Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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HS: 18 DIE3SELT No. 40 rll*j?*; 1 'lv M *wM * * i. 4 i\ i i .f Unruhen zu verhüten. Die Deputation erzählte dem Gouverneur, daß die Kaufleute Angst haben, ihre Geschäfte abends offen zu halten, weil so viele Raubanfälle vorkommen, speziell auf jüdische Läden. Außerdem baten sie den Gouverneur, den Droschkenkutscher zu befreien, der verhaftet wurde, weil er bei erneuten Provokationsschüssen am letzten Samstag erklärte, daß Soldaten diese Schüsse abgefeuert haben. Der Gouverneur versprach, den Kutscher freizulassen, und die Deputation kehrte beruhigt in die Stadt zurück. Der Jahrmarkt verging vollständig ruhig, war aber sehr schlecht besucht. Die Militärposten waren während des ganzen Tages verstärkt. In den nächsten Tagen wird das Komitee 10000 Rubel unter Kleinhändler verteilen, welche nach dem Pogrom in der größten Not geblieben sind. Viele jüdische Geschäfte sind geschlossen, weil man sie vollständig geplündert hat. Die Not ist ungeheuer, und das Komitee erhält in den letzten Tagen kein Geld. Es besitzt eine so kleine Summe, daß von einer radikalen Hilfe nicht die Rede sein kann. Nach den Meldungen des Korrespondenten des „Weg" drücken viele jüdische Familien dem Adjutanten des Dubinski-Regiments Stojanow ihren herzlichen Dank aus, weil er vieler Leben und Vermögen gerettet hat. Es kam einigemal vor, daß betrunkene Soldaten ihm deswegen gedroht haben und ihn „jüdischer Offizier" nannten. Siedice. Das Neujahrsfest verlief ruhig. Am Donnerstag den 20. September kam aus Warschau ein Beamter für besondere Angelegenheiten. Er lud den Rabbiner und den Gemeindevorsteher zu sich ein und bat sie, daß am nächsten Tage alle diejenigen bei ihm erscheinen sollten, welche vom Pogrom irgendwelchen Schaden davongetragen haben. Am nächsten Tage begaben sich viele zu ihm, trafen aber vor seinen Türen eine starke Militärpatrouille. Nur einige Leute wagten sich zum Beamten hinein......Am Freitag und Sonnabend wurden aus dem Gefängnisse 4 „Revolutionäre" freigelassen. Sonnabend abends brach in der Stadt eine starke Panik hervor. Unweit vom Englischen Hotel in der Pienknastraße feuerten zwei Dragoner Revolverschüsse in die Luft ab. Sofort erschienen aus dem Hotel zwei Offiziere und fragten, von welchem Balkon geschossen wurde. Glücklicherweise bezeugten zwei Droschkenkutscher, daß Soldaten geschossen haben. Dasselbe wurde auch von einer Militärpatrouille bestätigt. Die Täter entkamen. Das Polizeidepartement wandte sich an den Gendarmeriechef in Siedice mit der Verordnung,, daß dieser ein genaues Verzeichnis der politischen Häftlinge in Siedice bis zum 14. September vorlegen soll. Der Warschauer Generalgouverneur Skalion hat noch bis jetzt keinen ausführlichen Bericht über die Ereignisse in Siedice nach Petersburg gesandt. Deswegen wurde am 25. ds. Mts. das folgende Telegramm an ihn abgesandt: „Wir ersuchen Eure Durchlaucht, die Untersuchung, welche Sie einem speziellen Beamten übergeben haben, zu beschleunigen. Untersch.: Gehilfe des Ministers des Innern Makarow. Das zionistische Aktionskomitee hat dem Hilfskomitee in Siedice weitere 1000 Rubel überwiesen. Bendzin. Infolge der hartnäckigen Pogromgerüchte begab sich eine jüdische Deputation mit Rabbiner Graubart an der Spitze zum Kommandanten des Militärschutzes (Ochrana). Der Kommandant versicherte, daß die Einwohner vollständig ruhig sein können, weil alle Maßregeln zur Verhütung von Unruhen bereits unternommen wurden. Warschau. Die Feiertage vergingen ganz ruhig. Die Mehrheit betete in Privatwohnungen. Die Synagogen waren fast leer. Die einzige Revision einer Synagoge fand in der Wolskastraße statt. Sie dauerte einige Stunden. Es wurde nichts Verdächtiges gefunden; auch wurde niemand verhaftet. Petersburg. In den letzten Tagen werden hooligansche Proklamationen in ungeheuren Mengen verbreitet, die die Aufschrift „An die Bauern" tragen. Odessa. Im Zentrum der Stadt, im Viertel, wo sich das berühmte Teehaus des „Verbandes des russischen Volkes" befindet, spielen sich täglich schreckliche Szenen ab. Das Teehaus wurde zum Zufluchtsort für alle Hooligans der Stadt. Diese überfallen auf den Straßen des Viertels Juden, Studenten, Schuljugend und überhaupt Leute mit intelligentem Äußern. In den letzten Tagen wurden 24 Juden überfallen, bestohlen und verwundet. Odessa. Infolge der Grausamkeiten des „Vereins der echtrussischen Leute" begab sich eine jüdische Deputation zum Baron Kaulbars. Kaulbars erklärte, daß er den Verein protegieren wird, und daß nächstens viele Abteilungen dieses Vereines in verschiedenen Stadtteilen eröffnet werden. Die Polizei, die bis jetzt die Tätigkeit des Vereines vollständig billigte, wurde doch beängstigt durch die sich immer öfter wiederholenden Anfälle auf Juden und Intelligenz. Der,Polizeimeister sandte an Konowizin nach Petersburg ein Telegramm, daß er nach Odessa kommen solle, weil die Situation sehr kritisch sei. Petersburg, 29. September. Aus Odessa wird gemeldet: Einer jüdischen Abordnung, die bei Kaulbars erschien und ihn bat, den wüsten Ausschreitungen der „Wahrhaft russischen Leute" entgegenzutreten, erklärte dieser, er werde den Verband der „Wahrhaft russischen Leute" mit allen Kräften fördern. Der Verband werde demnächst in Odessa noch einige Zweigvereine eröffnen. Die Polizei, die dem Verbände gegenüber wohlwollende Neutralität beobachtete, geriet wegen der Ausschreitungen des Verbandes schließlich doch in Aufregung, und der Polizeimeister wandte sich an den in Petersburg befindlichen Vorsitzenden des Verbandes der wahrhaft russischen Leute in Odessa, Grafen Konownizin, in einem Telegramm mit der Bitte, er möge unverzüglich nach Odessa zurückkehren. Länger könne das Unwesen der Verbandsmitglieder so nicht fortgehen. In Odessa geht das Gerücht um, Graf Konownizin sei für den Posten des Gouverneurs von Wjatka in Aussicht genommen. — Ferner wird aus Odessa gemeldet: Die vom Verbände der wahrhaft russischen Leute verübten Oberfälle und Morde riefen eine Spaltung im Vorstande des hiesigen Verbandes hervor. Neun von zwölf Mitgliedern des Vorstandes forderten die Entwaffnung der Mitglieder des Verbandes und den Übergang zu friedlicher Taktik. Die Generalversammlung nahm den Antrag an, doch Graf Konownizin telegraphierte aus Petersburg, die neun Antragsteller seien sofort aus dem Verband zu stoßen. Die Ausgestoßenen wandten sich an die Behörden mit der Bitte, gegen Konownizin Maßnahmen zu ergreifen. Konownizins Drahtanordnung wird vollkommen verständlich, wenn die Blättermeldung richtig ist, daß er eine zweistündige Unterredung mit Stolipin gehabt habe, der den Grafen versichert habe, der „Verband der wahrhaft russischen Leute" könne auf die Unterstützung der Regierung rechnen. Stolipin habe dabei auf die Gefahren hingewiesen, welchen er selbst, für das wahre Wohl des Vaterlandes arbeitend, ausgesetzt sei. Weiter besagen Odessaer Nachrichten, Kaulbars habe der Judenabordnung erklärt, wenn auch nur einem Mitglied des „Verbandes der wahrhaft russischen Leute" ein Haar gekrümmt werde, werde in Odessa Blut in Strömen fließen. Diese Aeußerung versetzte die Bewohner in Schrecken. In der Stadt werden zahlreiche Proklamationen verbreitet, in welchen das Arbeiterkomitee die Bevölkerung aufruft, den wahrhaft russischen Leuten entgegentreten, sich gegen sie zu organisieren. Odessa, 29. Sept. In den letzten Monaten sind gegen zweieinhalb Tausend Juden nach den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien ausgewandert. Die Bjelostoker Gemeinde assignierte 400 Rubel für Errichtung eines Denkmals auf dem Grabe des während des letzten Pogroms gefallenen Realschülers Paul Dikar. Er wurde von den Hooligans getötet, weil er versuchte, seinen jüdischen Kameraden Lapidus zu verteidigen. Es wurde auch beschlossen, ein Stipendium auf seinen Namen an der Realschule zu gründen. Das „Preßbureau" teilt mit, daß der Premierminister Stolypin seine Aufmerksamkeit auf die noch nie dagewesene Agitation der westeuropäischen Presse infolge der Gerüchte über einen Pogrom in Warschau zugewandt hat. Er verordnete, daß ihm diesbezügliche Notizen der ausländischen Presse, insbesondere der Zeitungen der gemäßigten und konservativen Richtungen, vorgelegt werden. In Warschau wird in den Kasernen ein Aufruf verbreitet, welchen der „Verband des russischen Volkes" an das russische Heer gerichtet hat. In diesem Aufrufe wird gesagt, daß an den unglücklichen Verhältnissen in Rußland Juden und Polen schuldig seien. Der Aufruf schließt mit den Worten: „Soldaten, zeigt den Juden und den Polen, daß in Rußland noch treue Söhne des Vaterlandes vorhanden sind, welche für Zar und Vaterland einstehen können. Rechnet mit den Feinden so ab, wie es euch eure Pflicht und euer Gewissen gebietet. Keine Folgen habt ihr zu befürchten." Zolotonos cha. Im hiesigen Gericht fand die Gerichtsverhandlung über den Oktoberpogrom im Dorfe Drabow statt. Acht Personen wurden zu Gefängnisstrafen von einem Monat bis zu einem Jahr verurteilt. Kopciowo (Gouv. Suwalk). Es wird hier eine starke Pogromagitation durch den Priester geführt. Er arrangiert große Versammlungen und hetzt die Bauern gegen Juden auf. Auch hat er einen vollständigen Plan für einen Pogrom ausgearbeitet. Zur Duellaffäre Jacobson-Smirnski „Nowoje Wremja" veröffentlicht einen Brief des Vorsitzenden des Offiziersgerichts der 35. Artilleriebrigade, in welchem erklärt wird, daß das Gericht durch den im „Wöjennyj Golos" publizierten Brief Jacobsons vollständig befriedigt ist und damit die ganze Duellaffäre für erledigt erachtet. 'iJäÄsB^-