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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 41 DIEE^ELT 5 sehen sogar, daß die Kraft, die nur das Böse für uns will, manchmal auch ein Gutes für uns schafft. Eines ist gewiß: Die großen Veränderungen, die wir als Folgeerscheinungen der russischen Umwälzung in den letzten Zeiten erlebten, die vielleicht noch größeren, die in Zukunft bevorstehen, verlangen von uns eine erhöhte Aufmerksamkeit. Gerade weil es sich oft um Wendungen in den Dingen handelt, die ohne unser direktes Zutun erfolgen, ist es unsere Pflicht, wachsam alle Zeichen hüben und drüben zu sammeln, damit wir jeden Rückschlag parieren, aber auch jede neue Möglichkeit rasch und tatkräftig für uns nutzbar machen können. F. ooooo POLITISCHE REVUE Von der schwarzen Presse Das jüdische Proletariat in Rußland hat einen neuen Freund und Bundesgenossen gefunden, und zwar in der reaktionären Zeitung „Rossija". „Die Opposition," so meint diese Zeitung, „die alle echtrussischen Zeitungen kompromittieren will, beschuldigt sie der Lügenhaftigkeit und Grausamkeit. Aber die Opposition ist ja nichts anderes als ein freches politisches Hazardspiel. In Wirklichkeit ist die „Rossija" und sind alle diejenigen, die ihre Gesinnung teilen, voll Sorge um den „jüngeren Bruder", auch wenn er Jude ist." Und wirklich, die „Rossija" vergießt heiße Tränen, da sie sieht, daß Tausende und Abertausende von Juden ihre Heimstätten verlassen, um mit vielköpfigen Familien und ohne Geldmittel in unbekannte Länder zu flüchten, wo ihrer Not und Verzweiflung harren. Aber die „Rossija" ist nicht nur reich an zärtlichen Ausbrüchen des Mitleids und der Barmherzigkeit. Ihre Hauptstärke liegt in dem scharfen Verstände, mit dem sie den Grund und die Zusammenhänge aller Dinge zu erkennen vermag. Indem sie die jüdische Massen-Emigration bitter beklagt, weiß sie auch treffsicher deren Ursachen zu ergründen. Warum fliehen die armen Juden? „Die Opposition", meint „Rossija", „hat darauf eine fertige Antwort: Kischinew, Bjelostok, Siedice, — Pogrom, Pogrom, Pogrom! — Das ist das ewige Lied der heimtückischen Opposition. Sie will uns glauben machen, daß Hunger, Not, Unterdrückung und Pogrompanik dieTriebfedern derEmigrationsbewegung sind. Geübt in tendenziöser Beleuchtung von geschichtlichen Ereignissen und statistischen Ziffern, will sie beweisen, daß beim Anschwellen der roten Pogromwelle sich auch die Emigrationswelle erhebt! Aber so kann nur die arglistige Opposition in ihrem verbrecherischen Partei-Egoismus sprechen. Das ist die unehrliche Logik der Herren Winawer & Co. Doch sobald man sich von billigen Parallelen nicht täuschen läßt, wird es bald jedem sonnenklar, daß die Juden nur deswegen aus Rußland emigrieren, weil sie an die sozialen Wohltaten, die ihnen ihre Revolutionäre versprechen, nicht glauben. Die wahre Ursache der jüdischen Massenauswanderung liegt in der Revolution und den vielen Streiks, die die Juden müde und arm gemacht haben. Die reichen Juden treiben ein politisches Spiel, und die armen verlassen die Heimat. Da ist der Grund des Übels zu suchen." Also spricht die „Rossija" . . . Vor einiger Zeit schon hat sie der staunenden Welt enthüllt, daß die Pogrompanik nichts anderes ist als das Werk der jüdischen Revolutionäre, die dadurch, daß sie die Gemüter in Aufregung versetzen, Stimmung gegen die Regierung machen wollen. Fehlt nur noch der Beweis, daß außer Emigration, Opposition und Pogrompanik auch die Pogrome selbst von den reichen oder revolutionären Juden erzeugt sind, und der Ring ist geschlossen. Man muß staunen, wie schnell der Pogrom sich überall eingebürgert hat. Die Organe der klerikalen Volkspartei in Ungarn, die sich der Koalition angeschlossen hat, drohen den Juden mit einem Pogrom, wenn sie es wagen sollten, die Koalition zu bekämpfen. Sie gebrauchen dabei das russische Kunstwort. Wird die Drohung auch nicht sofort zur Tat, sie ist eine Kampfwaffe, ein Instrument, ein Faktor. Wenn es zur Mode wird, von Zeit zu Pogromdrohungen aus Ungarn Zeit, angesichts irgendeiner Konfliktmöglichkeit, vor den Augen des Juden einen Pogrom an die Wand zu malen, so wird die Sache ebenso natürlich, wie es dem Wilden natürlich scheint, seine Feinde aufzufressen. Man muß wissen, daß es von einer ungeheuren Verwegenheit zeugt, wenn man sich untersteht, in Ungarn russische Methoden als Muster hinzustellen. Hat sich doch der Russenhaß seit der unzarten Berührung mit den Russen unauslöschlich in das Herz gebrannt. Er ist sozusagen das Credo sämtlicher Parteien. Nun will man die Juden in der Ausübung ihrer politischen Rechte einschränken, und man sieht drüben im Moskowiterreich „Pogrome", — da benutzt man die Gelegenheit und versucht ganz nach Moskowiterart die ungarischen Juden einzuschüchtern. Die Juden empfinden es gar nicht, wie sie mit groben Händen umkrallt werden. Der Pogrom ist ein Mene Tekel, auch wenn das Wort nicht zu Drohungen mißbraucht wird. In Galizien zeigt sich das schon ganz klar. Wenn ihr euch meuternd gegen den Staat wendet, gibt's einen Pogrom, — sagen die nüchternen Juden den „Heißspornen". Ein Element ist in die jüdischen Beziehungen eingedrungen. Es wirkt gebieterisch auch dort, wo es nicht realisierbar ist, ein beklemmender Faktor, ein Motiv, das die Freiheit beschränkt. Die Russen mögen zufrieden sein. Neben dem Samowar ist nun auch der Pogrom Gemeingut geworden. Um aber wieder auf Ungarn zurückzukommen, — so gebührt ihm unbestritten der Ruhm, eine andere internationale Kulturerrungenschaft, den Rituaimordspuk, bis zur Spezialität ausgebildet zu haben. In dem klassischen Lande der Tisza-Eszlar-Affäre vergeht kein Jahr ohne eine Ritualmordhetze, die ihren besonderen magyarischen Stempel trägt: Made in Hungary. Die ungarische Hetze zeichnet sich vor den anderswo üblichen dadurch aus, daß sie sich vom Kalender emanzipiert hat. Ostern oder Weihnachten — Pessach oder Jomkipur, — darauf kommt es nicht an. Und das zweite Charakteristikum: daß die Hetzen nicht nur Pöbelwerk sind, daß vielmehr alle Gesellschaftsschichten vom Blutaberglauben durchsetzt sind. Diesmal war es die Jomkipur-Woche, die den ungarischen Juden zwei — allerdings glücklich abgeschlagene — Ritualmordhetzen bescherte. Kroatische und ungarische Blätter (Obzor, Agramer Tagblatt, Budapesti Naplö) melden: In Kaschau feierten die Juden den Bußtag. Da hinterbrachte ein Mädchen der Polizei die Nachricht, die Juden schlachteten soeben in einer Vorstadtsynagoge ein christliches Kind! Der Polizeikonzipist sandte — da nach seiner Meinung Gefahr im Verzuge war — zwei Wachleute und zwei Geheimpolizisten in das betreffende Bethaus, die während des Gottesdienstes eine Hausdurchsuchung vornahmen. Die Bestürzung und Erregung der Juden kann man sich wohl ausmalen. Und siehe da! Schließlich fand man das Kind; doch nicht in der Synagoge als blutendes Opfer unter dem Schiachtmesser, sondern irgendwo auf der Straße, mit Kindern spielend. — Die Kultusgemeinde hat die Kaschauer Polizei wegen Religionsstörung beim Strafrichter angezeigt. Ein zweiter Fall ereignete sich zur selben Zeit in Magyar- Kanizsa. Beim Kantor Aron Weiß war ein christliches Mädchen 2*

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