Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 41 DIE^ELT 7 die bis auf die neueste Zeit von niemanden bestritten ist. Welche Illusionen können schwinden? — Offenbar denkt Herr Dr. Vogelstein an unser Programm, dessen Durchführung er für unmöglich hält, und will sagen: Es wird sich herausstellen, daß der zionistische Plan undurchführbar ist, — und diese Enttäuschung wird jene gefürchtete Wirkung hervorbringen. — Über die Frage der Durchführbarkeit zu sprechen, ist hier nicht der Platz, da Herr Dr. Vogelstein ein Eingehen auf diese Frage vermeidet. Aber abgesehen davon, daß nach dieser Art von Logik kein Unternehmen großen Stils möglich wäre, - aus Furcht vor der Enttäuschung, — leidet das ganze Argument an einem anderen groben Fehler. Herr Dr. Vogelstein scheint der Ansicht zu sein, daß die Aussicht auf die Erlangung der jüdischen öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina es sei, welche bei den sonst Indifferenten wieder jüdisches Interesse geweckt habe. Das ist offensichtlich fehlsam! — Wem sonst Juden und Judentum gleichgültig ist, der wird sich den Teufel darum kümmern, ob eine jüdische Heimstätte geschaffen wird, — der wird ganz gev/iß nicht deshalb und dafür sich begeistern. Nicht das Heimstättenprogarnm schafft das Interesse, — sondern die für die jüdische Sache Begeisterten erstreben die Verwirklichung des Heimstättenprogramms. Die Begeisterung in unseren Reihen, die weiter und weiter jüdische Kreise erfaßt, muß also auf andere Weise geschaffen sein; der Zionismus muß mit ganz anderen Zeichen gewirkt haben. Und so ist es auch: die Betonung des Nationalen, die Lehre von dem lebendigen Judenvolke, die Befreiung des in die Synagoge allein verbannten Judentums, das Ersetzen der Ghettofurcht durch Judenstolz, — alles das hat begeisternd gewirkt, nicht weil es eine neue Lehre war, - sondern v/eil Motive ausgelöst wurden, die seit Urzeiten in den Herzen der Besten unter uns leise forttönten. Die von dem kleinlichen Synagogengezänk angewiderten, die der Assimilationskriecherei überdrüssigen Juden, — alle die, welche ihrer Halbheit sich schämten, atmeten tief auf, als die Pforten der Erkenntnis sich öffneten, daß auch der Jude die Möglichkeit habe, ein Vollmensch ohne Halbheiten zu sein. Auf das erlösende Wort hat man lange gewartet; wenn der Zionismus es endlich ausgesprochen hat, so geschah das, weil es eine historische Notwendigkeit geworden war. Und deshalb, —- wenn Herr Dr. Vogelstein und die anderen „Schwarzseher" (das Schwarzsehen scheint nur in nichtjüdischen Dingen für brave Staatsbürger verpönt) Recht behalten würden — was Qott verhüte und was wir für ausgeschlossen halten — wenn sich die „Unmöglichkeit", das Ziel in Palästina zu erreichen, herausstellen sollte — würde damit kein Rückschlag eintreten. Denn damit würden die Motive, welche das Interesse, die Begeisterung hervorgerufen haben, nicht weggefallen sein, — wir würden bleiben, was wir sind, treue Söhne des jüdischen Volkes!! — Aber wenn das so ist, ist die Stellung des Herrn Dr.Vogelstein erst recht unverständlich. Er fürchtet alles von dem Plane der Heimstättengründung in Palästina, ist aber an sich doch mit dem erweckten Interesse nicht unzufrieden. Nun denn: ist der Plan wirklich so utopisch, muß sich seine Undurchführbarkeit bald zur Evidenz ergeben, — so ist doch gar nichts zu fürchten; nur wir zionistische Politiker sind die Hineingefallenen, da unser Plan gescheitert wäre, und wir hätten eben nur jenes erfreuliche Interesse geweckt. — Vielleicht wird dann die empörte Menge die zionistischen Agitatoren lynchen und der Herr Rabbiner kann das einmal bestehende jüdische Interesse in die rechten Bahnen zu „praktischen" Zielen lenken (Ausbildung von Organisten, Preisausschreiben für neue Gebetbücher — die bisherigen enthalten, glaube ich, ausnahmslos nochkeinQebet für den Weihnachtsabend — etc.)! Bevor Herr Dr. Vogelstein nun zum eigentlichen Thema übergeht, nämlich zum Nachweise, daß der Zionismus die „erhabenen Grundsätze preisgebe, deren Verwirklichung die Aufgabe Israels ist", — applaudiert er der Orthodoxie zu ihrer Stellungnahme gegen den Zionismus. — Herrn Dr. Vogelstein hier entgegenzutreten, versage ich mir; es freut mich schon der Kuriosität wegen, ihn neben Rabbiner Breuer zu sehen, dem unsere Gesellschaft zu ketzerisch erscheint. Auch bietet sich anderwärts Gelegenheit, mit den Gegnern vom rechten Flügel zu debattieren. Aber zwei allgemeine Bemerkungen möchte ich bei der Gelegenheit machen. Erstens: Es ist unrichtig, daß „die Orthodoxie" gegen den Zionismus Protest eingelegt hat, das geschah von einigen orthodoxen Juden. Tausende von gesetzestreuen Juden sind in unseren Reihen; es gibt sogar eine „orthodoxe" Fraktion. Zweitens: Es erhöht nicht das Vertrauen zu den gegnerischen Argumenten, wenn wir sehen, daß jeder unserer Gegner von jedem beliebigen Standpunkt aus uns verurteilt. Statt zu sagen: ich habe den und den Standpunkt, — von diesem aus erscheint mir die Sache so und so sagt man: die Sache ist unter allen Umständen schlecht, — wenn ich von links sehe, deshalb, — wenn ich von rechts herantrete, deshalb! Natürlich ist es ja denkbar, daß ein Ding von allen Seiten gesehen sich schlecht ausnimmt, aber etwas tendenziös sieht es doch aus, wenn keiner unser Gegner irgend ein Argument gegen uns verwirft. Wie oft sehen wir in Versammlungen „Liberale" vom reinsten Wasser dem orthodoxen Gegner Beifall klatschen, der von dem Wunder spricht, auf das wir hoffen sollen! — Nun also die Hauptsache: die bösen Zionisten machen „Israel4* die „Verwirklichung seiner Aufgabe" unmöglich. „Das prophetische Ideal, die Ausbreitung der Gotteserkenntnis über den ganzen Erdball seiner Verwirklichung näher zu bringen, ist die hohe Aufgabe, das erhabene Ziel Israels." - - In solchem Falle spricht man immer von „Israel"; vom jüdischen Volke kann man ja nicht sprechen, — das gibt's ja bekanntlich nicht, — und von den Juden, — pardon den Israeliten zu sprechen, geht auch nicht gut an. Die Personen zu apostrophieren, die sich im Ganzen eher als Trikotreisende, Mikoschkolporteure, Jobber und Kaffeehausgäste denn als Träger erhabener Missionen fühlen, wäre illusionszerstörend. Da hilft das vocabulum solemne Israel. — Es läßt sich dabei absolut nichts denken, wenn man nicht doch wieder auf ein großes gemeinsames organisches Wesen kommen will, das nicht anders definiert werden kann, als ein Volk. Denn wenn man selbst von der „Gesamtheit der Träger der jüdischen Religion" sprechen will, kommt's auf dasselbe hinaus. Es handelt sich ja um eine Aufgabe, einen Befehl. Der Befehl lautet etwa: Du sollst diese Religion verwirklichen! — Wem ist der Befehl erteilt? — Es handelt sich nicht um eine Auslobung, — nicht Freiwillige aller Nationen werden aufgefordert, sich der Mission zu unterziehen, sondern eine bestimmte Kategorie von Menschen soll das vollbringen. Wer