Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316228--48606-3343542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
von 17 Jahren, Marie Juhasz, bedienstet. Plötzlich war sie verschwunden. Die Bauern der Umgegend wußten natürlich sofort, was geschehen war. „Die Juden haben sie geschlachtet." Eine lebhafte Hetze begann. Man fand das Mädchen bald. Unweit Zenta zog man ihre Leiche aus der Theiß. Nun aber wollte man am Halse Würgspuren gesehen haben. Natürlich haben es die Juden getan! Und mit Äxten, Sensen und Dreschflegeln bewaffnet zog die bäuerliche Racheschar vor das Haus des Kantors, zertrümmerte die Fenster und bedrohte die Juden des Ortes an ihrem Leben, bis Gendarmerie eintraf, die schließlich die Ruhe herstellte. Man sieht, daß Ungarn nicht mehr viel von Rußland zu lernen braucht. Der erste große Pogrom der letzten Jahre in Rußland, der von Kischinew, begann auch damit, daß man zuerst mit dem Pogrom drohte, dann raffinierte Ritualmordmärchen ersann, — bis eines Tages die Volksleidenschaften reif waren für die blutige Tat. An anderer Stelle unseres Blattes bringen wir den Aufruf des Wiener Jüdischen Kolonisationsvereins. Mit gerechter Genugtuung darf man diesen ersten Fall verzeichnen, wo die Wiener führenden Juden aller Parteirichtungen — auch der sich sonst scharf befehdenden, — wo Zionisten, Nationale, Liberale und Orthodoxe einen gemeinsamen Boden für eine auf weitere Ziele gerichtete Aktion gefunden haben. Noch erfreulicher ist es, daß das einigende Programm in der Begründung von jüdischen Kolonien in Palästina liegt. Jüdischer Kolonisationsverein in Wien Es ist ja kein Zweifel, daß die Motive, aus denen die Komiteemitglieder an die Sache herantreten, nicht gleichartig sind. Für die Zionisten im Komitee ist die Koloniengründung natürlich nur ein Anfang, für die meisten andern ist sie Selbstzweck. Aber auch diesen bedeutet — wenn wir die Worte des Aufrufs richtig deuten, — der Kolonisationsverein mehr als ein bloß philantropisches Unternehmen. Philantropie hätte sich auf die altgewohnte Form des Almosens beschränken können. Der Plan einer Begründung von Heimstätten im Hinblick auf die russische Judennot hat einen größeren, wenn nicht national-, so zumindest sozialpolitischen Zug an sich. Und wenn wir diesen Fortschritt auch nicht überschätzen wollen, feststellen und anerkennen wollen wir ih » gerne. Wien war in den letzten Jahren — wenn man v,m der erhöhten zionistischen und der jüdisch-innerpolitischen Tätigkeit absieht — mehr oder minder ausgeschaltet aus dem Komplex der vielfachen westeuropäischen Tätigkeiten, die die Stürme in Rußland ausgelöst hatten. Die Zentren hiefür waren London und Berlin. Lind doch könnte diese große jüdische Gemeinde, wenn es ihren Führern gelänge, die bekannte Wiener Neigung zur Bequemlichkeit zu brechen, für die gesamtjüdische Bewegung außerordentlich viel leisten. Sicher ist — schon nach den Namen der Komiteemitglieder zu schließen — daß beim Kolonisationsverein gute Vorbedingungen für eine umfassende Arbeit geschaffen sind. Mögen aus den guten Ansätzen gute Früchte reifen! STURMGESELLE VOGELSTEIN-) Von SAMMY GRONEMANN (Hannover) (Schluß.) Der Zionismus hat, wie Herr Dr. Vogelstein nicht verkennt, vielfach in bislang indifferenten Kreisen „belebend und anregend gewirkt und ihnen Interesse an jüdischen Angelegenheiten eingeflößt". — Darin liegt nach des Herrn Rabbiner Ansicht die erste Gefahr für das Gesamtjudentuni. Denn: die „Illusionen" werden schwinden, das Interesse wird sich verflüchtigen und als Bodensatz wird eine direkt feindliche Gesinnung gegen alles Jüdische zurückbleiben. — Nicht übel! — Auch wir glauben von der Seite der Indifferenten manche Gefahr für das Gesamtjudentum erwarten zu müssen. Die Gefahr liegt eben in ihrem Indifferentismus, —• der natürlich, wie Herr Dr. Vogelstein mit nicht übler Satire gegen die Leser seines Gebetbuches hervorhebt, beileibe nicht mit Liberalismus identisch ist. — Diese indifferenten Juden gehen allem Jüdischen aus dem Wege, wollen möglichst vergessen machen, daß sie Juden sind, — kurz, sie bekunden wirklich eine feindliche Gesinnung gegen alles Jüdische. Bislang ist wenig Erfolg im Kampfe gegen den Indifferentismus zu erreichen gewesen; die Schar der Indifferenten wächst von Jahr zu Jahr, zumal da, wo der Liberalismus sein Lager aufgeschlagen hat. Daß sie sich aus den Kreisen gerade der Liberalen rekrutiert, daß die Grenzlinien zwischen Liberalismus und Indifferentismus sich bis zur *) Wir haben dem ersten Teil des Aufsatzes den Titel „Protestrabbiner redivivus" gegeben. Der Verfasser lehnt in einer Zuschrift an uns diese nicht von ihm herrührende Überschrift insbesondere auch mit dem Hinweis darauf ab, daß er Herrn Dr. Vogelstein durchaus nicht mit dem zur Gattungsbezeichnung gewordenen Worte „Protestrabbiner" abtun möchte. Der Verfasser meint, daß durch die Bezeichnung als Protestrabbiner Herrn Dr. Vogelstein ein Unrecht geschieht, da er auf diese Weise mit manchen Herren zusammengeworfen wird, deren einseitiger Widerstand gegen den Zionismus vielleicht nicht auf so absolut idealen Motiven beruht, als sie bei Herrn Dr. Vogelstein zweifellos existieren. — Bei dieser Gelegenheit berichtigen wir auch, daß es im ersten Teile des Aufsatzes S. 13, Spalte 2, Zeile 8 und 9 statt „zwei Wochen" — „zwei Jahren" heißen soll. Unkenntlichkeit verwischen, das beweist ja am besten die eben zitierte humorvolle Bemerkung des Herrn Rabbiners. Also auch er sieht mit Schmerzen das Anwachsen des Indifferentismus. Nun kommen die Zionisten und erreichen, was ihm, was allen seinen Berufsgenossen und Gesinnungsgenossen unmöglich gewesen ist, und bringen Scharen aus dem feindlichen Lager * in das unsere zurück. — Herr Dr. Vogelstein will diese Rückkehrenden nicht haben, denn vielleicht, — vielleicht wird dereinst ein Rückschlag eintreten und dann — nun, dann wird es gerade so sein wie jetzt und jedenfalls nicht schlimmer!— Herr Dr. Vogelstein will Garantien haben, — die sichere Bürgschaft, daß'das neue Interesse für das Judentum niemals erlahmt. Wie nun, wenn die Jünger der liberalen Heilsboten zu ihnen sprächen: .,Ihr streicht uns unsere alten Gebote, nehmt uns unsere alten Bräuche, unsere alte Bibel, — alles Dinge, mit denen wir einige tausend Jahre uns beholfen haben, — ihr gebt uns dafür lauter neue, unerprobte Dinge, garantiert uns, daß nicht auf die erste Begeisterung an den hübschen Dingen ein Rückschlag eintritt, — Erschlaffung allen Interesses, eine direkt feindliche Gesinnung gegen alles Jüdische!u — Die Herren hätten keine Antwort, denn ihnen fehlte die Möglichkeit, auf die Geschichte, auf Tatsachen zu weisen, wie wir es können. Die Geschichte würde sie gar bös desavouieren! Denn so kurz die Herrschaft des Liberalismus in seinem kleinen Herrschgebiete ist, — schon heute muß der große liberale Prophet und Gebetbuchdichter davor warnen, Liberalismus mit Indifferentismus zu verwechseln!— Wir aber schaffen keine neuen Illusionen, wie Herr Dr. Vogelstein anzunehmen scheint. Wir stützen uns auf die Tatsache der Existenz des jüdischen Volkes,