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Die Welt · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 12. Oktober 1906 p-rtrf? tW« nwn n"d No. 41. DIE NACHWIRKUNG DER RUSSISCHEN EREIGNISSE Die ungeheuren Umwälzungen, die der Zusammenbruch der russischen Heeresmacht im Osten und die gewaltsame Emanzipation der Volksmassen im Reiche selbst hervorgerufen haben, — vor drei kurzen Jahren selbst von den kühnsten Phantasten nicht einmal geahnt, — beherrschen heute schon so nachhaltig die internationale Kalkulation, daß sie uns fast schon wie. alte natürliche Bestandteile der Realpolitik unserer Tage anmuten. Politische Dogmen, die die starre Kraft von Jahrhunderten hatten, sind in sich zusammengefallen — und spricht man heute von diesen epochalen Veränderungen, die weltgeschichtliche Bedeutung haben, so klingt vieles schon wie ein Gemeinplatz. Dabei aber sind die Dinge in stetem Fluß, die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen, und wir haben immer wieder zuzulernen, umzuwerten. Daß auch für die Geschicke des jüdischen Volkes die Umwälzung in den russischen Dingen von schwerwiegendster Bedeutung ist, ist zu selbstverständlich, als daß man es erst ausführen müßte. Nicht alle aber sind sich klar darüber, daß es sich jetzt — sub specie unserer nationalen Aspirationen betrachtet — um außerordentlich viel mehr handelt, als um das Freiwerden unserer Brüder in Rußland, ihre politische und bürgerliche Emanzipation. So wichtig dieser Freiheitskampf ist, so gewaltig auch die Kraft und der Impuls wären, die von einem befreiten russischen Judentum ausgingen, — unser gesamtes Volksleben wird von den russischen Veränderungen noch vielfach und nicht weniger nachhaltig beeinflußt. In dem Artikel „Große Momente" in der vorigen Nummer der „Welt" ist bereits angedeutet worden, wie die Erschütterung Rußlands als einer asiatischen Kolonialmacht die Lösung der Probleme des nahen Ostens, insbesondere Palästinas, näher rückt. Niemand kann natürlich voraussagen, wann diese Probleme tatsächlich aktuell werden, — aber das ist sicher, daß eine Etappe der Entwicklung in überraschend kurzer Zeit zurückgelegt worden ist. Das schwarze Gespenst des russischen Kolosses, vor dem selbst England vor und noch zu Beginn des russo-japanischen Krieges zurückwich, hat seine Schrecken und damit seine Macht verloren. — Die hinterasiatischen Fragen, von denen man glaubte, daß sie lange Jahre oder Jahrzehnte die Diplomatie oder gar die Armeen und Flotten Rußlands und Englands beschäftigen würden, werden in absehbarer Zeit leidlich gelöst werden, — und Vorderasien und damit Palästina gelangt in den Brennpunkt des Interesses. Das ist eine der indirekten Folgen aus der russischen Umwälzung, ebenso unerwartet wie hochbedeutsam für unsere nationale Zukunft. Gleichfalls von nicht zu unterschätzender Bedeutung für uns — wenngleich auf ganz anderem Gebiete liegend — ist eine andere Tatsache, die indirekt aus den großen Geschehnissen in Rußland resultiert. Wie Rußland selbst, so wurden auch die russischen Juden und ihre Geschicke der Kenntnis und der Aufmerksamkeit Westeuropas plötzlich nähergerückt. Jeder von uns weiß, wie noch vor wenigen Jahren westeuropäische Juden und Nichtjuden in betreff des osteuropäischen Judentums in beispielloser Unkenntnis befangen waren. Freilich, daß es jetzt anders geworden ist, das ist mit Strömen Blutes teuer genug erkauft worden. Aber die Tatsache steht fest, daß es anders geworden ist, daß man jetzt an vielen Stellen das jüdische Problem nicht mehr als eine Lokalerscheinung, sondern als ein groß-politisches anzusehen und über die Notwendigkeit seiner Lösung nachzudenken beginnt. Was das für unsere Volksbestrebungen bedeutet, braucht nicht erst ausgeführt zu werden. Noch von anderen Gesichtspunkten aus betrachtet Prof. W. I. Wernadski in einem längeren Artikel im russischen Blatte „Rjetsch" die Einwirkung der russischen Geschehnisse auf die Entwicklung der Judenfrage. Prof. Wernadski, der auf einer Reise im Ausland begriffen, seine Beobachtungen mitteilt, führt zunächst in geistvoller Weise aus, wie sehr große westeuropäische Bewegungen, insbesondere politische und nationale, durch die Umwälzungen in Rußland neue Impulse und unerwarteten Sukkurs erhalten hätten (z. B. die Sozialdemokratie, die ruthenischen und großpolnischen Bestrebungen u. s. w.) und äußert sich dann, auf die Juden übergehend, wie folgt: „Eine große internationale Bedeutung wird die

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