Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der jüdischen Emigrationsbewegung Das Odessaer Informationsbureau jür jüdische Emigranten hat aus Palästina die Nachricht erhalten, daß beim Bau der Bagdadlinie gute Tischler, Maschinenarbeiter, Schlosser und allerlei Handwerker gesucht werden. Besonders gern werden junge Handwerker angenommen. Der Sekretär des Informationsbureaus wandte sich an die Baukommission mit der Anfrage über den Lohn, die Arbeitszeit und die lokalen Lebensverhältnisse. Wenn die Antwort günstig ausfallen wird, wird das Bureau die Ergebnisse publizieren. „Birschewyja Wjedomosti" melden, daß die russische Regierung sich an die deutsche Regierung in der Angelegenheit der jüdischen Emigranten, welche unter Pogromen gelitten haben, zu wenden beschloß. Im Falle des Einverständnisses der beiden Regierungen will die russische Administration Vorbeugungsmittel gegen die ungesetzliche Emigration treffen. Die VII. Konferenz des jüdischen Arbeiterbundes Vor einigen Tagen fand die VII. Konferenz des „Bundes" statt. An den Wahlen von Deputierten zu dieser Konferenz haben sich 23 000 Wähler beteiligt. Nach den Wahlstatuten hatten 28 000 Parteimitglieder Wahlrecht. Von den Delegierten besaßen 68 entscheidende Stimme, 24 beratende Stimme; unter diesen befanden sich 6 Mitglieder des Zentralkomitees, das ausländische Komitee des „Bundes", 2 Delegierte vom Zentraiverband der bundistischen Organisationen in Amerika, 2 eingeladene Vertreter der russischen sozialdemokratischen Partei, 1 Vertreter der lettischen Sozialdemokratie, 1 Vertreter der armenischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation. Die Konferenz dauerte 11 Tage. Auf der Tagesordnung standen folgende Fragen: 1. Die Konstituierung der Konferenz. 2. Bericht des Zentralkomitees. 3. Die gegenwärtige Situation und die Aufgaben der Sozialdemokratie. 4. Die Vereinigung des „Bundes" mit der russischen sozialdemokratischen Partei. 5. Das Organisationsstatut. 6. Professionelle Vereine. 7. Wahlen in das Zentralkomitee. 8. Varia. Angesichts der kurz abgemessenen Zeit wurden die Fragen der -rofessionellen Vereine und des Organisationsstatuts von der Tagesrdnung gestrichen. Den Hauptpunkt bildete die Frage der Vereinigung der undistischen Partei mit der russischen Sozialdemokratie. Mit 47 egen 20 Stimmen wurde die Vereinigung beschlossen, Den zweitwichtigsten Punkt der Tagesordnung bildeten die ragen der Taktik. Es wurden zwei Resolutionen angenommen. Die erste bestimmt die Losung der Partei für den gegenwärtigen loment und behandelt die Frage der Teilnahme an den bevoriehenden Dumawahlen. Die zweite Resolution richtet sich gegen die partisantische aktik als Kampfmittel. Die Zeitung „Proletarij" meldet, daß die Zahl der Mitglieder er russischen sozialdemokratischen Partei 70 000 beträgt, unter;iesen 31 000.Russen, 11 000 Letten und 26 000 Polen. Der „Bund" ählt 30 000 Mitglieder. Die ganze russische sozialdemokratische 'artei zählt jetzt also 100 000 Mitglieder. Der jüdische Kleinkredit Wie die Zeitungen schon bereits gemeldet haben, erteilte die •egierung die. Erlaubnis, jüdische Kleinkreditanstalten ohne jede Begrenzungen zu gründen. Bis jetzt waren jüdische Kleinkreditesellschaften verboten. Der Minister des Innern, Sipiagin, war egen den jüdischen Kleinkredit. Es wurde die Verordnung herausgegeben, daß die Verwaltung oder Kleinkreditanstalt zwei Drittel Christen zählen muß. Der Vorsitzende und der Aufsichtsrat müssen christlich sein. Es wurde also bestimmt, daß die Leiter einer jeden solchen Anstalt Christen sein nässen, auch wenn die Kreditgesellschaft aus lauter Juden besteht. ^)iese Verordnung hat den jüdischen Kleinkredit vollständig untergraben. UnterPlehwe wurden noch verschiedene andereBeschränkungen;ür die Gründung jüdischer Kleinkreditanstalten geschaffen. Und so <ing es bis zur letzten Zeit. Endlich hat aber das Ministerium des nnern die Sache des jüdischen Kleinkredits dem Finanzministerium iberwiesen, und dieses hält es nicht für nötig, den jüdischen Klein- '^redit zu ersticken. Und seit den neuesten Verordnungen fängt der jüdische Kleinkredit an, sich wieder zu erheben. Jüdische Auswanderer Der „Dresdener Anzeiger" meldet aus Dresden vom 11. v.: Vom Grenzbahnhofe Oderberg langten Sonnabend gegen Abend auf dem hiesigen Hauptbahnhofe eine Anzahl russischer Juden an, die — Männer, Frauen und Kinder — nach der Schweiz weiter reisten. In Galizien waren die Leute, von Granitza kommend, durch ein Hilfskomitee gepflegt, gespeist und mit allem Nötigen zur Fortsetzung der Reise versehen worden. Leider waren zwei Frauen und auch die Kinder ganz erschöpft, so daß nur kurze Strecken von den Fremden zurückgelegt werden können. Im Gespräch mit unserm Berichterstatter erzählte der Führer, daß an der polnischrussischen Grenze, in Granitza, Krakau, Lemberg usw., über 25 000 geflüchtete Juden lägen, die von Hilfskomitees unterstützt würden. Die polnischen Stammesgenossen überböten sich in liebevoller Aufnahme, ganz Polen beherberge indes zurzeit eine so große Masse aus Rußland geflüchteter Juden, daß die Hilfsmittel kaum ausreichten. Die beklagenswerten Leute, welche am Sonnabend hier durchreisten, wollen sich dauernd in der Schweiz niederlassen, wo sie bereits erwartet werden. Eine Kosakenproklamation Lublin. In der letzten Zeit werden Massenverhaftungen und Massenrevisionen veranstaltet. Mit dem Anbruch der Dunkelheit hört jeder Verkehr auf den Straßen auf. Einen starken Eindruck machte die von den Doner Kosaken veröffentlichte folgende Proklamation : „Hiermit erklären wir den Einwohnern von Lublin, daß, wenn man sie um 8—9 Uhr abends noch auf den Straßen treffen wird, man sie bestrafen wird ohne Rücksicht darauf, ob sie schuldig sind oder nicht." Dieser Aufruf wendet sich weiter gegen Juden und Revolutionäre. Wenn einer von ihnen dem Gesetz oder dem Befehl des Gouverneurs nicht gehorchen oder ein Attentat auf Polizisten, Soldaten oder Kosaken ausüben wird, so wird man ihn nicht nur mit Gewehrkolben, sondern auch mit Knuten an Ort und Stelle bestrafen. Der Gouverneur beruhigte die Deputation, die sich an ihn wandte, und publizierte am 20. September folgenden Aufruf an die Bevölkerung: „In der letzten Zeit werden beunruhigende Gerüchte in der Stadt verbreitet. Deswegen erachte ich für nötig, zu erklären, daß alle diese Gerüchte falsch sind und daß alle Maßregeln zur Verhütung von Unruhen unternommen wurden." Unruhen in Bessarabien Bukarest. Nach Meldungen aus Bessarabien haben in der Nacht vom 27. auf 28. v. M. in allen Städten, Marktflecken und Dörfern durch Militär- und Zivilbehörden Haussuchungen stattgefunden. Die Juden waren beschuldigt worden, in den Bethäusern revolutionäre Versammlungen abgehalten zu haben. Nach Meldungen aus Jassy sind gestern verschiedene Leichen ermordeter Juden auf der Pruth schwimmend gesehen worden. Personalien Verlobung. Unser Gesinnungsgenosse E. M. Lilien hat sich mit Fräulein Helene Magnus aus Braunschweig verlobt. Berichtigung. In dem anläßlich der Jahreskonferenz in unserem Blatte veröffentlichten Referat des Herrn Prof. 0. Warburg soll es statt Kothen er „Technikum" — „Polytechnikum" heißen. Briefkasten der Redaktion. V. J. St., Königsberg. Herzlichen Dank, Zionsgruß W. P. M. in Nagy-Tapolcsäny. Die Mitteilung ist absolut unwahr. Es kann sich höchstens um eine Verschleppung der Expedition durch die Post handeln. Beim Zentralbureau des Jüdischen Nationalfonds in Wien sind folgende Brief markenspenden eingegangen: A. Brettholz, Dioszeg. Gebrüder Kipper, Warschau. Realschüler Salo Dachner, Skala. Techniker S. Ultmann. Frl. Jenny Steinschneider. Frl. Lotte Grün. Chaim Smotricz jun., Suczawa. A. Marmorstein, Linz. Bruno Pollak, Tourkoing. Zionistische Verbindung „Ivria", Besterce. Allen Spendern herzlichsten Dank und Zionsgruß! Edmund Binder, Nickelsburg. „Ossid" Frl. Rosa, Eger. Emst Müller, Kremsier. Nickelsburger Zionisten. Frl. Laura Gottesmann, Berszczow, Fryda Safir, Debica. Verbindung „Dr. Max Nordau'% Neunkirchen Max Weinberger, Klosterneuburg. N. Laupinger, Sambor. Allen Spendern herzlichsten Dank und Zionsgruß! Marken aus Bosnien, Rumänien, Serbien, Bulgarien, Südafrika, Zentralamerika und Australien sehr erwünscht.