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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE^ELT No. 41 % '■■m-: .. i;r. sM i- Losung der Judenfrage gewinnen, wie sie in den Programmen der fortschrittlichen Parteien Rußlands ihren Ausdruck erhalten hat. Abgesehen von der internationalen Wichtigkeit der russisch-judischen Emigration muß die Behandlung der Judenfrage in Rußland, wie sie beim Zustandekommen einer Konstitution in Rußland in Aussicht genommen ist, den Charakter der antisemitischen Bewegung verändern und das politische Leben Rumäniens, Österreich-Ungarns und vielleicht auch Deutschlands tief beeinflussen. Die gewaltsam im Ansiedelungs-* rayon zusammengedrängte jüdische Volksmasse hat? dank dem Zionismus und Sozialismus ein ausgeprägtes Nationalgefühl erhalten. Dieses Nationalgefühl ist tief ins Volk eingedrungen. Die Rechte des Judentums als eines abgesonderten nationalen Ganzen müssen in Zukunft anerkannt werden. Insbesondere aber müssen die besonderen Bedingungen der jüdischen Zerstreutheit — der Diaspora, wie es die jüdischen Schriftsteller nennen, — unbedingt besondere Formen politischer Art hervorrufen, die der Erreichung dieser (nationalen) Rechte dienen sollen . . In die uns vertraute Terminologie übersetzt, würde nach Prof. Wernadskis Anschauung die Gestaltung der russischen Dinge einerseits auf mehr oder minder umfassende jüdisch-nationale Autonomien in den Golusländern, andererseits auf die in unserem zionistischen Programm vorgesehene Begründung eines jüdischen Gemeinwesens hinarbeiten. Allerdings, die Prognose Prof. Wernadskis bedarf von unserer Seite einer zumindest zeitlichen Einschränkung. Noch ist eben das demokratische Regime nicht am Ruder, die Kräfte aber, die indessen von Rußland aus in der von ihm angedeuteten Richtung auch nach Westeuropa hinüberwirken, sind gebrochen und darum noch viel zu schwach für eine so radikale Umformung der althergebrachten Gedanken und Verhältnisse. Kein Zweifel aber, daß auch diese ersten mühsamen Versuche einer politischen Konsolidierung des nationalen Judentums in Rußland schon jetzt eine nicht geringe Einwirkung auf das westeuropäische Judentum geübt haben, insbesondere dort, wo — wie z. B. in Osterreich, — bereits Ansätze für eine ähnliche Entwicklung vorhanden waren. Als wesentlichste Folgeerscheinung betrachtet aber Professor Wernadski offenbar die Veränderungen zum Bessern, die die antisemitische Denkweise Westeuropas durch die politische Umformung des russischen Judentums erfahren würde. Was er bei dieser Gelegenheit über den gegenwärtigen Antisemitismus sagt, ist so gut beobachtet, daß wir es — obwohl für uns vielfach nicht neu — hersetzen wollen als ein unparteiisches Dokument vom Tage: „Die Verstärkung des Antisemitismus in Europa überrascht wahrscheinlich (wie mich) jeden unbefangenen Beobachter, der jahrelang nach dem Westen reist und aufmerksam das Leben beobachtet. Es handelt sich da um eine sehr komplizierte Erscheinung, die durchaus nicht allein aus ökonomischen Gründen erklärt werden kann. Der Antisemitismus kann nicht gänzlich oder hauptsächlich als die in falsche Richtung gelenkte erste Äußerung der Unzufriedenheit der Volksmassen mit der bestehenden Gesellschaftsordnung gedeutet werden, — eine Auffassung, wie man sie nach dem Beispiele der deutschen Sozialdemokratie nicht selten in den Schlagworten unserer politischen Parteien ausgedrückt findet. Der Antisemitismus, wie er diejenigen Völker ganz und gar durchtränkt, die nichtStaatsvölker sind, kann alsBeispiel für die Unzulänglichkeit solcher Erklärungen dienen. Hier erscheint der Antisemitismus als elementare Äußerung eines elementaren Nationalgefühls, — als feindselige Haltung der eingeborenen Bevölkerung gegen ein „zugezogenes", „abgesondertes" Element, das ihrem nationalen Kampfe gleichgültig oder sogar feindselig gegenübersteht. In den Gebieten der unterdrückten Völker erscheinen die Juden im allgemeinen als Verbündete ihrer Feinde. So treten z. B. in Ungarn die Juden in ihrem Verhältnis zu den Slaven, Rumänen, Serben und Ruthenen, unter denen zerstreut sie leben, als die hauptsächlichen Förderer der chauvinistischen, magyarischen Staatsgewalt in dieErscheinung.Tn Böhmen und in einigen polnischen Gebieten erscheinen sie als die unbewußten Träger der Germanisierung. Der Antisemitismus auf nationalem Gebiete liegt also außerhalb der Einflußsphäre der ökonomischen Beziehungen. Dazu kommen neue Tatsachen, die aus einer grundsätzlichen Veränderung in den Wünschen und Bestrebungen des jüdischen Volkes in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts hervorgingen. Im jüdischen Volke erwachte das Bewußtsein der nationalen Würde, das Streben nach Gleichberechtigung mit der eingeborenen Bevölkerung, unter der sie eine Reihe von Generationen lebten. Diese Forderung der Juden findet eine Gegenwirkung in den nationalen Bestrebungen der einheimischen Bevölkerung, sie widerspricht denjenigen Formen der nationalen Bewegung, die auf der Grund läge des „Historischen" erwachsen sind. So ist der Antisemitismus der polnischen nationalen Parteien zi erklären, z. B. der Nationaldemokraten, die die Forderung aufstellten: Polen für Polen. Die unvermeidliche Gleich Stellung der Juden in dem neuen Rußland nun kam nicht ohne Einfluß auf die Umgestaltung ihres Verhält nisses zu den Nationalitäten bleiben, deren Stärke ihr „historische .Tradition" ist. Die russische Freiheits bewegung hat so eine große Bedeutung für die Juden Sie bedeutet für die Masse des jüdischen Volkes di endliche Befreiung von jeder Ungleichheit. Selbstver ständlich ist deswegen die bedeutende und wichtig Rolle, die die Juden in der russischen Freiheitsbewegun spielen. Die russische Freiheitsbewegung steht offen sichtlich allen Formen des Antisemitismus feindlic gegenüber. Deswegen kann z. B. die böhmische ant semitische Presse (Prof. Wernadski schreibt seine Bi trachtungen aus Böhmen) diese Bewegung nicht objekti beurteilen. Gleich den russischen offiziösen Blätter: und den Organen der „russischen Leute" übertreibt si den Einfluß der Juden auf unsere Bewegung und vei gißt ob ihres Kampfes mit dem Judentum ganz di Interessen des russischen Volkes." Soweit Prof. Wernadski. Er malt uns frohere Zukunftsbilder, die er detrüben Gegenwart gegenüberstellt. Können wir ui1 ihnen gläubig hingeben, während es drüben nocl so-hoffnungslos verfinstert scheint? Wir wollen unser; Optimismus einschränken, müssen es — in Erinnerun: der vergangenen Schrecken und angesichts des noc:: immer drohenden Unheils — allein wir sehen doc; auch viele Zeichen, wie aus dem großen blutige*■ russischen Chaos sich Keime neuen Lebens, vorwärts strebender jüdischer Entwicklung loslösen. Ja, w

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