheimelnd aus. Not, bittere Not, aber wenigstens hat man dort eine Gesellschaft, in der man sich aussprechen kann. Man strömt also hin. Gehärtet und gestählt in einem Leben voll Leiden und Entbehrung, will man mit einem Stück Brot fürlieb nehmen. Aber der Hunger quält, und man geht, -um sich einige Ratschläge zu holen von der Philanthropie. Der „Grüne" kommt ins Bureau. Der fremde Jude wird von dem eingebürgerten Juden geschulmeistert, der „newcomer" von dem vor Jahren angekommenen. Letzterer setzt zuweilen eine spöttische Miene auf. Er verlangt Dokumente, er stellt Fragen wie ein Bureaukrat, wie ein papierener Kerl. Er hat schon das Volkstümliche vergessen, das Wirre, das Unbestimmbare des elenden Lebens. Dsr Bittsteller scheint tückisch und störrig, denn er antwortet nicht klar; er weiß nicht einmal, welche Profession er betreibt. Es sind keine niedrigen Motive, die die Philanthropie leiten. Ohne ein bischen Charlatanismus geht's nicht, aber schließlich sitzen doch da viele gute,edle,zartfühlende Menschen, deren Sinn nicht kleinlich und deren Herz gar nicht eng ist. Man will dem Armen helfen, und man hilft ihm auch in vielen Fällen. Man wartet nicht, bis die Armen kommen, man hält nach ihnen Umschau. Man weiß, daß die Philantropie ein sehr großes, unheilbar leckes Faß ist, — aber es ist nichts anderes zu machen. Man sorgt ganz besonders für die heranwachsende Generation; man sorgt, nach amerikanischer Art, praktisch und direkt, also fast ausschließlich durch Elementarunterricht. Die kleinen Jüdelchen werden so schnell zu kühnen, tollfreien, amerikanischen Buben. Die Umgebung macht es, die Lebensbedingungen machen es, — die Educational Alliance hilft nach. Manchmal erfaßt einen Ghetto-Juden ein nagendes Heimweh, ein Heimweh nach den jüdischen Kindern, wie er gewohnt war, sie zu sehen. Und ein Jüdchen, das Morris Rosenfeld oder David Pinski heißt, gibt diesem Empfinden einen dichterischen Ausdruck, und zum Trotz im Jargon. j

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