Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 41 DIE] er es liebte. Wird man es hier verstehen, daß Reb Isroel ein Goi und zugleich ein „ehrlicher Jude" war? Er war jüdischer Oberzensor bei der Preßbehörde in Petersburg. Vor 25 Jahren ließ er sich taufen, — wahrscheinlich zwischen Mincha und Maariu. Mincha noch als Jude gebetet und Maariu schon als Christ. Daß Reb Isroel Landau nie „trefa" gegessen hat, — steht fest. Er konnte es nicht über sich gewinnen. Im Innersten war er ein „Chassid" geblieben: ein Lubawitscher. Und niemand kannte Reb Lejwi Itzchoks, des Berditschewers, des K'duschath-Lew'is „Thoras" — wie er. Ja, den sollten siegehört haben, Freund Martin Buber, wie er „Thoras" erzählte! Er besaß ein eigenhändiges Schreiben aus guter alter Zeit, von Reb Mendele Lubawitscher an ihn gerichtet — eine Art Morenu- Diplom in tief dunklem Chabad (-Qn)~Stil geschrieben. Vor einigen Jahren erfuhren die Petersburger Lubawitscher Chassidim, daß sich eine solche Reliquie in solchen Händen befände. Man bot ihm Tausende für die Auslieferung dieses Autographs an. Er wies das Angebot barsch zurück. Nach einiger Zeit gab er es den Chassidim ohne jegliches Interesse. Ich kannte ihn seit vielen Jahren. Die ganze jüdische Presse stand unter seiner Zensur-Oberaufsicht, und er schützte sie gegen die Launen der russischen Willkür, soviel er konnte. Ich veröffentlichte einmal ein furchtbar zensurwidriges Feuilleton. Einige Tage P^ELT "= 15 darauf erhielt ich einen Brief von Landau: ich müßte eigentlich einschreiten, aber das Feuilleton war zu gut geschrieben. Er war selbst einer der besten Hebraisten. Ein alter Jude, der wie eine ganze Kehille ausgesehen, der „jüdisch" sprach, wie es Abramowitsch zu schreiben versteht, mit großem talmudischem Wissen, zirkulierte als russischer Beamter zwischen der „Preßbehörde" und dem „Zensur-Komitee" und hatte die Pflicht, für die Behörden Referate zu schreiben, und das Vergnügen, mit hebräischen Schriftstellern zu korrespondieren. Warum ließ er sich taufen? Mir und sonstigen Bekannten spiegelte er ein neues Christentum vor: einen Mischmasch von Ethik, Rationalismus und Chassidismus. Im Grunde war er religiös. Er lebte auch gewohnheitsmäßig rituell und fühlte national-jüdisch. Nur einem Freunde sagte er einst: Du weißt nicht, was es heißt, Winternächte in Petersburg obdachlos in den Straßen wie ein Hund zuzubringen. Todmüde und halb erfroren wollte ich mich auf das Bänkchen eines „Duorniks" setzen, — da wurde ich verhaftet. Am nächsten Tage bemühte er sich um einen „Taufschein". Er träumte von einer Rückkehr zum Judentum und von einer Auswanderung nach Palästina. Aber inzwischen wird man alt, und 7 pmn stirbt. '< l Ein moderner Marrane. N. S. WIENER BRIEF Eigentümlich muß es einen berühren, wenn Zionisten darüber debattieren, ob und inwieweit man in Palästina kolonisieren dürfe, und anderseits „Das Vaterland",j# das Organ der österreichischen Bischöfe, in seinem Leitartikel „Österreichische Niederlassungen im Heiligen Lande" vom 25. v. M. durch einen Fachmann ernsthaft den Plan einer österreichischen Kolonisation in Palästina erörtern läßt. Österreich ist in Palästina durch das gut geleitete österreichischungarische Hospiz, durch die Niederlassung der Barmherzigen Brüder bei Bethlehem, und durch ein Nonnenkloster bei Jerusalem vertreten. Der Artikel, der auch sonst interessante wirtschaftliche Streiflichter enthält, sei auszugsweise wiedergegeben, v. Himmel, der Verfasser, schreibt: „Sehr notwendig ist die Gründung einer Au gen he ilstätte, in Verbindung mit einer Blindenversorgungsanstalt, dann die Errichtung eines auch von der türkischen Regierung sehr erwünschten Infektionsspitales. Im allgemeinen wäre zu bemerken, daß die Grundpreise in Jerusalem sehr hohe sind, dagegen in der Peripherie und unterhalb der Stadt noch viele Gründe zu günstigen Preisen erhältlich wären. Auf eine staatliche Unterstützung wäre nur bei der Beschaffung von Bauplätzen für ein Infektionsspital zu rechnen", v. Himmel strebt natürlich an, daß diese Spitäler durch katholische Orden errichtet werden. Wir glauben aber, daß es vor allem Pflicht der Juden ist, diese Anstalten zu gründen. Noch mehr gilt dies von dem Plane einer größeren Kolonisation, auf die wir nachdrücklich das Augenmerk der Zionisten lenken, v. Himmel sagt: „Von höchster Bedeutung für die wirtschaftlichen Interessen des Heiligen Landes, aber auch für das Ansehen des Staates, der eine solche Aktion einleitet, sind landwirtschaftliche Ansiedlungen, die allmählich zur Formung ganzer Dörfer, zur Kultivierung riesiger Landstrecken führen könnten. Allerdings wird man in erster Linie auf Bodenbeschaffenheit und klimatische Verhältnisse Rücksicht nehmen müssen. Große landwirtschaftliche Betriebe bedürfen der Ebene und meiden steiniges, karstähnliches Hügel- und Bergland, als das sich das Innere Palästinas darstellt. Auch die besonderen klimatischen Verhältnisse Palästinas, namentlich seine merkwürdige Jordanspalte, deren Tiefe unter dem Meeresniveau subtropische Verhältnisse erzeugt, weisen auf den bis Ägypten reichenden kolossalen Küstenstreifen, als dessen natürliches Zentrum Gaza bezeichnet werden kann. Ungeheure Landstrecken harren dort der erlösenden Hände, die mit Pflugscharen die reichsten Bodenschätze erringen würden, und ist die Annahme der Geologen richtig, daß dort reiche unterirdische Wasseradern dem Meere zuströmen, so enthüllen sich dem Geiste die Linien einer Kulturarbeit geradezu großartigen Charakters. Ein Netz durch Windmotoren nahezu kostenlos betriebener Brunnen und Zisternenanlagen könnte selbst der Sandvvüste kolossale Strecken entreißen und blühende Palmenhaine, ausgedehnte Orangenwälder und wogende Saatenfelder würden dem Boden entsprießen, den heute die Lebensstrahlen der Sonne nutzlos bescheinen. Die wirtschaftliche Zukunft Palästinas ruht im Boden seiner Küstenländer und dort winkt die Palme großer Kulturtaten." v. Himmel will natürlich den Mönchsorden, den Benediktinern, Trappisten und Olivetanern die Rolle der Kulturbringer zuweisen; ich halte es aber für eine selbstverständliche Pflicht der zionistischen Organisation, das Gazaprojekt einem gründlichen Studium zu unterwerfen. Unsere Konsulen mögen sehen, daß es nicht von uns heiße: Roma deliberante, Saguntum — transiit ad alios. So sehr Himmel das Kolonisationsprojekt preist, so sehr rät er von der Einwanderung jener ab, die als Mägde, Köchinnen, Stubenmädchen, Kinderfrauen, Wäscherinnen, Näherinnen u. dergl., ferner als Taglöhner, Handwerker oder mit Bauernarbeit ihren Lebensunterhalt erwerben wollen. Er sagt: Vor allem sei daran erinnert, daß die außerordentliche Bedürfnislosigkeit der einheimischen Bevölkerung niedere Löhne zur Folge hat und nur besonders tüchtige Kräfte auf höheren Lohn rechnen können. Europäische Dienstleute finden nur bei Angehörigen der europäischen Kolonie Stellung, und auch da begegnen sie einer Konkurrenz, weil die christlichen Erziehungsinstitute arabische Mädchen für bessere Posten heranbilden. Die deutschen Familien sind meist protestantisch, die französischen und englischen ziehen Dienstiente ihrer Nation vor, so daß auch da wenig Aussicht auf ein namentlich dauerndes Unterkommen ist. Ein Dienst in Hotels dürfte den meisten nicht entsprechen, erheischt auch besondere Sprachkenntnisse; an ein Allerhieben in einer mohamedanischen Stadt darf eine Frau wohl nicht denken. Männer können die Konkurrenz mit den sehr billigen und bedürfnislosen Einheimischen nicht aufnehmen. Die städtischen Einheimischen haben sich auch in allen Handwerken eine große Brauchbarkeit erworben. Überdies besitzen die Einheimischen eine Arbeitsfähigkeit und eine physische Widerstandskraft, die jene der europäischen Arbeiter weit übertrifft. Handwerke und Gewerbe aller Art werden von den Einheimischen und auch von den zahllosen Juden europäischeer Herkunft betrieben, und es ergibt sich da selten eine Lücke, die ein katholischer europäischer Arbeiter auf die Dauer auszufüllen vermöchte. Es ist nun jener zu gedenken, die auf Grund eigener Mittel für längere oder Lebenszeit sich im Heiligen Lande ansiedeln wollen. Selbst bei den allerbescheidensten Ansprüchen wäre der selbständige Haushalt einer einzelnen Person kaum mit weniger als 1000 Kronen im Jahre zu bestreiten." Was die Niederlassung von Firmen und Erwerbsgenossenschaften betrifft, sagt v.Himmel: „Alle Produktionszweige, die den Bedarf der einheimischen Bevölkerung zu decken haben, sind in den Händen der Einheimischen; der Handel wird von einheimischen Firmen — namentlich auch jüdischen — betrieben. Große Firmen, meist Z vveigniederlassungen deutscher, französischer und englischer Häuser nehmen an Import und Export teil, während Baiikfirmen wie Credit Lyonnais, Deutsche Palästinabank etc. an der Regelung des Geldverkehrs beteiligt sind. So sehr erwünscht es wäre, wenn österreichische Firmen, dank der außerordentlichen Stellung des Österreichischen Lloyd im Orient, in erhöhtem Maße am Handel Palästinas mitwirkten, so ist doch anzunehmen, daß nur bedeutende, sehr kapitalkräftige Firmen nach genauestem Studium der Markt- und Ortsverhältnisse auf Erfolge rechnen könnten, über deren Chancen die k. k. Konsulate