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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 41 -= — DIE] Bismarck durch den Einfluß eines gesellschaftlich hervorragenden Juden die Judenmassen von der Fortschrittspartei fortziehen wollte, da diese allein seine Kreise störte. Bei dem Hinweise auf die geringe Aussicht derartiger Bemühungen soll Bismarck auf die notwendige Folge, die Entfesselung des Antisemitismus, hingewiesen haben. Was auch an dieser Erzählung wahr sein mag, Tatsache bleibt, daß die Judenhetze benutzt und von der Regierung stillschweigend gepflegt wurde und wird als Ableitungsmittel für die aufstrebende Arbeiterbewegung, daß die politisch und gesellschaftlich leitenden Kreise Deutschlands, die für die Bismarcksche Politik im großen und ganzen eintraten, in der Fortschrittspartei ein Hemmnis der nationalen Entwicklung sahen und daß ferner jedem klar sein mußte, daß diese Partei ohne die Juden nicht existenzfähig wäre. Ich habe es stets als historische Dankbarkeit der Juden gegenüber dem Emanzipations-Liberalismus der vierziger Jahre aufgefaßt, daß sie so blindlings einer Partei folgten, die von ihrem historischen inneren Geiste so gut wie nichts behalten hat als die Namensform und die bis zum Zerrbild von heute gesunken ist. Das war Judenpolitik, jedoch eine falsche! Politik treiben heißt aber: für die Kategorie, zu der man gehört und für die man eintritt, nutzbringende Wirtschaft zu treiben. Gewiß, das Reich über alles, denn seine Sicherung und feste Existenz wird von den kleinsten Interessen jedes einzelnen Staatsbürgers erfordert. Aber in einem großen Getriebe gibt es Klassen, deren wirtschaftliche Interessen einander entgegengesetzt sind, und diese schließen sich eben zu den Parteien zusammen. Wohin gehören nun die Juden als wirtschaftliche Partei? Wir sind heute in allen Erwerbszweigen vertreten. Eine generelle Beantwortung dieser Frage ist also nicht möglich. Der Mittelstandbund vertritt — und glaubt damit zu fördern — die Interessen der kleinen und mittleren Gewerbetreibenden. Er pflegt den Antisemitismus schärfster Observanz, dabei gehören die Juden in hellen Haufen zu diesem wirtschaftlichen Interessenkreise. Ihm stehen in der Stellung zum Judentum am nächsten der Bund der Landwirte und die konservative Partei, deren Mitglieder eine große Anzahl von Berufsgenossen unter den Juden haben. Jene vertreten ihre Interessen mit zäher Energie und vorzüglichem Erfolge, die jüdischen Interessengenossen aber müssen ihnen fern bleiben, weil die Entrechtung der Juden ihrem Programme entspricht. Gehen wir weiter nach links: die nationalliberale Partei hat ihre Reihen den Juden verschlossen. Und der Freisinn?! Dessen Ruhmestaten sind noch zu frisch in unser aller Gedächtnis. . . . Die neue große liberale Vereinigung, die ein Brennpunkt der alten guten liberalen Ideen zu werden sich vornimmt, muß erst zeigen, ob sie sich in der Judenfrage praktisch liberaler verhält, wie die Teile, die einzelnen Fraktionen, aus denen sie sich zusammenschließt, es getan haben. Die Vereinigung ist ein großes Sündenbekenntnis und als solches eine große Tat von vornherein. Ob sie haltbar sein wird, bleibt bei dem Treiben der christlichen Wählermassen nach rechts abzuwarten. Die Worte Bismarcks aber: „Soweit die Parteien sich nicht lediglich nach wirtschaftlichen Interessen gruppieren, kämpfen sie im Interesse der rivalisierenden Führer der Fraktionen und nach deren persönlichen Willen und Strebertum", sollten sie schreiben an die Pfosten ihres Hauses und an ihre Tore! -- Zukunftsmusik? — T" „Jüdisches Zentrum!" Gewiß, schön wäre es, wenn wir Juden numerisch und qualitativ eine so große Macht bildeten, daß wir uns zum Schutze unserer Rechte so zusammenschließen könnten, wie es die in der imposanten Zentrumsfraktion vereinigten Katholiken getan, die unter Wahrung ihrer differierenden wirtschaftlichen Interessen die kirchliche Machtfrage, welche sie gegen den Protestantismus verteidigen, über alles setzen. Und die Juden, — wollen wir Macht? Wollen wir vor allem synagogale Macht? Wir wollen doch nur das bischen Menschentum verteidigen, das man uns allenthalben abspricht. Eine der letzten Nummern des Simplizissimus %E LT-- 11 zeigte ein geschwollenes, gelb verfärbtes Nilpferd. „Pod" stützt sich auf dieses. Wir lesen: „Gelb wird das Nilpferd, wenn es still weint unter Trauerweiden, des Herrn von Podbielskis dickes Fell muß dieses Tier beneiden." Ja, wir bekämpfen diese Über-Nilpferdnaturen im Judentum und wollen das Judentum, das von allen bürgerlichen Parteien zurückgewiesen wird, zusammenfassen in dem Ideal: Ehre, Freiheit und Reich. Die um Herrn Geiger mögen dabei noch so laut als Denunzianten patriotischer Pflichterfüllung der Zionisten sich gebärden, jeder anständig fühlende Christ weiß trotzdem den Wert jener Elemente, die man überall und stets finden wird, wo die augenblickliche Macht ist und wo ein Nutzen seitens der Machthaber winkt, deutlich einzuschätzen gegenüber mannhaften Elementen, die der Zionismus und nur er erzieht. Den Fraktionsjuden geht es freilich an die Glieder, daß wir eine Volksbewegung pflegen, — aber eine Volksbewegung, die in jeder Hinsicht zuverlässiger sein wird, als es der Judenfreisinn bisher war! Wie urteilte doch Eugen Richter über seine israelitischen politischen Parteigenossen? „Sie sind, wenn sie reich geworden, seine unzuverlässigsten Anhänger; denn dann wenden sie sich nach rechts." Sie waren vielleicht nur klug; denn sie mußten einsehen, wohin der freisinnige Zug geführt hat. Der Untergang der Partei ist die Folge ihrer Sünden. Wir wissen ferner, die tägliche Erfahrung lehrt es, daß der Weg des religiösen Liberalismus im Judentum, der nicht den Zionismus als Rückgrat hat, zur Taufe führt. Wir aber wollen die Selbständigkeit des Judentums, gefestigt und gesichert durch kulturellen Hochwert. Daher begnügen wir uns nicht mit Abwehr und polizeilicher Beaufsichtigung des Antisemitismus, sondern verfolgen als nächstes Ziel die kulturelle Hebung unserer Stammesbrüder, deren einzelnes Symptom die politische Zusammenfassung ist. Das bisher indolente Judentum ist erwacht, geweckt durch uns. Und daß es erwacht ist, merken die veralteten Rabbiner — darum schreien sie um Hilfe und fühlen sich eins mit Geiger und Fromer. „Vom Ghetto zur modernen Kultur" — das ist die Furcht ihrer sogenannten Weltanschauung. Nur wenige Rabbiner haben es verstanden, die Jugend in Liebe und Achtung zu ihrem Volke zu erziehen. Indolenz gegen das Judentum und ohnmächtiger Haß gegen die Antisemiten, das war ihre Erziehungsfmcht. Wir wollen besseres, und ein Teil dieses Besseren ist das politische Bewußtsein der Juden als Juden, wie es die Protestanten und Katholiken besitzen. Judenpolitik treiben heißt also nichts anderes, als alle Juden, ohne Unterschied der Steuerzettelhöhe dahin zu erziehen suchen, daß sie bei Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten sich als unumstößliches oberstes Gesetz die Frage stellen, wie der Kandidat sich zur Judenfrage stellt und als ebenso unumstößliche oberste Forderung das unbedingte Eintreten für die Judenrechte bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufstellen. In der Judenfrage ist quieta non movere Eunuchenpolitik. Diese Bedingungen können aber zunächst nur Juden erfüllen; daher müssen wir vorerst dafür sorgen, wo und wie wir es nur vermögen, statt der bisherigen israelitischen Vertreter Juden in die Parlamente zu bringen, auf die wir uns verlassen können. Gelingt uns dies nicht, so muß der politische Streik der Juden propagiert werden. Auf dieses kleine bischen schrumpft sich die „jüdische Fraktion" zusammen! Ein bischen Menschenrecht. Und einige Vertreter unserer Menschenrechte! Wir wissen, daß es einen harten Kampf kosten wird, für diese Ideen Boden zu gewinnen, zumal zunächst mit dem alten Glauben gebrochen werden muß, daß die Juden ausschließlich der freisinnigen Partei anzugehören haben, und daß nur jüdische Streber und Kriecher weiter rechts ihr Heil und ihre politische Befriedigung finden können. —

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