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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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„Entrüstung" hervorzurufen. Diese Art, den Angriff auf uns. zu rechtfertigen, wirkt erheiternd. Mit gleichem Rechte könnte der Rabbinerverband befehdet werden, um nur irgend ein Beispiel anzuführen, weil in ihm nicht ein „Sturm der Entrüstung'* entfacht wurde, als vor Jahren ein sehr würdiges Mitglied den unbedachten Vorschlag machte, die galizischen Mädchenhändler mit Kapital abzufinden. — Will man schon Entrüstungsstürme erwarten, so hat es auch an ernsten Anlässen nicht gefehlt! Wo war der Entrüstungssturm unter ,,den berufenen Vertretern der deutschen Judenheit, den leitenden und tonangebenden Persönlichkeiten", als ein Geiger für die Anerkennung der bürgerlichen Rechte gegen die Zionisten plädierte, — wo, als Juden in der Tagespresse für die Ausweisung von Juden eintraten?! Herr Dr. Vogelstein hat seine schärfste Waffe gebraucht. — Er hat damit alle die „Gefahren für das Gesamtjudentum" gerügt, die sein prophetisch Auge erblickt. Er wendet sich nun zu der Therapie: wie bekämpft man den bösen Zionismus, der sich immer mehr und mehr ausbreitet und ständig an Einfluß und Kraft zunimmt? Dieser Abschnitt ist für uns von minderem Interesse. Wir meinen, daß die Versuche, uns zu bekämpfen, nach wie vor uns eine Quelle jener ruhigen Heiterkeit sein werden, welche der Schaffende braucht. Wir werden uns schön hüten, darzulegen, wieso dieses oder jenes Mittel widersinnig oder verfehlt ist. Herr Dr. Vogelstein hat ein neues Mittel in Vorschlag gebracht, das er den „Liberalen" warm empfiehlt, — den Boykott seiner anders über den Zionismus denkenden Kollegen. Er weiß, daß die neue Generation der Rabbiner, — und nicht nur die neue, — fast durchweg stramm zionistisch ist, und verlangt, daß die Herren Gemeindevorsteher den Rabbinatskandidaten strengste Abstinenz vom Zionismus zur Bedingung* der Anstellung machen. Mit anderen Worten: Herr Dr. Vogelstein droht den jungen Kollegen, deren zionistische Anschauung er kennt, mit Brotlosigkeit, falls sie nicht Ordre parieren! Alle Achtung vor diesem Liberalismus! — Wir haben an dieser Stelle nicht die Würde des Rabbinerstandes zu wahren! — Auch wenn sich nicht der „Sturm der Entrüstung" in Rabbinerkreisen und liberalen Kreisen erheben sollte, werden wir uns hüten, aus diesem grotesken Vorschlage des Einzelnen Schlüsse gegen eine Gesamtheit zu ziehen. Und selbst Herrn Dr. Vogelstein wollen wir diese letzten etwas starken Attacken nicht allzusehr verübeln. Gleich daraut sind wir beinahe wieder ganz besänftigt, als wir den Wortlaut des Protestes von 1898 abgedruckt sehen. — Das ist . der alte Sturmgeselle, ^— das ist der orthodoxe, buchstabengläubige Reformrabbiner. So steht1s geschrieben, — das Wort sie sollen lassen stahn! — Und wenn von unsern alten. Gebeten kein Vers mehr beim anderen stehen bleibt, — dieser Protest bleibt das Heiligtum, das unantastbare Wort des Herrn Dr. Maybaum! (oder wer war damals der Autor?) Man muß sich vergegenwärtigen, daß dieser Protest 1897 vor dem ersten Kongreß von dem Ausschuß publiziert wurde, also vor der Schaffung des zionistischen Prograrnmes überhaupt, — daß die Generalversammlung 1898 nun jene 5 Herren nicht desavouieren wollte, daß es heute kaum zwei oder drei Rabbiner gibt, die nicht vertraulich zugestehen, daß man damals eine Riesendummheit begangen hat — um die Größe und Treuherzigkeit des Herrn Dr. Vogelstein recht zu 'schätzen. Der alte Sturmgeselle! Sofien wir ihm nicht vieles zu gute halten? Ihm und vielen seiner Generation! Sie haben ihre Ideale gehabt und an ihr Recht geglaubt, — ihnen ist die Geschichte vorbeigegangen, — die andere Generation geht ihnen unter den Händen weg, — andere Wege! Und sie klammern sich an ihr altes Banner, dem längst niemand mehr folgt, und schreien, — und wollen den Strom des Lebens aufhalten. — Wie rüffelt sie bei Suderman der „Alte vom Berge", — auch einer von der alten Generation, der aber sich die klare Erkenntnis bewahrt hat: „Werdet ihr nu noch lange Schkandal machen? Also, wie wir hier sitzen, sind wir mal . . . jung und stark gewesen. . . . Wir haben uns den Weg der Welt überhaupt nicht anders vorstellen können, als wie wir ihn uns zurecht gemacht hatten. Aber da is einer gekommen, der war stärker als wir. Der hat uns übern Haufen geschmissen. Und dabei ist nicht bloß unser Prestige und unser bischen (zeigt auf die Stirn) dabei ist uns auch unser Charakter in die Brüche gegangen. Habt Ihr denn noch die Courage, an euer Recht zu glauben? . . . Herrenlose Ideen sind unnütz wie herrenlose Hunde, ganze Männer müssen dahinter stehen. Sonst holt sie der Deiwel. ... Da war jener schon ein anderer Kerl. . . . Nu geht die Welt ihren Weg. Und wir müssen mit. Wir — müssen — mit! .... Darum macht euren Frieden!" So spricht der Alte vom Berge. — Und der Sturmgeselle Spinoza spricht es ihm nach, das Wort vom Frieden. — Aber der Sturmgeselle Vogelstein? — Wer weiß! DIE STELLUNG DER DEUTSCHEN JUDEN IN DER POLITIK Von Dr. CARL KASSEL (Posen) In letzter Zeit fiel häufig das Wort „jüdische Politik". In anderer Form verdichteten sich alle Strebungen, zu der die Politik führen soll, zu der Schaffung eines „jüdischen Zentrums", „einer jüdischen Fraktion". Weniger die Entrüstung, mit der Herr Dr. Vogelstein „ruhig und sachlich" — Wippchen, steh mir bei! — den Zionismus vernichtet und mit welcher er die politische Frage bespricht, veranlassen eine Besprechung dieses Punktes, als vielmehr die Tatsache, daß in den Reihen der Juden viel Unklarheit über ihre politische Bedeutung und Stellungnahme herrscht, und ferner darin, daß aus dieser Unklarheit manches Mißverständnis gegenüber Wortprägungen wie „jüdische Politik", „jüdische Fraktion" etc. herrscht. Wir müssen für unsere Bestrebungen, da wir einmal in der Welt der Wirklichkeiten und nicht in Wolkenkukusheim leben, die Lage der Juden so hinnehmen, wie sie ist und sehr lange bleiben wird: gesellschaftlich geächtet, politisch verraten, gerade von den linksstehenden bürgerlichen Parteien, deren Stützen die Judenmassen stets gewesen und leider noch heute sind. Es wird erzählt, daß

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