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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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von diesen Beauftragten sich dem entzieht, handelt auch nach liberaler Ansicht pflichtvergessen. — Man kann also nicht die Juden als die Träger der Religion, wenn man will der Mission definieren! — Aber das mag hingehen. Herr Dr. Vogelstein ist vielleicht nun der Ansicht, daß die jüdische Gesamtheit diese eine Mission habe und diese nun in der gegenwärtigen Situation — im Exil — vollenden könne. Nun ist das ein eigenes Ding mit den „Missionen". Die Mission der Griechen war die Schaffung der Schönheitsideale, — kann man heute sagen. Wenn aber den athenischen Spießern diese Mission gepredigt wäre, wäre sie kläglich gescheitert. — Jeder von ihnen hätte, wenn er der Predigt gefolgt wäre, das Möglichste an Unnatur und Pose geleistet und Athen würde heute das Urbild der Häßlichkeit, die Athener als der Vorwurf der Karikaturisten gerühmt. — (Übrigens gab es ja eine Stadt solch bewußter Missionsträger, Abdera, — bei Wieland wenigstens.) Eine Mission kann nur der Historiker rückschauend erkennen; wir können aus der Geschichte vielleicht auf die Fortdauer einer Mission schließen und hoffen, daß wir unserer natürlichen Veranlagung folgend sie unwillkürlich erfüllen. — An uns ist die Pflicht, unsere Eigenart kräftig zu entwickeln, unserer Kraft die denkbar beste Entfaltungsmöglichkeit zu schaffen; haben wir eine Mission, muß sie dadurch gefördert werden. — Nun kommt aber die weitere Frage: Wo hat denn „Israel" seiner „/Mission" genügt; wo hat es die Kraft zur Erlangung des reinen Monotheismus gewonnen, — wann hat es die großen Quellen der Ethik erschlossen, aus denen es die durstige Menschheit laben sollte? — In Palästina, — als es auf eigener Scholle saß! — Herr Dr. Vogelstein behauptet: Nein! Palästina war nur eine Schule, in der wir unser Wissen gewannen, — der Tag der Tempelzerstörung war das Abiturium und der Imperator, der unsere Väter fortführte, war der Schulrat, der uns das Diplom erteilte. Erst nach dieser feierlichen Entlassung haben wir etwas für die Verbreitung der Lehre getan! — Und doch bin ich der Meinung, daß König Davids Psalmen, daß Moses Lehre viel, viel mehr für die fCulturmission geschaffen haben, als die gesamten neuzeitlichen Schriften, — bis zum westfälischen Gebetbuche. Wo in aller Welt offenbart das getretene, hier um sein Leben zitternde, dort feig alles Fremde nachahmende „Israel" ,.die sieghafte Macht des Gottesgedankens"? — Herr Dr. Vogelstein hat das Glück, in einer großen Verkehrsmetropole zu wirken, — in einer großen intelligenten jüdischen Gemeinde, — die sich seines idealen und erzieherischen Wirkens erfreut. Hat er viel Fälle gesehen, in denen er unter den Nichtjuden seiner Heimatstadt eine klarere Erkenntnis des Gottesgedankens hervorgerufen hat, — die Herren Pastöi'e würden sich solche Einmischung auch höflich verbitten —, hat er es oft beobachtet, daß seine Gemeindemitglieder es versucht haben, das „prophetische Ideal zu verwirklichen*'? — (Vielleicht könnte man mir mit der Nennung eines Neander und anderer jüdischen Größen auf christlich-theologischen Lehrstühlen kommen. Das wäre noch eine Auffassung von der Mission, die sich vertreten ließe!) — Ich'glaube, die Herren in Stettin sind nicht anders, wie die Gemeindemitglieder anderwärts; wenn sie etwas Jüdisches verbreiten, sind es jüdische Witze, aber nicht jüdische Ideale! — Ich bin natürlich nicht der Meinung, daß in einem jüdischen Gemeinwesen jedermann mit Ethik geladen die Straßen unsicher machen wird, — aber das gemeinsame Wirken aller jüdischen Kräfte wird wieder neue Kulturwerte schaffen und die auf jüdischem Boden aus jüdischem Geiste entstehende Frucht wird aufs neue der Welt von der Stärke und Triebkraft der jüdischen Eigenart Kunde bringen. — Seit nahezu 2Jahrtausenden verhindert, unser Teil an Volkskraft undVolkskulturderMenschheit darzubringen— was wir seit damals geleistet haben, ist fast nur individuelle Arbeit gewesen, — sind wir zum Gelächter geworden, zweifelt man an unserer, des jüdischen Volkes Schöpferkraft und Produktivität. — Mag unsere Kraft auf welchem Gebiete immer liegen, — damit sich der Baum entfalte, muß er ungehindert im ihm zukommenden Boden seine Wurzeln schlagen können. — Eines „äußeren" Mittelpunktes für das „Judentum** bedarf es nach Ansicht des Herrn Dr. Vogelstein dann nicht, wenn „der Glaube an den Einig-Einzigen Gemeingut der Gesamtheit geworden und jedem Israeliten in Fleisch und Blut übergegangen" ist. — Ja, nun sind die Rollen vertauscht und wir die Schwarzseher, Herr Dr. Vogelstein aber ein rosigsehender Optimist. Also ist wirklich heute nach seiner Ansicht das prophetische Ideal„jedemlsraeliten inFleisch und Blut übergegangen"? Potztausend! Der Herr Rabbiner muß davon überzeugt sein, — denn wenn er es nicht wäre, wenn er etwa wie ich der Meinung wäre, daß die Juden — pardon Israeliten — immer weiter und weiter sich von diesem Ideale entfernen, immer gleichgültiger werden, — ja, dann müßte er ja nach eigener Logik für die schleunigste Errichtung jenes „äußeren Mittelpunktes" sein. Tertium non datur! — Auch Herr Dr. Vogelstein gedenkt in Liebe Zions und der heiligen Stätten, — aber „pietätvoll," wie man der Toten gedenkt. „Fern sei es von uns, die Loyalität der Gesinnung und die Aufrichtigkeit" dieser Palästinatreue in Zweifel zu ziehen, aber wir finden, daß es etwas wenig ist, in „volltönenden" Gebeten diese Liebe zu betonen. — Aber hierüber kann man nicht richten; Liebe läßt sich nicht erzwingen. Für uns sind Zion und Palästina nicht „Jugenderinnerungen eines alten Mannes". Bei manchem hat sich die Liebe zum alten Lande, zum „Elternhaus", — die er längst abgetan glaubte — wieder eingestellt, und mancher „verlorene Sohn" ist uns wiedergekehrt. Um Liebe läßt sich nicht rechten: das gilt auch von der deutschen Juden Liebe zum deutschen Vaterlande. Ich zweifle sehr, daß der Zionismus damit irgend etwas zu tun hat. Höchstens das eine: Der deutsche zionistische Jude, der als Patriot handelt, ist über den Verdacht erhaben, als ob er lediglich sein Judentum ängstlich verstecken wolle. Der Assimilant, der in Mimicry macht, erweckt gleich das Mißtrauen, er betone sein Deutschtum, weil er sein Judentum verleugnen wolle. — Und noch ein anderes: Der zionistische deutsche Jude kann sich an der Mitarbeit für des Reiches Wohl offen und frei betätigen, — der jüdische Assimilant muß sich von Schritt zu Schritt Hemmnisse auflegen, da er einmal nicht gegen seine eigenen Interessen auftreten, anderseits sich nicht „zu erkennen geben" will. Die Aufrichtigkeit der vaterländischen Gesinnung der Zionisten will Herr Dr. Vogelstein nicht bezweifeln, aber er meint, — wenn ich ihn recht verstehe, — es sei unlogisch von uns, „national-jüdisch" und „vaterländisch-deutsch" in Übereinstimmung zu bringen. Es

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