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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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von Jerusalem und Jaffa, dann die Export-Akademie die besten Auskünfte geben könnten." — Kein Zweifel, daß wir aus dem, was aridere wollen, lernen können, was wir sollen. * In aller Stille hat sich ein Ereignis vollzogen, daß allerdings zunächst nur lokale Bedeutung hat, nämlich die Konstituierung der Bezirksvertretung der Leopoldstadt. Sie hat nämlich seit den letzten Wahlen eine christlich-soziale Majorität. Damit ist die letzte Säule der liberalen Herrschaft in Wien gefallen, da die Leopoldstadt der einzige Bezirk war, der bis zu den letzten Wahlen noch eine liberale Mehrheit hatte. Ohne dieses Ereignis zu überschätzen, verdient es doch eine eingehendere Würdigung. Denn es zeigt schlagend die völlige Unfähigkeit und Borniertheit der Wiener Liberalen. Wenn sie nicht einmal einen Bezirk, der zu einem Drittel von Juden bewohnt wird, gegen die Christlichsozialen halten können, so beweist es, daß ihre werbende Kraft so groß ist, daß sie sich nur auf die Juden beschränkt; ihre arischen Anhänger kann man an den Fingern abzählen. Gewöhnlich sind es nur die• aufgestellten Kandidaten, und die nur auf die Zeit ihrer Kandidatur oder ihres Mandates. Die große Masse der Juden erträgt die sich immer mehr befestigende Herrschaft der Christlichsozialen mit großem Gleichmut oder, um mich wienerisch auszudrücken, mit dem Gefühle von „Wurstigkeit". Denn von der früheren liberalen Herrschaft hatten nur eine Reihe von Geschäftspolitikern und assimilatorischen Strebern persönliche Vorteile, die jüdische Masse war ebenso zurückgesetzt wie heute. Deshalb kann man die Ekrasierung der Liberalen als einen notwendigen Reinigungsprozeß begrüßen. Keiner von ihnen hat jemals ein Herz für das immer mehr zunehmende Proletariat der Leopoldstadt oder der Brigittenau bewiesen, keiner von ihnen den Mut gehabt, für jüdische allgemeine Interessen einzutreten. Wenn der Antisemitismus heute eine solche Macht in Wien geworden ist, so verdankt er seine Erfolge sicher nicht so sehr seinem Programme oder der Tüchtigkeit seiner Führer, sondern vielmehr der Korruption und der Beschränktheit der Liberalen. Von ihnen gilt: de illis mortuis nil nisi malum. L. B. J. o O .. o ITH □ □□□□ FEUILLETON □ □□□□DJ) O DER STEIN Skizze Ein buntes, lustiges Treiben entwickelt sich im Hofe des Reb Kiwa Cohnschen Hauses in P. zwischen Jom-Kippur und Sukkoth. Der Hof füllt sich mit Gerüsten und Gestellen. Braunes Laub liegt in muffigen Massen zusammengeballt, darunter sind rötliche Stümpfe und dürre Zweige von Weidenbäumen mit spärlichen Blättern. Die Sukkoth werden mit geschäftiger Hand gezimmert. Jung-Israel schleppt die Bretter heran, schwingt sich auf die Dächer, flattert, schwirrt und wirbelt auf die gelbbelaubten Zweige und Eichenäste, deren Nadeln in grünlichem Goldton schimmern. Es kribbelt und krabbelt ringsum, und die Altern erteilen die Befehle mit Autorität. Onkel Kiwa nickt zustimmend, im königlichen Stolz einherschreitend -— ein Weltbaumeister. Und Tante Zirel überschaut den Bauplatz und strahlt vor Hausfrauenfreude. Eine ganze Reihe von Sukkoth. Die Reb Kiwa'sche in Gala. Reb Kiwa war ein „Gwir" und seine Sukkah war fertig — nur auszuschmücken war sie noch. Ich liebte nicht das Stereotype; es war nichts dabei zu machen. Sie stand da und mußte da sein. Die andern waren richtige Sukkoth. Sie schössen aus dem Boden zum Sukkoth-feste hervor — wie Blumen, Spätblumen. Im Winkel, gegen die Hintergasse, stand eine kleine Sukkah. Sie war löcherig und voll kahler Stellen. Sie gehörte Reb Awrehmel. Sie war gebückt wie er, blaß und dünn wie er, sie hatte schier auch rötlich umränderte Augen wie er — denn ihre zwei Fenster mit roten Papierscheiben kamen mir wie Reb Awrehmels Augen vor. Sie hatte etwas Einsames, ließ sich nicht in die Reihe der Sukkoth hineinquetschen — ganz wie Reb Awrehmel. Denn Reb Awrehmel war ein einsamer Mensch. Und die kleine Sukkah war von einer hohen Mauer aus der Hintergasse überragt. Dort wohnten christliche Handwerker. Man war mehr den Blicken der Nachbarn preisgegeben. Irgend ein Schusterjunge lugte oft durch ein Loch in der Wand oder schaute vom Fenster der Mauer hinunter. Man konnte hören, wie er dort lachte: „Die Juden schlagen schon ihre Holzbuden zusammen." Es gab dabei viele kleine, neckische Abenteuer. Ich sah zu, wie Reb Awrehmel mit seiner rührenden Hilflosigkeit den ersten Pfahl unmittelbar nach dem „Anbeißen", am Motze-Jom-Kippur in den Boden schlug. Seine Lippen flüsterten geheimnisvoll einen hebräischen Spruch. Er sah vergeistigt, leiderlöst, sieghaft aus — das Siegesbewußtsein des überstandenen Fasttages. Er trug noch das faltenreiche, lange Gewand von schwarzem Atlasstoff und auf dem Kopfe die Sammetinütze. Am nächsten Tag war er schon in der Alltagstracht. Er war niedergedrückt von der Sorge um das tägliche Brot. Man sagte, er sei sehr gelehrt, er wolle nicht Rabbiner werden, weil er von der Thora kein Geschäft machen will, und Melamed könne er nicht werden weil er „eine schwache Brust** hat. Er hatte viele Kinder. Am Erew Sukkoth „vor Schul" war Reb Awrehmels Sukkah kaum fertig. Ich sah ihn, als er Weidenäste in die Sukkah hineintrug. Seine Augen leuchteten gar wunderbar, und auf den Lippen war ein verzücktes Lächeln. Und ich belauschte Reb Awrehmel, als er in seinen Tempel trat, sofort „nach Schul". Seine Kinder trippelten hin und her, und sie redeten leise miteinander. Er war ihnen Vater und Mutter, denn seine Frau war gestorben. Das älteste Töchterchen, ein bleichsüchtiges Geschöpf, besorgte die Hausfraupflichten. Sie war graziös, hatte ein leidend-süßes Gesichtchen und hieß Täubel. Er kam, sagte leise: „Gut Jom-Tow!" und segnete die Kinderchen. Ich hatte den Eindruck, daß die Kinder leise weinten. Aber er v/einte nicht. Er setzte sich obenauf und begann zu beten. Er öffnete den Nehora-Siddur, sann vor sich hin und begann die „Uschpisin" klagend-sehnsuchtsvoll herzusagen. In der Mitte der Sukkah hing der Leuchter aus glitzerndem Messing mit flimmernden Annen. Er hatte ihn selber gesäubert und selber „Licht gebenscht". Der Leuchter hatte eine runde Kugel, in der sich das Licht der Kerzen in rosenroten und tiefblauen Farben brach. Es war ein Erbstück vom Urgroßvater, der ein Wunderrabbi war. Durch den „S'chach", der, wie ein großmaschiges Netz, stellenweise absichtlich gelockert, über die Sukkah ausgebreitet war, schimmerte im matten Mondschein die bläulich-graue Mauer, in der die christlichen Schuster wohnten, gespenstisch. Aber von innen waren der „S'chach" und die von ihm herabhängenden Sträußchen himmlsich-prächtig. So oft der Wind vorübersäuselte, erschienen die wenigen Pappelbaurnblätterganz wundersam. Sie schlangen sich um den gelben Messing-Abglanz des Hängeieuchters wie grüne Schleifen in einem Gewand von Gold. Und wenn das Licht von den benachbarten Sukkoth durch das Rosapapier der Fenster flutete, ruhte ein flimmernder, weißgoldiger Schimmer auf den kahlen Bretterwänden und übergoß die zarten Gesichtchen der Kinder mit einer sanften Purpurfarbe, zart gesprenkelt, mit einer Nuance von Mai-Grün, die von den Fichtennadeln herunterschimmerte. An einer Wand, wo Reb Awrehmel saß, waren die „ Arbash-Minim" angebunden und die Sukkah war voll Myrtenblütenluft. Die Farben und die Düfte hüpften über die Chaloth-Decke in wilden Verschlingungen. Über Reb Awrehmels Kopf hingen vom S'chach einige Pflanzen stümpfe herab. Sie waren grün mit rötlichen Tupfen, und sahen wie goldschimmernde Ähren aus. Und Töne stiegen aus der schwachen Brust empor. Sie klagen, sie singen, sie jauchzen: Asamen lisdas uschpisi iloin — ich lade zu meiner Mahlzeit die hohen Gäste: Abraham, Isac, Jakob, Mosche, Aharon, Joseph und David! Er erbebt vom Kopf bis zu den Füßen in grausigem Entzücken. Er betet schluchzend und süß: B'muti minoch Awrohom Uschpiso iloi — ich flehe dich, Abraham, hoher Gast! Zu mir, in meine arme Hütte, komme du, mein Fürst! Meine Gebete sollen dich aus den Tiefen herauf bringen. Braawo d'rawin — in glühender Andacht erhebe ich meine Hände zu dir, mein Patriarch! Und der Patriarch erscheint in gedämpftem, bräunlichem Gold, ton, wie ein König. — Er ronn hinein wie Tau und Duft durch das Laubnetz. Das Gebet wogt in sanftem Rythmus: B'muti minoch, Itz-

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