Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Garantien als gegeben erachte. Dieser Beschluß hat in dem Vorbehalt zu 3 Ziffer 22 des Memorandums seine Formulierung* gefunden. Die Organisation ist demnach gegenüber dem früherer? Entwurf wesentlich vereinfacht worden. Nun noch ein Wort zum Schluß: Wir quälen uns jetzt schon fünf Jahre, um den Nationalfonds auf eine rechtlich-sichere Grundlage zu stellen. Der Plan Bentwicrr ist schon von der 1. Kommission verworfen worden, wie sich aus dem Kongreßprotokoll ergibt. Die entgegengesetzte Behauptung; Bentwichs ist hinfällig. Alle Sachverständige haben sich gegen diesen Plan ausgesprochen. Eine neue Erörterung und Prüfung desselben würde nur eine Verzögerung der Legalisierung bedeuten, ohne daß man zu einem anderen prinzipiellen Ergebnis kommen könnte. Jede Verzögerung bringt dem Nationalfonds unabsehbaren Schaden. Bis jetzt konnten keine Legate, nicht einmal Schenkungen in größerem Betrage mit rechtlich-verbindlicher Kraft an den Nationalfonds erfolgen. Die Schwierigkeiten innerhalb der zionistischen Bewegung lassen es als gefährlich erscheinen, einen so bedeutenden Fonds ohne eine Rechtsgrundlage zu lassen. Wir müssen endlich diesem Zustande ein Ende machen, und wenn dem Plane der Kommission keine ernstlichen Bedenken entgegenstehen, und solche sind auch nicht von Herrn Bentwich vorgebracht, so sehe ich nicht ein, weshalb man wegen eines kleinen Schönheitsfehlers, welcher in dem Zusätze „Limited" besteht, es unterlassen sollte, den Nationalfonds auf eine gesunde Rechtsgrundlage zu stellen, auf welcher er den vom Kongreß vorgeschriebenen Zwecken dienen kann. Ich proponiere Ihnen also den Vorschlag der Kommission als eine brauchbare Rechtsgrundlage des Nationalfonds, und die Bildung einer Kommission, welche auf dieser Grundlage der Jahreskonferenz spezielle Abänderungsvorschläge bezüglich des Memorandums und der Statuten unterbreitet. Das vorgeschlagene Prinzip bitte ich aber jetzt schon durch Ihre Zustimmung zu sanktionieren. Aus meinem Notizbuch Als ich meinem frommen Freunde sagte, daß ich am heurigen Sukkoth Lulaw und Esrog schmerzlich vermisse, lächelte er devot: er könnte mir welche zum Benschen schicken. Auch könnte er mir eine Predigt wiederholen, was mit dem Esrog „gemeint" ist. Leider fehlt aber dazu die nötige Voraussetzung: ich Habe gar keine4 Neigung zum Symbolisieren. Ich habe furchtbar prosaische Augen1 und sehe Herrn Isidor Silberstein nur als Herrn Isidor Silberstein, nicht als „Israel". Und wenn Herr Isidor Silberstein mit Lulaw und Esroy einherschreitet, so ist er für mich ein Palästinajude. Es hilft nichts, daß ein Allegoriker sich dieser Sache in poetischer Form entledigen will. Man möchte aus mir eine Metapher inachen, eine schöne Metapher: Israel, mit dem Öle der Gottseligkeit gesalbt, um mich lebendig zu begraben. Und aus Palästina wollte man eine Metapher machen. Da kommt das Ritual und bringt eine scharfe Linie hinein: etwas ganz Konkretes, Zweige und Früchte. Was „meint man damit"? Lieber Freund, — was „meint" deine Existenz? Vor allem - - etwas Lebendiges und Reelles, und dann dichtet Symbole, soviel ihr wollet! Es ist doch am Ende eine Phrasenspielerei. Man muß etwas sein, und dann kann man auch etwas bedeuten. Über einen toten Löwen lassen sich schöne Worte sagen, doch ist, wie die hebräische Parabel sagt, ein lebendiger Hund vorzuziehen. Der Esrog ist etwas anschaulich Palästinensisches und der hebräische Spruch etwas hörbar Jüdisches. Es sind Wirklichkeitsdinge und: keine Träume. Nicht daß die Frucht rund ist und daß die „vier Gattungen" Harmonie bedeuten. Auch eine Kartoffel ist rund, und symbolisieren könnte man auch marinierte Heringe. Es fehlt auch nie an Phrasen, denn für das hohle Poetisieren ist immer Stoff vorhanden. Aber ich vermisse euch, — ihr Früchte aus dem Lande der Väter, ihr Pflanzen, aus meinem alten Boden entsprungen! * *: Für suspendierte Kollegen aus Rußland wird man bald eine Kolonie gründen müssen. Der „Jewrejskaia Schisn" und dem „Glos Zydowski" — den Brudergruß! Bin schon ziemlich lange ins Jenseits hinüberbefördert worden, — ihr kommt erst jetzt und könnt was erzählen. Doch hat sich die Lage nicht stark verändert. Das Tohuwabohu, welches vor zwei Jahren begann, ist nur noch etwas intensiver geworden. Man weiß eigentlich nicht, ob eine Zensur existiert oder nicht. Die Zensoren selber wissen nicht, ob sie existieren oder nicht. In Warschau, auf der Miodowa, hat man ein neues Schild angebracht. Es heißt nicht mehr: Zensurnyj Komitet, sondern: Komitet po Djelam Pjetschati. Und in Petersburg ist es auch anders geworden, d. h. nur der Form nach. Ob man durch einen „Zensurnyj Komitet" oder durch das Gericht, oder schließlich durch einen Generalgouverneur auf Grund einer Anzeige des „Komitet po Djelam Pjetschati" „eingestellt" wird, — bleibt doch gleich. Man hat noch einen Prozeß, und wenn man mit einer Geldstrafe wegkommt, ist es noch gut. Man kümmerte sich um all die sieben Sachen nicht, und man schrieb frei von der Leber weg. Es ist eine besondere Gemütsrichtung, die in normalen Zeiten ganz unverständlich wäre. Soll man sich ums „Geschäft" kümmern? Das „Geschäft" besteht — vielleicht mit Ausnahme der „Nowoie Wremja" — darin, daß man seine eigenen paar Groschen, wenn man welche hat, oder die fremden paar Groschen, wenn man welche kriegt, unbedingt verliert. Man arbeitet, ein Defizit zu vergrößern, und man tut es doch, bis es platzt. Soll man „Unannehmlichkeiten" zu entgehen suchen? Auch nicht denkbar. Es wäre Übertreibung, sich als Märtyrer aufzuspielen, es ist kein bewußtes Martyrium, aber man lebt und arbeitet ins Blaue hinein. Weiß man ja überhaupt nicht, was morgen geschehen wird. Nun hat man in Rußland keine jüdischen Zeitungen in der Landessprache mehr. Der „Woschod" hat abgewirtschaftet, und nun ist der „Jewrejskaia Shisn" ein gewaltsames Ende gemacht worden. In Warschau wurde der „Glos Zydowski" von demselben Schicksal betroffen, und nun ist nur noch ein jüdisch-polnisches Blatt geblieben, das sich poetisch „Israelita" benamst. Es wäre jammerschade, sollte auch das Erscheinen dieses Blattes eingestellt werden. Es könnte schier als Zionisten-Organ gelten, — so oft beschäftigt sich dieses Blatt mit dem Zionismus. Aber der „Komitet po Djelam Pjetschati" findet augenscheinlich nichts Anstößiges in diesem Blatte. Gratuliere, aber beneide nicht! Auf dem Schlachtfelde von Bjelostok-Siedlce liegen nun zwei neue, weiße Leichen: „Jewreiskaia Schisn" und „Glos Zydowski". Aber „die Gerechten sind auch in ihrem Tode lebendig". Und ich glaube an die Auferstehung. Es lebte ein Mann, und er hatte eine Idee. Der Mann hiel.5 Belisha und die Idee: ein jüdisches Parlament. Nun ist der Mann tot, und die Idee, — wer weiß es? Er lebte in Manchester, der Baumwollcnstadt. Für uns lebte er in der „eingesandten Korrespondenz" der englisch-jüdischen Blätter. Er behandelte nur ein Thema, hatte nur einen Gedanken, äußerte nur ein Verlangen: ein jüdisches Parlament. Hatte er keine andern Ideen, malte seine Phantasie keine andern Bilder? Man weiß es nicht. Wir sahen ihn bei der neutralen Konferenz in Brüssel. Es war an ihm etwas Tiefkonzentriertes, Intensives, ich möchte fast sagen: Fatales. So sehen Idealisten und „Monomane" aus. Ein bleiches Gesicht, tiefe, schwarze Augen, rätselhaft, mit einem Zug ins Tragische. Es ist tragisch, wenn ein Mensch einen Gedanken hat und die Kunst nicht besitzt, dem Gedanken die Gestalt zu verleihen. Man fühlt sich gequält. Der Gedanke ruft und droht und klagt. Er fordert seinen Leib von demjenigen, der ihn ausgedacht hat. Der Mann geht mit ihm nach Brüssel und kehrt unverrichteterweise zurück. Er schreibt dann wieder Briefe an die Presse. Aber das nüchterne Publikum schenkt der Vision wenig Aufmerksamkeit. Inzwischen stirbt der Mann, vielleicht mit den Worten „A Jewish Parliament" auf den bleichen Lippen. Einen Nekrolog möchte ich ihm dichten, — aber wir alle kannten ihn so wenig. In Manchester sagte man mir: Mr. Belisha ist ein bekannter Fabrikant. Doch diese Seite seines Lebens interessiert uns wenig. In jüdisch-portugiesischen Kreisen, in London, sagte man mir in respektvollem Tone: Yes, Mr. Belisha, a good family. they came from Morocco. Aber ich habe so wenig Sinn für das sephardische Patriziertum. Die jüdisch-englischen Blätter bringen manche Einzelheiten, aber diese Einzelheiten interessieren doch uns nicht. Ja, sie stören. Denn für uns war Mr. Belisha eine Gestalt, ein Schatten, ein Mann, der „Carthago delenda est" ruft. Ein Rufer in der Wüste. * * * Ach, wie gerne möchte ich Reb Isroel beschreiben und — beweinen. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen, und einen Band müßte man schreiben. Einen Band in Folio und Hebräisch, — wie