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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 41 diei|kelt 9 sei das eine „künstliche Konstruktion". — Dieses Argument zu widerlegen, ist fast unmöglich, ohne banal zu werden. Haben wir doch unzähligemal das Gleiche sagen müssen! — Ich wilPs kurz machen: Die Deutschnationalen Österreichs sind keine schlechten österreichischen Staatsbürger, die Deutschamerikaner nicht die schlechtesten Bürger der Vereinigten Staaten. Preußen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen und jeder Stamm ist stolz auf seine Geschichte, — durch die Betonnng unserer Nationalität werden wir es uns nicht schwerer machen, gut preußische Bürger zu sein,— aufrichtige und aufrechte! — Daß wir nicht die Gesamtheit der deutschen Juden aus dem Lande führen wollen, dürfte bekannt sein. Daß wir uns mit unseren Stammesbrüdern zumal in ihrer Bedrängnis solidarisch fühlen, ist unsere verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Wohlverstanden! Wir freuen uns, daß kein Konflikt zwischen unseren jüdischen und unseren staatsbürgerlichen Pflichten besteht. Wenn wir einen solchen Konflikt fänden, werden wir es frei und offen bekennen und zusehen, wie wir dem traurigen Dilemma entgehen könnten. Wir können uns einen solchen Fall jedoch nicht vorstellen. Keinesfalls aber suchen wir künstlich eine Kluft zu überbrücken. — Eine „künstliche Konstruktion u aber nennen wir es mit Recht, wenn die Abkömmlinge Abrahams, Isaaks und Israels zu Abkömmlingen von Hermann und Thusnelda, zu Angehörigen einer fremden Nation gestempelt werden. Nun empfindet Herr Dr. Vogelstein es peinlich, daß der zionistische Delegiertentag alljährlich sein Huldigungstelegramm an den deutschen Kaiser sendet; darin läge ein gewisses Zugeständnis, daß es mit dem Patriotismus doch nicht so weit her sei. — Suche treu, so findest du einen Angriffspunkt. Ich glaube, diese Deduktion wenigstens ist neu. Es heißt doch sehr mit ungleichem Maß gemessen, wenn man bedenkt, daß fast jede auf vaterländischem Boden stehende Jahresversammlung in gleicher Weise ihre Anhänglichkeit an das Reich zum Ausdruck bringt. — Gewiß haben wir nicht Gelegenheit gehabt, wie etwa die Rabbinerversammlung, die Stärke unserer Anhänglichkeit durch das alljährlich trotz des Ausbleibens der Antwort erneuerte Telegramm zu beweisen, — aber dafür liegt die Schuld doch nicht an uns! — Ja, meint Herr Dr. Vogelstein, aber mit solchem Telegramm spielen sich die Zionisten als Vertreter der gesamten deutschen Judenheit auf. Das erscheint ganz rätselhaft. Ist doch z. B. schon durch das Ausbleiben der Antwort auf andere jüdische Telegramme klar zum Ausdruck gekommen, daß man wohl zwischen den Zionisten und anderen zu unterscheiden weiß. Wie in aller Welt kann man uns den Vorwurf machen, daß wir unter falscher Flagge segeln, daß wir nicht offen uns als das zeigen, was wir sind. Unser Programm, unsere Versammlungen, unsere Berichte und Bilanzen liegen der Öffentlichkeit vor, — es muß wirklich schwer sein, gegen uns Waffen zu finden, wenn man zu solchen durch notorische Tatsachen widerlegte Anschuldigungen greift, — wenn man schließlich die Autorität Eduard von Hartmanns gegen uns ausspielt. Ich will wirklich nicht länger bei diesem Kapitel verweilen; wir haben erst bei des Professor Geigers Angriffen Gelegenheit gehabt, uns darüber zu unterhalten. Man sollte es nicht für möglich halten, daß heute, nachdem fast ein Jahrzehnt der Zionismus Blüten und Früchte getrieben hat, — nachdem sich zur Evidenz gezeigt hat, daß alle Prophezeiungen und Befürchtungen, die an seiner Wiege von feindlicher Seite ausgesprochen sind, zu nichte geworden sind, — daß man heute noch uns mit den abgestandendsten alten Argumenten kommt. Wo hat in den 10 Jahren ein Abflauen der Vaterlandsliebe bei den Zionisten stattgefunden? — Wo haben ernste Christen je der Judenheit wegen des Zionismus den Vorwurf mangelnden Patriotismus gemacht? — Wo hat auch nur mißverständlicher Weise eine Regierung, ein Monarch den zionistischen Juden mehr Mißtrauen gezeigt als den anderen? Ich könnte leicht genug das gerade Gegenteil beweisen, — könnte Zeugen fast aus aller Herren Länder benennen, — aber wozu? Wer die Vorgänge verfolgt hat, weiß Bescheid. Wer heute noch nach dieser Richtung gegen uns Vorwürfe erhebt, tut das entweder, weil er nichts von der Materie weiß oder weil er nichts davon wissen will. Es fällt nämlich wirklich schwer, bei den Folgen der Ausführungen des Autors die Überzeugung von seinem guten Glauben zu bewahren. Zum Glück wissen wir, daß Herr Dr. Vogelstein der Schreiber ist und so kein böser Wille vorliegen kann. In einem langen Abschnitt, dem schärfsten und erregtesten der ganzen Schrift, wendet sich der Verfasser gegen einen auf dem letzten Delegiertentag der deutschen Zionisten gestellten Antrag, dahingehend, das Zentralkomitee möge die Gründung einer national-jüdischen Landesorganisation in Deutschland einleiten. Hier entlädt sich der Zorn des Verfassers in urwüchsiger Art, — hier erhebt er einen gewaltigen Feuerlärm, — diesen Antrag nimmt er zum Ausgangspunkt für seinen Aufruf zur Abwehr. Und nun muß man wissen, daß es sich um den einen an den Degiertentag gelangten Antrag handelt, der keinen Anlaß zu einem Beschluß, kaum zu einer Debatte gegeben hat. — Hat doch sogar das Zentralkomitee Gelegenheit genommen, öffentlich, auf einen mißverständlichen Zeitungsartikel eines gegnerischen Blattes hin, festzustellen, daß es nicht auf dem Standpunkt des Antragstellers steht! — Und das ist die Waffe des Herrn Rabbiners, mit der er zum vernichtenden Streiche ausholt. — Nicht unser Programm, nicht ein Beschluß irgend eines Kongresses findet sich in der Broschüre zum Gegenstand der Kritik gemacht, — sondern ein auf einer Landesversammlung eingebrachter und abgelehnter Vorschlag. Ein besseres Dokumentfür die über alle Angriffe erhabene Stellung unseres Programms und unsere Kongresse ist kaum zu finden! Über die Berechtigung jenes Antrages zu sprechen, erübrigt sich nach der unzweideutigen Stellungnahme der deutschen Landsmannschaft. Aber daß Herr Dr. Vogelstein sich auch über die national-jüdische Fraktion in der Duma ärgert, ist zu charakteristisch, um verschwiegen zu werden. Er scheint zu wünschen, daß selbst dort die Juden als Nationalrussen oder Nationalpolen maskiert aufgetreten wären, damit dort die Herren Winawer und Lewin ihre Reden über die Pogrome unterdrückt hätten, wie es ihre jüdischen Kollegen im preußischen Landtage bei ähnlicher Gelegenheit taten. Herr Dr. Vogelstein weiß, daß der Antrag nicht zum Beschluß erhoben ist, —- aber dennoch fühlt er sich zu seinen Folgerungen und .Angriffen berechtigt, weil der Antrag keinen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat. Ich will nicht untersuchen, ob dieser Antrag wirklich geeignet war, irgendwo und irgendwie

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