Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 40 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 -DIE3 Tatsächlich ist die edle Schadenfreude des „Neuen Weges" weder vermessen, noch ruchlos, sondern töricht. Seine Gehässigkeit wird durch Naivetät gemildert, und seine Jargon-Begeisterung *st ein erkünstelter Schwung, wie auf den Lippen des Bärenführers. Die Sprache, weiche der antike und sich fortwährend verjüngende Genius des Judenvolkes geschaffen hat, die Sprache, welche die Pharaos, die Hamans, die Antiochus Epiphanes, die jüdischen Griechlinge bis zur Assimilation neuerer Zeiten überlebt und ihnen Nekrologe geschrieben hat, wird auch den „Neuen Weg" überleben. Wenn einige hebräische Zeitungen dem Druck der Verhältnisse oder der äußerster Entbehrung zeitweilig erlagen — so ist es ein Pogrom, ein Stocken, eine vorübergegende Krise und keineswegs eine natürliche Entwicklung. Wenn überhaupt keine Literatur in Rußland jetzt gedeiht — so ist es ein Symptom der Verwirrung, der Unsicherheit, der Erschütterungen, die alles, auch das Mächtigste, aus dem Geleise gebracht haben. Was jetzt vorgeht ist anormal, und man steht vor einem geheimnisvollen Werden. Wo ist denn die Jargon- Literatur jetzt? Fühlt sie nicht den Splitter irn eigenen Auge? Muß nicht ein Volksschriftsteller wie Scholom Aleichem wandern? Ja, eine bange Schwermut bemächtigt sich der Seele des Hebräers. Ohne Tiefdeutigkeit und Geheimniskrämerei liegt die Sache klar. Der Hebräer spricht wo er kann an das jüdische Volk in den Sprachen, die es versteht. Man braucht kein Sprachfanatiker zu sein und, frei von aller Empfindelei, ist das Hebräische die einzige Nationalsprache aller Juden, und nach dem momentanen Stillstand bereitet sich ein neuer Fortschritt vor. Dem „Untergang des Hebräischen" wird die Ewigkeit des Jargons entgegengestellt. Es ist, gelinde gesagt, Torheit, egoistischselbstgefällig in diesen Ewigkeitsvorstellungen zu schwelgen. Tausend Beweise zeigen, daß der Jargon überall schwindet, wo die Juden andere Sprachen erlernen. Die Logik diktiert, daß wenn die Juden, wie es die „Neu-Weg-Weiser" wollen, als ein materialistisch angelegtes Volk, nur nach ihren derben Bedürfnissen wachsen sollen, gar kein Grund vorhanden sein wird, die Zerstörungswut gegen das Herkömmliche gerade hier zu hemmen. Der gute Geschmack lehrt, daß das Jüdisch-Deutsche, anmutig wenn es von national-hebräischem Geiste durchtränkt ist, durch die Ausschaltung dieses Elements zur rohen Fratze wird. Es dient wohl dem Tag und seiner Pflicht, es soll weder verherrlicht noch herabgewürdigt werden, es soll und muß benutzt werden, aber daß dieser Volkssprache jegliche Voraussetzung, eine Nationalsprache für die Dauer zu werden, fehlt, müßte wohl auch ein Kind verstehen. Wir mögen in vielen Ländern wohnen. Nur ein historischnationales Land haben wir. Es heißt Palästina. Wir mögen viele Sprachen, benutzen. Nur eine historisch-nationale Sprache besitzen wir. Sie heißt: Hebräisch. Beide müssen nicht nur erhalten, sondern auch regeneriert werden, von vielen Ländern aus und durch die Propaganda in vielen Sprachen. Man kann das gar nicht oft genug sagen. Ich will ein Phänomen erwähnen, das nicht allgemein bekannt sein wird. In Tunis bestand auch ein Jargon unter den Juden, ein arabisch-jüdischer Jargon. Seitdem die dortigen Juden in Berührung mit dem ersten Einfluß der französischen Kultur gekommen sind, begann eine literarische Kultivierung dieses Jargons. Man schrieb über die französische Revolution, man übersetzte Balzac und — Paul de Cock. Vierzig Jahre dauerte diese Literatur. Die Sache ist schon antiquarisch geworden. Ich habe eine komplette Sammlung bei einem Freunde gesehen. So sehen die Jargon-Ewigkeiten aus. Und die Eintagsfliegen- KELT 15 Apostel nehmen das Sargmaß für Hebräisch! Ist es widerwärtig oder lächerlich? Ich glaube, das letztere. * * Die Zeiten liegen hinter uns, da wir gelehrte Baale-Batim hatten. Der Typus war in den jüdischen Zentren stark vertreten. Es waren keine Berufsrabbiner, keine hölzerne Kabinetts-Literaten, die mit Bet-Hemidrasch-Fleiß 100 Bände durchstöbern, um einen 101-ten Band zusammenzuschustern. Es waren keine archaisierenden Forscher, die gründlich-langweilige Doktor-Dissertationen schreiben und mit wichtiger Gebärde alte Manuskripte an den Tag fördern. Die Literatur-Baale-Batim waren Menschen, die im Leben standen und jüdische Wissenschaft con amore pflegten. Es war viel gespreizter Dilletantismus, oberflächliche Halbbildung, aber im ganzen war diese Erscheinung sympathisch. Sie zeugte von einem nicht berufsmäßigen, aber innerlichen Sinn für das Wissen, und oftmals leisteten diese Liebhaber Großes für das jüdische Schrifttum. Daß dieser Typus auch im fernen Osten verbreitet ist, daß werden wohl wenige wissen. Die Chachamim des fernen Ostens haben in der letzten Zeit nicht viel geschaffen. Daß es noch Baale- Batim gibt, die es mit Forschern ersten Ranges auf dem Gebiete jüdischer Literatur aufnehmen könnten — war unbekannt. Einer dieser Wenigen war Herr Joseph in Shanghai, von dessen Ableben der Shanghai Zionist Messenger in seiner letzten Nummer berichtet. Herr Joseph war aus Bagdad gebürtig. Er war ein Zögling des Bagdader Bothe Midraschim und verband mit einem ungeheuren hebräischen Wissen die höchste Kultur des Westens. Ein Orientale und ein Orientalist, widmete er sich der Erforschung arabischjüdischer und spanisch-jüdischer Dichtung mit großem Eifer. Sachkundig, mit feinem philogischem Verständnis und mit objektivem Urteil hatte er in seinen Abhandlungen über Jehuda Halevi,. Salomon Ben Gabirol und Moses Ibn Ezra das Lokale, das Arabisch- Jüdische klargelegt. Ich verfolgte mit Staunen seine ersten Arbeiten im „Hoassyf". Niemand drang so tief wie dieser orientalische Jude in den Geist des Semitisch-jüdischen. Nicht nur, daß er das Handschriftenmaterial prüfte und es mit den bekannten Ausgaben zu vergleichen pflegte, nicht nur, daß man die Mühe bewundern mußte, mit der dieser freie Gelehrte sich in den so ordnungslos untereinandergemischten „Canons" zurechtfand — man fühlte es, daß dieser Jude aus Babylonien näher zu den Quellen stand. Er war wie ein weiser Ibn Ezra, wie eine Fortsetzung jüdischer Gelahrtengenerationen aus der Zeit des Bagdader Kalifats. Ich kannte ihn seit vielen Jahren und stand mit ihm in lebhaftem Briefverkehr. Er soll in der internationalen Geschäftswelt eine hervorragende Stellung eingenommen haben, seine Briefe trugen die Firma „Joseph & Co." — aber sie sahen wie hebräische Manuskripte aus dem XII. Jahrhundert aus. Ich hatte anfangs alle Mühe, diese Schrift zu entziffern und glaubte einen Hokus-Pokus von „Melitza" vor mir zu haben. Gewöhnlich sind es ja „Schnorrer- Briefe", die zickzackmäßig gezirkelt, aus dem Orient kommen. Nun war aber Herr Joseph das Gegenteil von einem Schnorrer: ein jüdischer „grand-seigneur", ein Abkömmling der „Mejuchassim" aus Babel, der in einer alten jüdischen Welt lebte. Ein Zionsschwärmer, ein lebensvoller Nationaljude, der unter dem grauen Himmel Chinas das ewige Feuer Halevis hütete. Er war der erste, der sich für die chinesischen Juden interessierte und einer der ersten in der zionistischen Vereinigung in Shanghai. Und er starb — dort fern in China, in andalusisch-zionistische Dichtungen versenkt — einer der nrnn nbiw Ns*